Archiv – Seite 24 – Jazzclub Biberach e.V.

10.02.2023: Vogelfrei-FM

Frischer Wind aus heimischen Gefilden

Vogelfrei-FM auf der musikalischen Erfolgsspur

BIBERACH – Erneut in voller Auslastung geriet das dritte Konzert in der Heimattage-Reihe des Jazzclubs trotz technischer Startschwierigkeiten zu einem außergewöhnlichen Event. Ein neuer, bisher kaum wahrgenommener Stern am Komponistenhimmel scheint aufgegangen. Der Warthausener Schlagzeuglehrer Markus Merz, der peruanische Multi-Perkussionist und Wahlbiberacher Cesar Gamero und die Brüder Jochen und Alex Vogel aus Biberach haben sich, trotz räumlicher Nähe, erst vor Kurzem zu einer neuen ungewöhnlichen Formation unter dem Namen „Vogelfrei-FM“ zusammengefunden. Ohne stilistische Festlegung wildern sie – vogelwild – in den angesagten Musikstilen der jüngeren Vergangenheit und interpretieren diese neu, auf ganz individuelle und authentische Weise, jedoch durchaus überzeugend.

Leises, nach Aussage eines frühen Gastes durchaus beruhigendes Meeresrauschen empfing die Gäste im Jazzkeller und schien Teil der Inszenierung zu sein. Als beim ersten Songtitel „LGE.A.B“, einem funky und mit viel Power gespielten Stück im Stil der 70er- und 80er-Jahre dann die E-Gitarre verzerrte Klänge produzierte, schien auch das zunächst ein beabsichtigter Effekt, der allerdings nach den Schlusstakten einfach nicht enden wollte. Allgemeine Ratlosigkeit und zunehmend anschwellendes, weißes Rauschen bremsten die Begeisterung und streuten vorübergehend Sand ins konzertante Getriebe. Als auch die versammelte technische Kompetenz aller Anwesenden zu keiner Lösung führte, wurde kurzerhand – während einer kleinen Rauch- bzw. Rauschpause – umgestöpselt. Rauschfrei und mit neuer Souveränität nahm das Programm danach seinen Fortgang.

Wo der anspruchsvolle Jazzhörer vielleicht Bedenken ob der stilistischen Vielfalt und Authentizität der Musikstücke aus der Feder des Gitarrenlehrers Jochen Vogel hätte haben können oder gar eklektizistische Oberflächlichkeit befürchtet hatte, ließ der überzeugende Personalstil des Komponisten diese Bedenken schnell verschwinden. Als wahrer Meister seines Fachs ließ der versierte Gitarrenprofi die verschiedensten Spieltechniken und Patterns sowie deren stilistisches Umfeld in Stücke mit völlig eigenständigem Zuschnitt einfließen. Auf der klassischen Gitarre virtuos zelebrierter Flamenco, etwa in „Deception Of The Hearts“, überzeugte ebenso wie diverse Funk-, Fusion- oder gar HipHop-Nummern. Hier fanden auch die vielfältigen technischen Helferlein ihre klangliche Rechtfertigung. In diversen Latin-Titeln, in Samba, Salsa oder Bossa, konnten sich die mit umfangreichem Equipment ausgestatteten Schlagwerker Markus Merz und Cesar Gamero nach Herzenslust austoben. Einprägsame Riffs, oft auch im Unisono zwischen E-Bass und E-Gitarre, akzentuiert durch perkussive Grooves sowie gestaltkräftige, vielfach auch mit ungekünstelter Naturstimme gesungene Melodien hielten alles zusammen.

