Archiv – Seite 58 – Jazzclub Biberach e.V.

13.01.2017: Julia Ehninger 4tet

„Julia Ehninger 4tet“ eröffnet Konzertsaison

Konstanter Wandel als Bandkonzept

BIBERACH – „Im Wandel vergeht, im Wandel entsteht“ heißt es in dem selbstgetexteten Opener der jüngsten CD-Produktion des“ Julia Ehninger 4tets“, welche in einer höchst eindrucksvollen Live-Version den Reigen der Jazzclubkonzerte der neuen Saison niveauvoll eröffnete. La, la, la, la – la, La, la, la la. Diese schlichte Vokalise in einem eingängigen sequenzierten Dreitonmotiv kennzeichnet den Refrain, den Anfang und den Schluss des Titelsongs „Im Wandel“, in dem vom „Sein und Werden“ die Rede ist. Der verhinderte Lokalmatador Lukas Brenner aus Laupheim, Mitglied der Stammbesetzung, wurde vom Träger des baden-württembergischen Jazzpreises 2016, Volker Engelberth, vertreten. Soviel zum Thema Wandel.

Ist Jazz als Gestaltungskonzept seit seiner Entstehung grundsätzlich immer mit Wandel, Improvisation und Innovation verbunden, so war es doch auch immer wieder das Bestreben der Musiker, ihren Personalstil und damit festen Boden im endlosen Wandel der Gezeiten zu finden. Vielleicht auch so etwas wie eine Marke auszubilden um den Verkauf ihrer Musik zu fördern. Dieses Ansinnen aufzugeben und schon zum Karrierebeginn den permanenten Wandel zum Kernkonzept zu erheben, erfordert schon eine Menge Mut und Selbstbewusstsein. Julia Ehninger, vor zwei Jahren noch als Vorband von ZAZ zur Eröffnung der „Jazz Open“ in Stuttgart gefeatured, ließ seither nichts anbrennen. Ihre steile musikalische Karriere wurde durch ein DAAD-Stipendium an der Manhattan School of Music in New York befördert und führte jetzt zum sehr wohlwollend aufgenommenen transatlantischen Debutalbum.

Bleibenden Bestand in all dem Wandel hatte erfreulicherweise die deutsche Sprache in den Texten der feinsinnigen Jazzsängerin und Komponistin. Die Verbindung von deutscher Sprache mit dem internationalisierten Jazzidiom bildet dabei keine geringe Herausforderung. Wie ZAZ in ihren „Nouvelle Chansons“ bewies auch Julia Ehninger einmal mehr ihre sprachlich-musikalische Doppelbegabung. Nicht nur im Nebeneinander von eigenen Texten und durchaus anspruchsvoll vertonten Gedichten von Ringelnatz („Schenken“) und Hesse („Im Nebel“) sondern vor allem in der organischen Umsetzung deutscher Sprachmelodien und –rhythmen in eine stilsicher groovende Musik.

Die enorme stilistische Bandbreite und extreme Polarität zwischen hoher Textverständlichkeit einerseits und quasi instrumentaler Verschmelzung mit dem Gesamtklang im Scatgesang andererseits setzen eine große Transparenz und Wandelbarkeit der Bandbegleitung voraus. Verantwortlich dafür zeichnen seit einigen Jahren Nico Amrehn am Kontrabass und Martin Grünenwald am Schlagzeug. Hochkomplexe Rhythmen und solistische Höhenflüge in den improvisierten Instrumentalteilen und dezent zurückgenommene, sensible Begleitung in den Vokalteilen setzen wiederum ein hohes Maß an Präzision und Disziplin voraus. Beides stellte die hochkonzentrierte Begleitband nicht nur in dienender Funktion bereit. Besonders der pianistische „Ersatzmann“ Volker Engelberth, der neben zahlreichen eigenen Projekten sich auf diese Herausforderung einließ, zeigte hierbei eine Meisterleistung. Engelberth, im Mai mit seinem Quintett in einem eigenen Konzert bei den Jazzbibern vertreten, brillierte hier auch als empfindsamer Begleiter und würzte das Geschehen doch immer wieder mit aufblitzenden, perlenden Tonkaskaden ohne dabei effekthascherisch zu wirken.

gez. H. Schönecker

Julia Ehninger 4tet

Am 13.01.2017 um 20:30

Ort: Jazzclub Biberach
(c/o Bruno-Frey-Musikschule, Wielandstraße 27, 88400 Biberach an der Riß)

