Archiv – Seite 57 – Jazzclub Biberach e.V.

Jazzclub Biberach: Konzertübersicht 2017

Alle Veranstaltungen des Jazzclubs Biberach im Jahr 2017:

1. Halbjahr 2017 – Flyer (außen)     1. Halbjahr 2017 – Flyer (innen)     1. Halbjahr 2017 – Plakat

2. Halbjahr 2017 – Flyer     2. Halbjahr 2017 – Plakat

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Rootbears

Am 22.12.2016 um 20:00 Uhr

Ort: Schützenkellerhalle

Beschreibung

16.12.2016: Síd

Internationales Jazzpreisträgerkonzert im Jazzkeller

Síd – Musikalische Geschichten aus der Edda

BIBERACH – Von den ganz Großen der Jazz- und Rockgeschichte kennt man das zur Genüge.  Robert Plant von Led Zeppelin etwa ließ letztes Jahr in München seine heftig skandierenden Fans über eine halbe Stunde lang auf sein Erscheinen warten, bevor er mit seinen alten Hits die kreischenden Zuhörer elektrisierte. Die halbe Stunde Verspätung hätte auch „Síd“, die Schweizer Siegerformation des internationalen Biberacher Jazzpreises 2014 mit Frontfrau Rea Dubach, bei ihrem mit langem Atem geplanten Auftritt im Jazzkeller beinahe erreicht. Damit hatten aber die Gemeinsamkeiten auch schon ein Ende.

Statt fiebriger Erwartung war entspanntes Plaudern aus dem an gemütlichen, festlich illuminierten Bistrotischchen sitzenden, überwiegend älteren Publikum zu vernehmen. Statt alter Hits aus den 60er und 70er-Jahren, gab es musikalische Avantgarde des 21. Jahrhunderts in schillernden Farben und komplexen Strukturen auf die Ohren. Anstatt kreischender und tanzender, nach jedem Solo frenetisch applaudierender Zuhörer gab es im ganzen ersten Set nur ein einziges Mal artigen Beifall, ganz klassisch, am Ende. Statt wilder Lightshow und dramaturgisch ausgefeilter Bühnenperformance in glitzerndem Outfit waren nur eine statische Bühnenbeleuchtung und eine mehr als zurückhaltende Körpersprache zumindest der beiden Mitmusiker angesagt. Nach der Pause waren dann allerdings wieder einige Plätze auf den Rängen frei.

„Síd“, bestehend aus Rea Dubach (vocals, guitar, effects), Luzius Schuler (piano, rhodes, moog, effects) und Lukas Rutzen (drums) entschlüsseln „Völuspá“, eine Sage aus der nordischen Mythologie über die Anfänge des Seins über einem „Ginungagap“ (chaotischen Abgrund) aus Eis und Frost. Literarische Texte aus der im 13. Jahrhundert in altisländischer Sprache verfassten „Edda“ fanden im elektronisch vermittelten Rascheln, Rauschen und Rumoren in lautmalerisch wirkendem, durch Effekte verfremdeten Sprachgesang ihren Ausdruck. „Finsternis lag über den Flächen der Tiefe, die Erde war wüst und leer, ohne Form und Gestalt“. So heißt es sinngemäß im Libretto der „Schöpfung“ von Haydn, die ebenfalls im dunklen musikalischen Chaos beginnt und erst nachdem Gott, der Herr das Licht anknipst, in einen hell strahlenden Dur-Akkord mündet. In der frostklirrenden arktischen Nacht der „Edda“ (Urgroßmutter) erwacht schließlich ein tosender Sturm, umarmt von samtener Stille, das Leben in seinem beständigen Werden und Vergehen ist erwacht.

Die Gestaltwerdung der Dubach’schen Genesis vollzog sich „in flüsternden und gehauchten Wellen aus glanzloser Ehrlichkeit“, so die Pressevorankündigung zum Konzert. Und in der Tat gelang es mit minimalem Einsatz musikalischer Mittel und maximalem Einsatz klangtechnischer Verarbeitungsgeräte eine faszinierende Klangwelt zu erschaffen. Ein Kontinuum zwischen statischem Rauschen und harmonischen Klängen, eine rhythmische Bandbreite vom chaotischen Nebeneinander zu spannungsreichen, zupackenden modernen Grooves und eine breite Phalanx von einzelnen Tönen über kurze Motive zu weitgespannten Melodien spiegelte den Weg des werdenden Lebens, von der Vervielfachung der Einfachheit, vom Einzeller zur Krönung der Schöpfung. Nach dem kurzweiligen aber leider auch recht kurzen zweiten Set, ebenfalls aus einem Guss und ohne Unterbrechung dargeboten, gab es eine kurze aber hingebungsvolle Zugabe in „glanzloser Ehrlichkeit“ fast ohne technische Effekte sowie ausgiebige Gelegenheit, CDs zu kaufen oder mit den Künstlern über den tieferen Sinn und die ästhetischen Hintergründe des neuen „Konzeptalbums“ zu reflektieren und zu debattieren.

gez. H. Schönecker

Síd (Biberacher Jazzpreis 2014)

Am 16.12.2016 um 20:30

Ort: Jazzclub Biberach
(c/o Bruno-Frey-Musikschule, Wielandstraße 27, 88400 Biberach an der Riß)

Beschreibung
Síd

Ginnungagap* / Stille, eine schwarze Leere/ *
Ihre Worte verhallen in der beissenden Kälte/
kommen in Bewegung und drehen sich immer schneller
umarmt von samtener Stille/ Licht gebirt/ Leben erwacht
brauner Sand zerrinnt zwischen den Fingern/
Sand und Wasser/ ausharrend und leise wachsend im Mutterschoss der Erde.
Dunkelblaue Iris/ eine Umarmung der Unendlichkeit/
Holz wird zu Mensch, aus Knochen wird Leben gebaut/
mehr Bewegung/ ein lebender Sturm/ Vervielfachung der Einfachheit.