Aus den meisten Songtiteln ersichtlich und durch die erläuternden Ansagen von Jochen Vogel verdeutlicht, war ein weiteres verbindendes Element des Programms der spezifische Kompositionsstil und die Inspirationsquellen zu den scheinbar so divergenten Stücken. Pittoreske Namen wie „Bob’s Samba“, der „Rabbit Samba“ über das „ungebührliche“ Verhalten eines zur Familie gehörenden Kaninchens während der Musikproben oder die im Stil des NuJazz vorgestellte Nummer „Mei Vogelhaus“ im winterlich verschneiten Garten, ließen die Stücke anschaulich werden, erwiesen sich als gut nachvollziehbare „Programmmusik“ oder „darstellende Musik“. So ließen etwa auch das an Landsknechtstrommeln erinnernde Schlagzeugintro von „Ritter Falkenburg“ und die folgenden heroisch-martialischen Klänge den Sinngehalt des Stückes unmittelbar sinnfällig werden.

Nicht ohne zwei, durch langanhaltenden Applaus forcierte Zugaben, darunter das für elektronische Mallets arrangierte, im ersten Anlauf leider etwas „verrauschte“ Lieblingsstück von Markus Merz, „Remember your Roots“, ging ein abwechslungsreicher Konzertabend seinem späten Ende entgegen.

Text und Fotos oben: Helmut Schönecker

Weitere Fotos von Hans-Bernd Sick:

Vogelfrei-FM

Am 10.02.2023 um 20:30 Uhr

Ort: Jazzclub Biberach
(c/o Bruno-Frey-Musikschule, Wielandstraße 27, 88400 Biberach an der Riß)

Beschreibung
Die Biberacher Brüder Alex und Jochen Vogel (Bass und Gitarre), der einheimische Schlagzeuglehrer Markus Merz sowie der peruanische Perkussionist und Wahlbiberacher Cesar Gamero bilden das Quartett „Vogelfrei-FM“. Und die Musik der Combo ist tatsächlich vogelfrei… wild, unbeugsam, bunt, listig, unberechenbar, dreckig, ungehobelt, romantisch, charmant, virtuos, entspannt und witzig! Ein Kernelement sind dabei eingängige Melodien gepaart mit atemberaubenden Grooves. Wenn man eine Stil-Schublade öffnen will, findet man alles zwischen Fusion, Latin, Funk, Jazz, Blues, Klassik, Flamenco und Worldmusic. Die Musiker, die trotz räumlicher Nähe erst kürzlich zusammengefunden haben, verschmelzen hier jahrzehntelange Erfahrung in diesen so heterogenen Bereichen zu einer außergewöhnlichen Einheit.

03.02.2023: Knudsen Fessele Streit Trio

Jazzkonzertreihe der Heimattage boomt

Friedlich-freudige Hochstimmung mit Knudsen, Fessele und Streit

BIBERACH – Eine „Bombenstimmung“ herrschte im Jazzkeller – wäre man geneigt zu sagen, hätte das Motto des zweiten ausverkauften Konzertes der Heimattage-Konzertreihe des Jazzclubs nicht „Peace, please!“ – „Frieden, bitte!“ gelautet. Gleichwohl schlugen die Wogen der Begeisterung hoch und immer höher, vorangetrieben durch die überaus sympathische Moderation der dänischen Sängerin Lea Knudsen, die in Ulm eine neue Heimat gefunden hat. Der einheimische Jazzpianist und Arrangeur Joe Fessele und der Laupheimer Musikschullehrer Norbert Streit, seit vielen Jahren auch unter dem Namen „Streit mit Fessele“ ein eingespieltes Duo, sind vor rund fünf Jahren mit der quirligen Lea Knudsen eine regelrechte Symbiose zum Trio eingegangen. Die Früchte dieser engen Zusammenarbeit – Showelemente, Wortwitz und eine mitreißende Interpretation überwiegend bekannter, von Fessele eigens arrangierter Musiktitel – verbanden sich zu einer regelrechten Wohlfühlmelange, die beim Biberacher Publikum auf offene Ohren traf.