Beschreibung
CD Release Tour „Im Wandel“

Transatlantisches Debüt: Den Großteil von „Im Wandel“ hat die Stuttgarter Jazzsängerin und DAAD-Stipendiatin Julia Ehninger im steten Transfer zwischen Deutschland und New York komponiert. Der Big Apple war während ihres Studiums an der Manhattan School of Music bei Gretchen Parlato, Theo Bleckmann und Phil Markowitz ihre zweite Heimat und Inspirationsquelle – und die Zeit in der legendären Jazzmetropole geprägt von vielen neuen Eindrücken, Begegnungen und Abschieden. In dieser Übergangsphase setzte sich die Sängerin gedanklich mit den Themen Beständigkeit und Wandel auseinander. Es verwundert nicht, dass diese Themen nun auch ihr Debüt bestimmen.
In ihren filigranen Kompositionen verbindet Julia Ehninger gekonnt zeitgenössischen Jazz mit Elementen des Pop und R&B und kreiert so mit ihren Mitmusikern einen ganz eigenen, leichten und hellen Sound. Modern und doch zeitlos, virtuos und doch leichtfüßig. Melodien mit Ohrwurmqualität treffen auf komplexe Harmonien und Rhythmen, eine beeindruckende Bandbreite, die dieses Quartett hier abdeckt. Obwohl „Im Wandel“ ein Erstling ist, ist unüberhörbar: Diese Musiker spielen nicht erst seit gestern zusammen. Längst wird der Bandsound maßgeblich von ihren langjährigen musikalischen Weggefährten Lukas Brenner (Klavier), Nico Amrehn (Kontrabass) und Martin Grünenwald (Schlagzeug) mitgetragen. Zusätzlichen Schliff verleihen dem Album die Gäste Verena Nübel (Gesang) und der Saxofonist Alexander Bühl.
Die Idee des Wandels zieht sich wie ein roter Faden durch das Album. Mal interagiert Julia Ehninger ohne Text – quasi wie ein zusätzliches Instrument – mit der Band, mal schließt sich die Band nahtlos und kunstfertig ihren textlichen Ausflügen an. Neben eigenen, ausschließlich deutschen Texten vertont die Sängerin Gedichte von Joachim Ringelnatz („Schenken“) und Hermann Hesse („Im Nebel“).
Mit einer ernsthaften Leichtigkeit erzählt Julia Ehninger von Schlaflosigkeit, von Orientierungslosigkeit und Einsamkeit – oder eben, stetig wiederkehrend, von Veränderung. Bei ihr bringt Veränderung große Herausforderungen, aber auch die Chance auf etwas Neues, Besseres. „Wenn sich äußere Bedingungen ändern, ändern wir uns mit ihnen – die Hülle verändert sich, im Kern jedoch bleiben wir die gleiche Person“, sagt sie dazu. Dieser Wandel machte selbst vor dem Songwriting nicht halt: Das Titelstück des Albums „Im Wandel“ hieß zunächst „Constant“, also eigentlich das genaue Gegenteil. Doch der Gedanke, dass es wirkliche Konstanz in zwischenmenschlichen Beziehungen nur geben kann, wenn wir Veränderung zulassen, ließ die Sängerin nicht los. Aus „Im Wandel“ hat das ein mutiges, stetig changierendes und besonderes Album gemacht. Und aus der Künstlerin? Sie ist sicherlich längst dabei, es herauszufinden.

Live-Besetzung beim Konzert im Jazzkeller:
Julia Ehninger – Gesang, Komposition, Text
Volker Engelberth – Klavier (Jazzpreis BaWü 2016)
Nico Amrehn – Kontrabass
Martin Grünenwald – Schlagzeug

Eintritt 15/12 EUR
Reservierungen unter < kasse@jazzbiber.de > bis spätestens 12:00 Uhr am Tag des Konzerts.

