Kritik – Seite 2 – Jazzclub Biberach e.V.

06.12.2019: Sebastian Studnitzky | Memento

Sebastian Studnitzky fasziniert und begeistert

Applaus-Dankeschön-Konzert lockt viele Gäste in den Jazzkeller

BIBERACH – Rekordverdächtige Besucherzahlen und stürmischer Applaus empfingen die in der Jazzszene ziemlich ungewöhnliche Besetzung aus Streichquintett, Klavier und Trompete um Sebastian Studnitzky im Jazzkeller, vom Jazzclub als Dankeschön für den Gewinn des deutschen Spielstättenprogrammpreises „Applaus“ ausgerichtet. Erste und zweite Violine, Bratsche, Cello und Kontrabass, eine in Jahrhunderten gereifte Besetzung mit der heute jedermann den Begriff Klassik verbindet, bildeten den fliegenden Klangteppich auf dem der Magier Studnitzky an den Tasten und Ventilen seine kreativen Ideen entfalteten konnte. Lebendig pulsierender harmonischer Wohlklang durchströmte den Veranstaltungsraum, in dem man eine Stecknadel hätte fallen hören. Die konzentrierte Aufmerksamkeit und die trockene Raumakustik forderten dabei den Musikern höchste Präzision und Disziplin ab.

Auch wenn Studnitzky kalauerte, im Jazz sei alles möglich und alles erlaubt und er diese Freiheit augenzwinkernd auch für sich und seine Improvisationen reklamierte, gelang es ihm in sympathischer Beiläufigkeit, gelegentlich auch etwas unterkühlt oder verspielt, seine Töne exakt so zu setzen, dass sie wie selbstverständlich wirkten und rundum überzeugten. Und auch wenn Studnitzky wiederholt die trockene Raumakustik monierte, die von den meisten Jazzern gerade geschätzt wird, hatte die resultierende Transparenz der Klänge doch auch ihr Gutes. War bereits die Reduktion auf ein Streichquartett eine Absage an den schwelgerischen selbstgenügsamen Wohlklang orchestraler Besetzungen, so verstärkte sich dieser Effekt im vollbesetzten Jazzkeller auf eine wohltuende kammermusikalische  Durchsichtigkeit, die gerade in den kompositorisch dichteren Passagen den Nachvollzug erleichterte. Der mal gestrichene, meist aber gezupfte Kontrabass fungierte dabei als strukturelle Brücke zwischen dem freieren Jazzidiom und den klassisch auskomponierten strengeren Komponenten, je nach Bedarf schlug sich der wandlungsfähige Paul Kleber der einen oder anderen Seite zu.

Gerade die stilistische Wandlungsfähigkeit von Kleber, und natürlich auch diejenige des abwechselnd am Kawaiflügel oder an der jazztypisch verhaucht geblasenen Trompete waltenden Studnitzky selbst, war gewissermaßen das Scharnier zwischen den beiden Welten Klassik und Jazz. Ein auf einem harmonisch erweiterten und moderat modernisierten Unterbau basierender Streicherapparat, durchzogen von weiten Melodielinien (etwa im Titelsong „Memento“ aus dem gleichnamigen Album) oder wellenförmig schwingenden Figurationen (wie in „Waves“ ) bildete häufig Grundlage für die Soloimprovisationen der Jazzabteilung. Im Unterschied zu den heutzutage immer häufiger verwendeten Loopmaschinen groovten und pulsierten die vier jungen Damen des Streichquartetts in wohltuender Natürlichkeit. Dass eine nicht loopbasierte Begleitung wesentlich komplexer, differenzierter, dynamischer und lebendiger klingt und, gerade weil sie durchkomponiert ist, überdies künstlerisch anspruchsvoller und klanglich ansprechender ist, ja sogar melodische, homophone und polyphone Aufgaben übernehmen kann (wie in „Fugato“), wertet diese und damit auch das ganze Projekt erheblich auf.

Studnitzky wandelt mit dieser Fusion auf einem Pfad, der bereits vor einem halben Jahrhundert Brücken zwischen den verschiedenen Genres schlagen sollte. Die moderne Musik und der moderne Jazz, beides hochentwickelte und stark ausdifferenzierte Sphären, sollten zusammenwachsen. Plötzlich war echter symphonischer Jazz denkbar geworden, Charles Mingus Lebenstraum erwachte, Gunter Schuller oder das „Modern Jazz Quartet“ gingen mit anderen zusammen den „dritten Weg“, der leider bis heute ein Pfad geblieben ist. Der Beifall und die Begeisterung – immerhin gab es zwei Zugaben – scheinen Studnitzky Recht zu geben, diesen Pfad zu erweitern und darauf zu neuen Ufern zu gelangen. Dankeschön an Studnitzy und seine Truppe, Dankeschön an den Jazzclub für einen inspirierenden Konzertabend.