Bei der Stückauswahl des Trios standen zwischenmenschliche Beziehungen in all ihren Facetten im Vordergrund. Der bunte Stilmix aus Blues, Swing, Latin, französischem Chanson, deutschem Pop und nordischen Balladen machte dabei das Besondere der Formation aus. Stellvertretend für viele treffend charakterisierte Beziehungen und Befindlichkeiten in Songtiteln wie Sinatras „The Lady is a tramp“, „Kiss“ von Prince, „Let’s fall in Love“ von Ella Fitzgerald, „Peace“ oder auch dem „Stormy Monday Blues“ und als Zugabe gar „Du lässt dich gehn‘“ von Charles Aznavour, soll hier lediglich „Nimm deinen Kerl zurück, Annette“ von Roger Cicero explizit angesprochen werden. Glücklicherweise fand sich im Publikum eine Annette, die sich vor die Bühne traute und sich Lea Knudsen als Ansprechpartnerin für eine Showeinlage zur Verfügung stellte. Verstärkt durch die Situationskomik und die Bühnenpräsenz Knudsens gelang hier eine besonders umjubelte und sehr persönliche Interpretation. Emotional getoppt wurde diese nur durch die musikalische Liebeserklärung an Knudsens anwesende Schwester Pia „die immer für mich da ist“, wie sie in der Anmoderation bekannte. Besonders eindrucksvoll gerieten aber auch Titel wie das auf Dänisch gesungene Kinderlied „Jeg ved en laerkerede“ mit einer Querflöteneinlage von Norbert Streit, der ansonsten durch dezente Rhythmusbegleitung, leidenschaftliche Improvisationen auf verschiedenen Saxofonen und stilsichere Gesangseinlagen glänzte. Gesangsduette á la „Louis & Ella“, bei Streit mit eindrucksvoll kratzig und rauchig imitierter Armstrong-Stimme, bei Lea mit eloquenter Virtuosität, gehören zu den Kernkompetenzen der beiden Frontleute.

Wo Joe Fessele drauf steht, sind immer auch lateinamerikanische oder kubanische Rhythmen und Stücke mit temperamentvollen, stilsicheren Improvisationen drin. Astor Piazzollas „Libertango“ durfte dabei natürlich nicht fehlen. Anscheinend hat aber das Latin-Virus mittlerweile auch auf Lea Knudsen abgefärbt. Mit Piazzollas „Yo soi Maria“ hinterließ sie, auf Spanisch gesungen, einen nachhaltigen Eindruck mit ihrer spezifischen Liaison aus dänischer Herzlichkeit und der Seele des Tango Argentino. Zwei Zugaben, darunter Louis Armstrongs „What a wonderful world“, rundeten einen gelungenen und unterhaltsamen Wohlfühlabend ab. Einen Abend in gemütlicher, ja in seelenvoller Atmosphäre, in der man das Gute des Lebens gemeinsam mit lieben Leuten genießen konnte, eben ganz im Sinn des dänischen „Hygge“ und der Maxime „Make Jazz, not War“.

Text und Fotos: Helmut Schönecker

Knudsen Fessele Streit Trio

Am 03.02.2023 um 20:30 Uhr

Ort: Jazzclub Biberach
(c/o Bruno-Frey-Musikschule, Wielandstraße 27, 88400 Biberach an der Riß)

Beschreibung
„Peace, please!“ ist das aktuelle Leitmotiv des Knudsen-Fessele-Streit-Trios, das zum wiederholten Male im Biberacher Jazzkeller gastiert. Das eingespielte Trio hat heuer eine Stückauswahl in seinen Instrumentenkoffern, die sich immer wieder um das nicht immer friedliche Zusammenleben von Menschen dreht. Es geht um Kommunikation, Liebe und Gefühle in verschiedenster Weise, ganz nach der Maxime „Make Jazz, not War“. In all seinen Facetten soll dies aber ganz friedlich auf unterhaltsam-kurzweilige Weise dargestellt werden. Dabei erzählt Knudsen auch mal die eine oder andere interessante Geschichte zur Musik. Die Vielseitigkeit des Trios zeigt sich in coolen Swingtiteln, gekonnt gesungen von Knudsen, oft auch mit Streit im Duett. Lieblingstücke, die auch mal im heißen Latinogewand daher kommen und sich mit nordisch-sphärischen Balladen abwechseln.