Jazzclub Biberach: Konzertübersicht 2017

Alle Veranstaltungen des Jazzclubs Biberach im Jahr 2017:

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Rootbears

Am 22.12.2016 um 20:00 Uhr

Ort: Schützenkellerhalle

Beschreibung

16.12.2016: Síd

Internationales Jazzpreisträgerkonzert im Jazzkeller

Síd – Musikalische Geschichten aus der Edda

BIBERACH – Von den ganz Großen der Jazz- und Rockgeschichte kennt man das zur Genüge.  Robert Plant von Led Zeppelin etwa ließ letztes Jahr in München seine heftig skandierenden Fans über eine halbe Stunde lang auf sein Erscheinen warten, bevor er mit seinen alten Hits die kreischenden Zuhörer elektrisierte. Die halbe Stunde Verspätung hätte auch „Síd“, die Schweizer Siegerformation des internationalen Biberacher Jazzpreises 2014 mit Frontfrau Rea Dubach, bei ihrem mit langem Atem geplanten Auftritt im Jazzkeller beinahe erreicht. Damit hatten aber die Gemeinsamkeiten auch schon ein Ende.

Statt fiebriger Erwartung war entspanntes Plaudern aus dem an gemütlichen, festlich illuminierten Bistrotischchen sitzenden, überwiegend älteren Publikum zu vernehmen. Statt alter Hits aus den 60er und 70er-Jahren, gab es musikalische Avantgarde des 21. Jahrhunderts in schillernden Farben und komplexen Strukturen auf die Ohren. Anstatt kreischender und tanzender, nach jedem Solo frenetisch applaudierender Zuhörer gab es im ganzen ersten Set nur ein einziges Mal artigen Beifall, ganz klassisch, am Ende. Statt wilder Lightshow und dramaturgisch ausgefeilter Bühnenperformance in glitzerndem Outfit waren nur eine statische Bühnenbeleuchtung und eine mehr als zurückhaltende Körpersprache zumindest der beiden Mitmusiker angesagt. Nach der Pause waren dann allerdings wieder einige Plätze auf den Rängen frei.

„Síd“, bestehend aus Rea Dubach (vocals, guitar, effects), Luzius Schuler (piano, rhodes, moog, effects) und Lukas Rutzen (drums) entschlüsseln „Völuspá“, eine Sage aus der nordischen Mythologie über die Anfänge des Seins über einem „Ginungagap“ (chaotischen Abgrund) aus Eis und Frost. Literarische Texte aus der im 13. Jahrhundert in altisländischer Sprache verfassten „Edda“ fanden im elektronisch vermittelten Rascheln, Rauschen und Rumoren in lautmalerisch wirkendem, durch Effekte verfremdeten Sprachgesang ihren Ausdruck. „Finsternis lag über den Flächen der Tiefe, die Erde war wüst und leer, ohne Form und Gestalt“. So heißt es sinngemäß im Libretto der „Schöpfung“ von Haydn, die ebenfalls im dunklen musikalischen Chaos beginnt und erst nachdem Gott, der Herr das Licht anknipst, in einen hell strahlenden Dur-Akkord mündet. In der frostklirrenden arktischen Nacht der „Edda“ (Urgroßmutter) erwacht schließlich ein tosender Sturm, umarmt von samtener Stille, das Leben in seinem beständigen Werden und Vergehen ist erwacht.

Die Gestaltwerdung der Dubach’schen Genesis vollzog sich „in flüsternden und gehauchten Wellen aus glanzloser Ehrlichkeit“, so die Pressevorankündigung zum Konzert. Und in der Tat gelang es mit minimalem Einsatz musikalischer Mittel und maximalem Einsatz klangtechnischer Verarbeitungsgeräte eine faszinierende Klangwelt zu erschaffen. Ein Kontinuum zwischen statischem Rauschen und harmonischen Klängen, eine rhythmische Bandbreite vom chaotischen Nebeneinander zu spannungsreichen, zupackenden modernen Grooves und eine breite Phalanx von einzelnen Tönen über kurze Motive zu weitgespannten Melodien spiegelte den Weg des werdenden Lebens, von der Vervielfachung der Einfachheit, vom Einzeller zur Krönung der Schöpfung. Nach dem kurzweiligen aber leider auch recht kurzen zweiten Set, ebenfalls aus einem Guss und ohne Unterbrechung dargeboten, gab es eine kurze aber hingebungsvolle Zugabe in „glanzloser Ehrlichkeit“ fast ohne technische Effekte sowie ausgiebige Gelegenheit, CDs zu kaufen oder mit den Künstlern über den tieferen Sinn und die ästhetischen Hintergründe des neuen „Konzeptalbums“ zu reflektieren und zu debattieren.

gez. H. Schönecker