Jazzclub Biberach e.V.

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06.05.2022: Peter Autschbach & Samira Saygili

Neue CD „SING!“ geht auch im Livekonzert unter die Haut

Duo „Saygili-Autschbach“ rockt den Jazzkeller

BIBERACH – Das mehrfach preisgekrönte Duo „Saygili-Autschbach“ gastierte mit seinem neuen, während des Lockdowns entstandenen Album „Sing!“ im vorpandemisch überaus gut besuchten Jazzkeller und vermochte mit einem sensationellen Auftritt rundum zu begeistern. Peter Autschbach ist für die Biberacher Jazzfans ein alter Bekannter und wahrer Publikumsmagnet. Bereits zum fünften Mal gastierte der Ausnahmegitarrist in unterschiedlichen Besetzungen bei den Jazzbibern. Im zarten Alter von 58 Jahren hat er nun im Duo mit Samira Saygili 2020 nach seinem eigenen Bekunden erstmals an einem internationalen Wettbewerb in Bukarest teilgenommen und war dort gleich ins Finale gekommen. Im vergangenen Jahr gab es dann den deutschen „Singer-Songwriter-Preis 2021“, den 1. Preis als „Bester Gitarrist“ des Jahres 2021 und außerdem den Preis der „besten Komposition 2021“ für den Titel „Starlight“ der ebenfalls auf der präsentierten CD „Sing!“ enthalten ist.

Dass diese Preise im Rahmen der Veranstaltung „Deutscher Rock & Pop Preis“ verliehen wurden, tat der Begeisterung der zahlreichen Jazzfans keinen Abbruch. Für die progressiveren Fans experimenteller Jazz-Avantgarde gibt es schließlich in zwei Wochen das Finale des internationalen Biberacher Jazzpreises in der Gigelberghalle als Kompensation. Für einen entspannten und inspirierten Wochenausklang in fast schon nachpandemischen Zeiten waren die von Samira Saygili und Peter Autschbach gebotenen Stücke jedenfalls genau richtig, wie auch der stürmische Applaus und die zwei bereitwillig gewährten Zugaben bewiesen.

Beginnend mit Elton Johns „Your Song“ in einer an Al Jarreaus legendäre R&B-Version erinnernden und mit einer gehörigen Prise Jazz versehenen Darbietung gingen die musikalischen Preziosen von Anfang an unter die Haut. Die stilistische Bandbreite und künstlerische Reife der Stücke war für sich genommen bereits beeindruckend. Mal klang es eher chansonmäßig, mal kabarettreif, mal mit Scatsilben improvisiert, mit Songtexten auf Englisch, Deutsch und Französisch, ja sogar auf Türkisch, mal mit swingenden oder straight groovenden Rhythmen. Die wandlungsfähige Stimme Saygilis fand sich mal im rasanten Unisono mit der Gitarre, mal solistisch, dank Loopmaschine mit teils mehrschichtiger Gitarrenbegleitung in tiefgründig balladesker Poesie. Nicht einen Moment fehlte es jedoch an jazztypischer Spontaneität, prickelnder, mitreißender Sing- und Spielfreude, kreativem Einfalls- und Variantenreichtum bei den Improvisationen gepaart mit fesselnder Bühnenpräsenz. Und all das trotz total relaxt wirkender natürlicher Lockerheit des Auftretens.

Dem Andenken an ihren an Corona verstorbenen Vater widmete Samira Saygili den „Baba-Song“. Über ruhig pulsierenden Akkorden entfaltete sich eine innige, tief empfundene Hommage an ihren „Baba“, eine wehmütige Erinnerung an glückliche Zeiten aber auch den Dank dafür. Eine weitere, nicht auf der aktuellen CD „Sing!“ enthaltene Komposition, „Rodriques“, eine abgelegene zu Mauritius gehörende Vulkaninsel im Indischen Ozean und die Erinnerungen an einen Aufenthalt in einem der letzten Paradiese der Erde, faszinierte ebenso wie der spontane „Centerpiece Blues“, der ganz aus dem Augenblick heraus lebte und in vielen Facetten changierte. Beinahe transzendentalen Charakter entwickelte die erste Zugabe „Somewhere Over The Rainbow“ in einer höchst eigenständigen Interpretation, die eine begeisterte Konzertbesucherin gar zu der Aussage verleitete, das Stück künftig nur noch in dieser Version anhören zu wollen. In einer Reminiszenz an die Fahrstuhlszene im ersten Blues-Brothers-Film erklang zum Abschluss eine wunderbare, augenzwinkernde Parodie auf das „Girl from Ipanema“. Chapeau!