Síd entschlüsselt die Saga Völuspá aus der nordischen Edda in Töne und Farben, heiligt ihr innerstes Bewusstsein für alte und neue Geschichten aus dem Norden durch ihr musikalisches Sein. Es ist eine innere Reise in die alten, mythischen Anfänge der Erde, eine Rückbesinnung zum Eigentlichen und immer DaSeinWerdenden. Die samtene Umarmung einer Ahnung vom Alten. In flüsternden und gehauchten Wellen aus glanzloser Ehrlichkeit.

Síd war Gewinner des Internationalen Biberacher Jazzpreises 2014.

Besetzung:
Rea Dubach (vocals, guitar, effects)
Luzius Schuler (piano, rhodes, moog, effects)
Lukas Rutzen (drums)

http://readubach.com/projekte/sid/

Eintritt 15/12 EUR

Reservierungen unter < kasse@jazzbiber.de > bis spätestens 12:00 Uhr am Tag des Konzerts.

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25.11.2016: Thomas Scheytt

Stupender Piano-Blues für die Bauhütte Simultaneum

Thomas Scheytt „rockt“ die Friedenskirche

BIBERACH – Zum Warmspielen ließ es Thomas Scheytt, der schwäbische Pfarrerssohn und „Teufelskerl mit dem Blues im Blut“, der nach einem Philosophiestudium in Freiburg dort eine neue Heimat gefunden hat, mit einer Eigenkomposition und dem klassischen „Suitcase Blues“ von Sippie Wallace zwar noch etwas ruhiger angehen. Danach ließ sich jedoch das pianistische Temperament des zweifachen „German Blues Award“ Gewinners von 2015 auch im dankenswerterweise von Pfarrer Schmogro zur Verfügung gestellten sakralen Raum der Friedenskirche nicht mehr länger zügeln.

Im Takt wippten nicht nur die Füße des Ausnahmepianisten, auch unter den Kirchenbänken kam immer mehr rhythmische Bewegung auf. Als der vor zehn Jahren verstorbene, legendäre deutsche Jazzpianist Hans-Jürgen Bock, genannt der „Specht“, in Memoriam mit dem „Karussell-Ragtime“ von seinem langjährigen Freund und ehemaligen Schüler Thomas Scheytt geehrt wurde, gab es schließlich kein Halten mehr. Auch wenn die Akustik des Kirchenraumes manche pianistische Feinheit verschwimmen ließ, gab diese den Stücken doch auch eine orchestrale Klangfülle, die vor allem im tiefen Bassregister eine erstaunliche Dynamik entwickelte und den Stücken ganz ungewohnte tonmalerische Elemente entlockte. Und auch wenn das immer wieder auftretende, enthusiastische Mitklatschen des Publikums der klanglichen Transparenz zuliebe meist schnell wieder erstarb, war die Begeisterung der knapp 300 Besucher doch mit Händen zu greifen.

Thomas Scheytt, der sowohl als Solist als auch mit seinen Formationen „Netzer & Scheytt“ oder „Boogie Connection“ schon in Biberach zu hören war, hat sich hier mittlerweile einen großen Fankreis erworben, der zur Freude der Veranstalter von Bauhütte Simultaneum und Jazzclub Biberach die Kirche fast vollständig füllen konnte. Scheytt, der neben seinem brillanten und ausdrucksvollen Pianospiel auch für seine stiltypischen und niveauvollen Eigenkompositionen gefeiert wird und dessen dritte Solo-CD 2014 immerhin für den „Preis der Deutschen Schallplattenkritik“ nominiert wurde, hatte ein kurzweiliges und abwechslungsreiches Programm zusammengestellt. Natürlich durften seine wohl bekanntesten Stücke „Invitation To The Blues“ und „Tribute To Meade Lux Lewis“ von der Solo-CD „Inner Voices“ nicht fehlen. Dem regelmäßigen Hörer des Deutschlandfunks sind diese Melodien aus der Sendung „Informationen am Morgen“ bzw. „Information am Mittag“ bekannt und vertraut.

Mit zwei stark kontrastierenden Eigenkompositionen als Zugabe, dem heimatverbundenen, eher brachialen „Hell-Valley-Stomp“ (Höllental-Stomp) und der sehr emotionalen, fast hymnisch anmutenden Miniatur „Summer Night“, deren feierlicher Charakter im Kirchenraum erst so richtig zur Entfaltung kam, nahm das ungewöhnliche Konzert seinen Ausklang. Trotz einiger frei gebliebener Plätze, dürfte die auf Initiative von Pfarrer Johannes Walter zustande gekommene Veranstaltung nicht nur künstlerisch ein voller Erfolg gewesen sein.

 

gez. H. Schönecker