Lea Knudsens Gesang hat schon viele Menschen begeistert und berührt. Ihre Leidenschaft für die Jazzmusik fand sie bereits als Kind im Jazzclub ihres Vaters in Dänemark. Später spielte sie in verschiedenen Formationen in Kopenhagen. Jazzpianist und Arrangeur Joe Fessele verbindet gekonnt die Kunst des Jazzklaviers mit variantenreichem Spiel und eigenem Stil. Er studierte Jazz und Weltmusik in Bern und Rotterdam. Saxofonist, Flötist und Sänger Norbert Streit glänzt mit einzigartiger Bühnenpräsenz und Wortwitz und war ebenfalls Student an der Berner Swiss-Jazzschool.

Zusammengewachsen ist das kreative Kollektiv durch unzählige Auftritte in Jazzclubs, Kultureinrichtungen und Open-Airs. Wie beim Jazz so üblich, wird ganz friedlich interagiert, gekonnt arrangiert und leidenschaftlich improvisiert.

Bigband des Helmholtz-Gymnasiums Karlsruhe

28.01.2023: Jugend Jazzt South-West

Landeswettbewerb „Jugend Jazzt South-West“ 2023

Wenig überraschend und dennoch kurios

BIBERACH – Entgegen der ursprünglichen Planung waren in der Stadthalle Biberach leider nur noch drei Formationen zum Landeswettbewerb für Jazzorchester um den ersten Platz mit Weiterleitung zum Bundeswettbewerb „Jugend Jazzt“ angetreten. Zu den drei mit einem eintägigen Coaching verbundenen Preisen hinzu kam der im Rahmen der baden-württembergischen Heimattage ausgelobte Sonderpreis der Stadt Biberach für die beste Interpretation einer Komposition des aus Biberach stammenden Komponisten Professor Dr. Thorsten Wollmann. Dementsprechend gab es, bei der vom letztjährigen Bundessieger „Duo Dimension“ umrahmten Preisverleihung, auch nur drei plus einen Sieger zu vermelden.

Die mit Thorsten Wollmann, Kira Linn und Christian Mück hochkarätig besetzte Jury unter dem Vorsitz des Nürnberger Professors für Jazzsaxophon und Mitglied der SWR Bigband, Klaus Graf, hatte bei der Platzvergabe wohl keine Schwerstarbeit zu verrichten. Platz Eins für die laut Jury „sowohl durch hervorragendes Ensemblesatzspiel als auch durch herausragende Solisten überzeugende“, klassisch besetzte und bereits vielfach preisgekrönte Bigband des Karlsruher Helmholtz-Gymnasiums mit einer rund fünfzigjährigen Bandtradition und seit 20 Jahren unter Leitung von Hartmut Petri war wenig überraschend. Waren doch die Bands der Mitbewerber aus Plochingen und Stuttgart deutlich jünger und die gewählten Kompositionen und Arrangements im Schnitt auch weniger anspruchsvoll. Dynamisch differenziertes Spiel, knackige Einwürfe, weite Spannungsbögen, homogene und präzise Unisonopassagen sowie die improvisatorischen Fertigkeiten lagen bei den Karlsruhern schon im semiprofessionellen Bereich. Lediglich dem Schlagzeuger hätte man statt dem kleinen Jazzset ein etwas größeres Fusionset für noch satteren Sound und mehr Power gegönnt.