Text und Fotos: Helmut Schönecker

08.04.2022: Rainer Böhm & Norbert Scholly

Rainer Böhm und Norbert Scholly im Jazzkeller

Mit Warp-Antrieb durch die Galaxis

BIBERACH – Unprätentiös, mit nur wenigen erklärenden Worten dafür aber mit vielen Tönen, durchmaßen die beiden Musiker in Überlichtgeschwindigkeit einen wahren Kosmos an musikalischen Ausdrucks- und Gestaltungsmöglichkeiten. In schwindelerregender Virtuosität oder, wie Norbert Scholly in seiner Hommage an Käpt’n Kirk und dessen Enterprise in Star Trek anmerkte, mit futuristischem Warp-Antrieb, startete das Duo aus der ungewöhnlichen Kombination von Klavier und Gitarre seine höchst kreative Reise durch Raum und Zeit. Die Idee, den Raum zu krümmen um durch einen Raum-Zeit-Tunnel weit entfernte Ziele binnen eines Lidschlages zu erreichen, geht auf Einsteins Relativitätstheorie zurück. Die Manipulation der Zeit oder wenigstens unseres Empfindens davon, ist jedoch auch eine Kernaufgabe von Musik, der sich das Duo in besonderem Maße verschrieben hatte: Die Zeit verging während des Konzertes im Jazzkeller tatsächlich wie im Flug und die Phantasie des begeisterten Publikums durchmaß unendliche Weiten.

Der gebürtige Ravensburger Rainer Böhm, Inhaber zweier Professuren in Nürnberg und Mannheim und mit unzähligen nationalen und internationalen Preisen bedacht, hat mit Norbert Scholly einen kongenialen Partner gefunden. Lehraufträge für Jazzgitarre in Mainz und Weimar, europäische Solistenpreise, Kompositionsaufträge und unzählige Tourneen als Solist und gefragter Sideman markieren seine ungewöhnliche Karriere als Gitarrist mit einem charakteristischen Personalstil aus kammermusikalischer Intensität und plastischer Phrasierungsgabe.

Aus der Vielfalt der gestalterischen Mittel ragte bei beiden Künstlern eine permanente Metamorphose der Begleitfiguren, oft in rhythmisch-permutativer Ausgestaltung heraus. Die vielfältigen Kombinationen der Stilmittel führten dabei nicht etwa zu einer Beliebigkeit oder Oberflächlichkeit sondern forderten bewusstes, strukturelles Hören geradezu heraus. Perlende Läufe am Kawaiflügel und gestaltkräftige Melodielinien auf der Gitarre in ständiger Interaktion und nonverbaler Kommunikation wechselten mit rasanten, beeindruckend synchronen Unisonopassagen, die nur gelingen können, wenn beide Musiker auf derselben Wellenlänge funken. Auch ungerade Taktarten, 5er oder 7er, ja selbst die Überlagerung verschiedener Metren konnten die beiden Magier in ihrem Spielfluss und ihrer geradezu überschäumenden Spielfreude nicht ausbremsen.

Neben gleichermaßen eleganten, rasanten und temperamentvollen Stücken wie „El Movimiento del Gato Negro“ von Norbert Scholly fanden auch kontemplative Titel wie „Kennys World“ von Rainer Böhm als Hommage an Kenny Wheeler ihren Weg unter die Haut des begeistert applaudierenden Publikums. Beide Titel finden sich, wie die meisten anderen Stücke des Abends auf der jüngsten CD des Duos, die sich als Mitbringsel für den Osterhasen nach der inspirierten und inspirierenden Zugabe von „Georgia on my mind“ großer Beliebtheit erfreute.

Text und Fotos: Helmut Schönecker