Text: H. Schönecker; Beitragsfoto: Wolfgang Volz; Galeriefotos: Helmut Schönecker

 

29.11.2019: Axel Kühn Trio

Mehrfach preisgekröntes Axel Kühn Trio im Jazzkeller

Kraftvoll, überzeugend und authentisch

BIBERACH – Die drei bestens aufeinander eingespielten Musiker hatten eindeutig etwas mitzuteilen, eine Botschaft, die aus tiefstem Herzen kam und überaus kraftvoll nach außen drängte. Dabei fühlte sich das Trio um Axel Kühn beim Freitagskonzert im gut besuchten Jazzkeller sichtlich wohl, die Funken sprangen unmittelbar auf das Publikum über und die Spannungskurve ließ bis zum dreifachen Finale nicht einen Moment nach. Kräftig zupackend aber auch in entrückter Transzendenz fanden die Stücke, die meist aus der Feder des Bandleaders am Kontrabass stammten und sich größtenteils auf der neuen CD „Zeitgeist“ befinden, offene Ohren und großes Wohlwollen. Gleich zwei Zugaben rundeten einen erfüllten Abend ab.

Axel Kühn, mehrfach prämierter Jazz-Kontrabassist und -Komponist, verleugnete dabei keinesfalls seine Vorliebe auch für andere Musikstile. Schon der Umstand, dass er seine Musik selbst als Grunge-Jazz bezeichnet, lässt darauf schließen, dass er seine ästhetischen Wurzeln in den frühen 1990er Jahren im Umfeld von Kurt Cobain und „Nirvana“ hat. So fand sich unter vielen Eigenkompositionen auch der Coversong „Cats in the cradle“, im Original zwar von Harry Chapin in den 70ern komponiert, nach Johnny Cash in den späten 80ern, erst Mitte der 90er jedoch von Ugly Kid mit großem Erfolg in die Rock-Charts gebracht. Axel Kühn strickte daraus mit viel Herzblut eine durchaus überzeugende neue, eigenständige Version, die Spuren der Vorgängerversionen enthielt, Respekt vor dem Original zeigte und dennoch gänzlich neue Perspektiven herausarbeiten konnte.

Ebenso fanden die „Giant Steps“ des stilbildenden Jazz- und Saxophon-Giganten John Coltrane in Axel Kühns „Step by Step“ eine neue Heimat. Ein raffiniertes Konstrukt aus abwechslungsreichen, teilweise hochvirtuosen und komplexen Versatzstücken kulminierte in einem finalen Ostinato von Kontrabass und Klavier (Ull Möck) über dem der glänzend disponierte Schlagzeuger Eckhard Stromer, in Chicago geborener Schlagzeugdozent der Stuttgarter Musikhochschule, ein Füllhorn von rhythmischen Einfällen ausschüttete. Saubere Triolen auf der Hihat, kombiniert mit vertrackten 16tel-Rhythmen auf Snare und Becken und kontrapunktiert mit synkopierten Akzenten auf der Bassdrum ließen auch manchen fachkundigen Zuhörer fast schwindelig werden.

Einer der Höhepunkte des Abends war die Kühn’sche Version der Ballade „Don’t Cry“ von Axl Rose, Axel Kühns Namensvetter von den „Guns N‘ Roses“. Vom ursprünglichen Hard Rock blieben das geradlinig zupackende Moment und das ungekünstelte Sentiment, aus der Jazzperspektive die Variabilität, Komplexität und die Freiheit der Improvisation und – typisch auch für alle Eigenkompositionen Kühns – die Seele des Ganzen. Mit großem musikalischen Feingefühl vermag es Axel Kühn seinen Stücken das mitzugeben, was nur die ganz Großen in der Musik haben: Tiefgang und Überzeugungskraft. Der Finalist beim Biberacher Jazzpreis im Jahr 2006, Landesjazzpreisträger in Baden-Württemberg 2009 und Gewinner des europäischen Nachwuchsjazzpreises Burghausen hat mittlerweile nicht nur seinen eigenen Stil gefunden, in welchem er den Zeitgeist wie in einem Brennglas eingefangen hat, er beginnt Jazzgeschichte zu schreiben.