Als jüngstes Ensemble durfte die Bigband der Stuttgarter Musikschule unter Leitung von Ralf Hesse den geteilten zweiten Preis in Höhe von 1000 Euro in Empfang nehmen. Hier würdigte die Jury neben dem jugendlichen Alter und „akustischen Feinheiten“ besonders die Eigenkomposition „Beach Blues“ der jungen Trompeterin Iria Bierhance-Papaseit. Ebenfalls auf Platz Zwei schaffte es die stark besetzte Bigband des Gymnasiums Plochingen unter Musiklehrer Burkhard Wolf. Ein kompakter, voller Bandsound und mit Jenny Grace eine ungewöhnlich ausdrucksstarke Sängerin konnten hier überzeugen. Besonders mit ihrer Interpretation des von Nina Simone und später durch Michael Bublé bekannt gemachten Musical-Songs „Feeling Good“ erzeugte sie einen regelrechten Gänsehauteffekt.

Da sich die Plochinger Bigband als einzige Formation auch an die durch zahlreiche Tempo- und Rhythmuswechsel gekennzeichnete Komposition „The Groove“ von Thorsten Wollmann gewagt hatte, war ihr der Sonderpreis in Höhe von 2000 Euro schon von vornherein sicher. Hinzu kamen die 1000 Euro für Platz Zwei, so dass sie kurioserweise am Ende mit einem höheren Preisgeld als die Karlsruher mit ihren 2500 Euro für den ersten Rang nachhause gehen konnten. Für den Weltbürger Thorsten Wollmann, der nach langjähriger Tätigkeit im Ausland seit 2019 eine Professur am Jazzinstitut der Berliner Universität der Künste innehat, war der Besuch in Biberach anlässlich seiner Jurytätigkeit eine nostalgische Reise in seine eigene Vergangenheit. War er doch bereits im zarten Alter von acht Jahren auf der Stadthallenbühne im musikalischen Einsatz. Bei der Preisübergabe lobte er neben dem guten Ensemblespiel und der guten Gesangssolistin besonders die Drums- und Mallets-Abteilung der Plochinger Band, gab aber mit dem augenzwinkernden Hinweis auf unterschiedliche Tempi bei Miles Davis in dessen eigenen Interpretationen seines Stückes „Four“, auch seiner Überraschung über das doch recht schnell gewählte Tempo Ausdruck.

Die Preisübergabe wurde musikalisch umrahmt durch die letztjährigen Bundessieger bei „Jugend Jazzt“ und Finalisten des internationalen Biberacher Jazzpreises 2022, dem „Duo Dimension“ mit der Posaunistin Carlotta Armbruster und Schlagzeuger Jonas Heck. Freie Improvisation, spontane Interaktion, klangliche Vielseitigkeit und eine Hommage an Albert Mangelsdorffs „Multiphonics“, dem mehrstimmigen Spiel auf der Posaune, bildeten einen interessanten Kontrast zu den elaborierten Kompositionen der großen Besetzungen.