Text und Fotos: Helmut Schönecker

15.11.2019: Autschbach & Illenberger

Gefeierte Gitarrenpäpste lassen nichts anbrennen

Duo Autschbach-Illenberger stößt auf großen Wiederhall beim Publikum

BIBERACH – Bereits im Vorverkauf riss das Gitarren-Duo Autschbach-Illenberger, welches nach sechs Jahren wieder einmal in Biberach gastierte, alle Dämme ein. Schon Tage vor dem Konzert im Jazzkeller waren alle Karten ausverkauft. Der Ansturm auf die Tickets war ebenso hoch wie die Erwartungen an die Weltklassemusiker. Obwohl in manchen Ankündigungen zu lesen war, dass es sich bei den Eigenkompositionen und Improvisationen nicht unbedingt um Jazz handelt, wurde da oder dort doch eine gewisse Verwunderung darüber laut, dass Jazz bei dem Gitarrenkonzert doch eher eine Randerscheinung blieb.

Irgendwo zwischen Easy Listening, mittelalterlichem Lautenspiel und romantischem Virtuosentum angesiedelt, mit Einsprengseln aus der Folklore oder aus dem Rock- und Blues-Genre erwiesen sich die abwechslungsreichen Stücke als durchweg sehr eingängig, überaus einfühlsam und mit viel Liebe zum perfekten Sound interpretiert. Eine stupende Spieltechnik, ein außerordentliches Maß an Virtuosität und ein nahezu perfektes Zusammenspiel der beiden Künstler ließen eigentlich nichts zu wünschen übrig. Dennoch fehlte manchen Gästen etwas der Biss oder auch die kraftvolle Authentizität in vielen Stücken. Etwas mehr Experimentierfreudigkeit, mehr Tiefe und Intensität, wie etwa in dem von Autschbach solistisch, singend und musizierend, herausragend dargebotenen „Suitcase Blues“ über oft nicht ganz so saubere Hotelzimmer, die dem reisenden Musiker das Leben unnötig schwer machen, hätte auch manch anderem Titel gut getan.

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25.10.2019: Fessele Knudsen Streit Trio

Fessele-Knudsen-Streit-Trio lockt die Massen in den Jazzkeller

Leas Charmeoffensive

BIBERACH – Übervolles Haus im Jazzkeller, voller Einsatz auf der Bühne, volle Begeisterung beim Publikum. Von Anfang an auf 100 Prozent ließ die agile Frontfrau des noch jungen Trios, die dänische Sängerin Lea Knudsen, keinen Augenblick die Zügel schleifen und schlug das Publikum mit ihrem offensiven Charme sofort in ihren Bann. Seit vielen Jahren ist Ulm und Oberschwaben ihre Wahlheimat. Dennoch ist diese Bandkonstellation mit dem Jazzpianisten Joe Fessele und dem Multiinstrumentalisten und Sänger Norbert Streit noch keine zwei Jahre alt und sprudelt geradezu über von Ideen auf der Suche nach einem eigenen Stil. „Symbiosis“ heißt ihre neue CD und dieser Titel ist gleichzeitig auch Programm. Wie im Fluge vergingen die beiden Sets, abwechslungsreich, unterhaltsam und recht breit gefächert.

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18.10.2019: Andrea Cerrato Trio

Piemontesisches Temperament flutet den Jazzkeller

Cantautore Andrea Cerrato versöhnt Poesie mit Melodie

BIBERACH – In einer Kooperation mit dem Verein „Städte Partner Biberach“ hat der Jazzclub im Rahmen der italienischen Woche in der Reihe seiner Freitagskonzerte ein eher ausgefallenes Konzertereignis mit dem jungen italienischen Liedermacher Andrea Cerrato ausgerichtet. Der Publikumszuspruch und eine Bombenstimmung bei allen Beteiligten übertrafen dabei die Erwartungen der Veranstalter bei weitem. Das überschäumende Temperament, eine durch sympathische Natürlichkeit bestechende Stimme, ein ausgeprägter Sinn für Poetik und der wohl angeborene Hang zum italienischen Melos des aus Asti stammenden „Cantautore“ Andrea Cerrato schlugen die Besucher von Anfang an in ihren Bann.

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