Text und Fotos: Helmut Schönecker

20.01.2023: Rolf Richie Golz Trio

Rolf Richie Golz Trio im ausverkauften Jazzkeller

Fulminanter Start in die Heimattage-Reihe des Jazzclubs

Ein fulminantes Konzert im Rahmen der Heimattage 2023 bescherte vor ausverkauftem Saal das Trio des Biberacher Urgesteins und Ausnahmepianisten Rolf Richie Golz. Zusammen mit seinen beiden Mitstreitern Gero Gellert am E-Bass und Matthias Daneck am Schlagzeug – beide auch mit Biberacher Wurzeln – startete die Band nach einer launigen Einführung des Bandleaders mit dem Song „Little Moment“ gleich so richtig durch, um die zunächst spürbare Anspannung auf der Bühne zu vertreiben und mit Romantic Jazz at its best und einem virtuos gespielten Bass-Solo schon nach wenigen Minuten den ersten Szenenapplaus des Publikums einzuheimsen. Weiter gings mit „Crazy man“ (wie schon die erste Nummer und die meisten noch folgenden eine Komposition von Golz), in welcher sich das Trio dann schon sehr eingegroovt präsentierte und mit Genuss ein wenig Kakofonie und Anleihen am Free Jazz zelebrierte. Ausnahme-Drummer Daneck zog hier schon mal alle Register der Trommel- und Beckenbearbeitung und es wurden sämtliche Facetten der Dynamik aufgegriffen. Rasend schnelle Unisono-Läufe, welche alle auf dem Punkt endeten, ließen schon jetzt die Stimmung im Saal erheblich ansteigen. Die dritte Nummer wurde von Golz als „Heimatlied“ angekündigt. Die Idee zu „Nowhere“ kam ihm beim Spaziergang bei Ampfelbronn (oder wie der Schwabe sagt: im „Ogreachata“). Auch hier dann wieder der sehr spannende musikalische Kontrast zwischen laut und leise, harmonisch und dissonant, adagio und allegro, sparsam und volles Register. Mit „Summer in Norway“ gelang dem Trio ein gelungenes akustisches Bild der skandinavischen Landschaft und bei geschlossenen Augen konnte man die Fjorde regelrecht an sich vorbeiziehen sehen. Die mit allen Wassern gewaschenen Instrumentalisten vermochten – wie bei allen Stücken eigentlich – aus der Minimalbesetzung der Combo ein Maximum an Ausdruck aus sich herauszuholen. Der „Tanz in den Mai“, von Gellert komponiert, begann mit einem starken Bass-Solo, dezent mit Hall verfeinert und ebenfalls einen Kontrast zum Trio-Spiel setzend. „The Chance“, eine ältere Komposition von Golz aus den 80ern bot den Zuhöhrern feinstes Zuspielen von Melodiefragmenten zwischen Bass und Piano und mit „Jazzy Chocolate“ ging es beschwingt à la Sonny Rollins in die Pause.

Mit dem gleichnamigen Stück, inspiriert vom französischen Pyrenäendorf namens „Estialescq“ wurden dann kongenial wieder musikalische Bilder erzeugt, die einen sofort in die Berglandschaft zwischen Frankreich und Spanien versetzten und gelegentlich klang hier der großartige Lyle Mays durch. Beim Umschreiben der „schwäbischen Mentalität“ kam Golz die Idee zu „However“, welches pianistisch auch stark an Bruce Hornsby einnerte. Sehr emotional wurde es bei „Song for my Father“. Hier konnte Gellert einmal mehr den warmen und weichen Klang seines Höfner-Basses sehr nah an den Sound eines Fretless-Bass bringen. Das – fast schon obligatorische – Schlagzeugsolo wurde dann in die nächste Kompositon „Dance with the Eleven Eights“ integriert. Einmal mehr zeigte Daneck auf Weltklasseniveau (er spielt nicht umsonst seit Jahren in der Band von Ute Lemper) seine Mühelosigkeit bei der Meisterung dieser rhythmisch (11/8tel) äußerst anspruchsvollen Hürde. Louis Bellson, Gene Krupa & Co. hätten ihre wahre Freude daran gehabt. Die einzige Komposition aus der Feder von Daneck war dann „What without the beauty within“, die einen ungewöhnlichen Mix aus Bossa, House und Romantic Jazz mit Nuancen von Klassik zum Erklingen brachte.

„Seven dreams“ als erste Zugabe, sowie danach noch „My Song“ (comp. Keith Jarrett) als „Rausschmeißer“ ließen nach minutenlang anhaltendem Applaus den Abend im Jazzkeller für alle Beteiligten sehr gelungen enden. Da das Konzert in Bild und Ton aufgezeichnet wurde, darf man sich als Zuhörer schon jetzt auf eine Veröffentlichung dieser Performance freuen.

(Nachbericht von Peter Zoufal, Fotos von Wolfgang Volz)