Kritik – Seite 2 – Jazzclub Biberach e.V.

08.02.2019: David Helbock’s Random/Control

Multiinstrumentalisten schaffen jazziges Kunstwerk zum Zuhören und zum Zuschauen

Beim Freitagskonzert des Biberacher Jazzclubs war mit „David Helbock’s Random/Control“ ein Jazztrio zu Gast, das zurzeit weltweit auf Konzertbühnen und Festivals unterwegs ist. Durch eine besonders langfristige Planung gelang es dem Jazzclub Biberach, im Tourneeplan neben bekannten Spielstätten in Berlin, Liverpool oder Montreal aufzutauchen. Schon vor Beginn des Konzerts war das Publikum erstaunt über die Vielzahl der auf der Bühne aufgebauten Blas- und Perkussionsinstrumente, neben dem mit einigem elektronischem Equipment versehenen Konzertflügel.

Der österreichische Pianist David Helbock, der bereits mit einer Reihe internationaler Preise ausgezeichnet wurde, präsentierte seine „Tour d’Horizon“ (Titel der aktuellen CD) mit Referenzen an seinen musikalisch prägenden Lehrer Peter Madsen sowie viele seiner musikalischen Vorbilder und Helden am Jazzpiano wie beispielsweise Keith Jarrett, Chick Corea, Esbjörn Svensson oder Abdullah Ibrahim. Mit höchster Virtuosität, kreativen und überraschenden Einfällen, aber auch mit viel Humor wurden die dem Publikum eigentlich größtenteils bekannten Musiktitel kräftig gegen den Strich gebürstet und in einem ganz eigenen und einzigartigen Stil präsentiert.

 

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13.01.2019: Dixie’s Treibhausventil

„Dixie’s Treibhausventil“ lassen ordentlich Dampf ab

Erfolgreiche Liaison: Dixieland, Weißwurst und Weißbier

BIBERACH – Beinahe hätten die Weißwürste von alleine zu kochen angefangen, so heiß ging es her beim jüngsten Jazzfrühschoppen des Biberacher Jazzclubs. Trotz ziemlich winterlicher Verhältnisse und mehreren Konkurrenzveranstaltungen war der Jazzkeller, nach einem hochkarätigen Saisonauftakt mit Tamara Lukasheva und Vadim Neselovskyi zwei Tage zuvor, auch bei der Traditionsveranstaltung am Sonntagmorgen überraschend gut besucht. Schließlich waren nach 14 Jahren einmal wieder die Jazzmänner der international renommierten Band „Dixie’s Treibhausventil“ zu einem Konzert nach Biberach gekommen und viele alte Fans brannten darauf, die eloquenten Glücksbringer wieder einmal live zu erleben.

Beherzt und ungekünstelt gingen die fünf Routiniers im Nadelstreifenanzug und in ihren zweifarbigen nostalgischen Lederschuhen zur Sache und brauchten den Szenenapplaus nach den einzelnen Improvisationen nicht erst lange einzufordern. Johannes Weindel, eines der Gründungsmitglieder der Band und frischgebackener Pensionär glänzte am Flügel mit perlenden Soloeinlagen und vollgriffiger Begleitung. Die Frontmänner an der Trompete (Michael Maisch), am Saxophon (Daniel Sernatinger) und an der Posaune (Peter Hohl in Vertretung für den erkrankten Stammposaunisten Burkhart Spellenberg) drehten mächtig auf und lieferten hervorragende Improvisationen in gediegener Virtuosität gleich in Serie, traten bei Bedarf aber auch zurück ins Glied um eine dezente Begleitung für die gerade solistisch agierenden Bandmitglieder abzuliefern oder gaben vokale Einlagen. Im Hintergrund agierte der Züricher Bassist Chris Hertel, präzise und verlässlich wie ein Schweizer Uhrwerk, und am Schlagzeug mischte der Freiburger Martin Herrmann mit viel positiver Energie, gelegentlich auch mit hochvirtuosen Soloeinlagen, die ganz Partie auf.

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11.01.2019: Tamara Lukasheva & Vadim Neselovskyi

Musikalischer Jahresauftakt nach Maß

Von Odessa über Köln nach New York und zurück

BIBERACH – Feinsinnig und zupackend, transparent und komplex, folkloristisch und artifiziell, virtuos und schlicht – die vermeintlichen Gegensätze fanden im künstlerischen Schwerkraftzentrum des aus Odessa stammenden Duos Tamara Lukasheva (Gesang) und Vadim Neselovskyi (Klavier) beim Auftaktkonzert der neuen Saison des Jazzclubs in überzeugender Weise zusammen. Die beiden Künstler, die heute in Köln und New York leben, spürten gemeinsam den Wegen in ihre alte Heimat am Schwarzen Meer nach, ohne aber deswegen die Verbindung zu ihrer neuen Heimat zu verlieren.

Die vielfach ausgezeichnete ukrainische Sängerin und Komponistin Tamara Lukasheva mit musikalischen Wurzeln im Opernfach fand bereits vor ihrer Übersiedlung nach Deutschland im Jahr 2010 zum Jazz. Aufnahmen mit dem Bundesjazzorchester und der WDR-Bigband, die Gründung ihres eigenen Quartetts, mit dem sie 2017 den neuen deutschen Jazzpreis gewann, sowie weitere innovative Projekte (Gender Balance Band, East Drive) und internationale Preise sind wichtige Stationen ihrer steilen und noch jungen Karriere. Einer ihrer „Entdecker“ war der 10 Jahre ältere Berklee-Professor Vadim Neselovskyi, der sie bei einem Workshop in Odessa auf die richtige Spur brachte. Vor einem Jahr haben die beiden endlich auch als Duo zusammen gefunden und jetzt im Jazzclub Biberach ihre musikalische Visitenkarte abgegeben.

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01.12.2018: SWR Big Band – Swinging Comedy

Swing trifft auf schwäbische Comedy

Swing, Comedy und Schwäbisch passen nicht nur bestens zusammen, sondern setzen auch ungeahnte Synergien frei. Den Beweis dafür lieferte in der voll besetzten Stadthalle Biberach eine einzigartige Konstellation aus dem Bempflinger Urschwaben Bernd Kohlhepp alias „Herr Hämmerle“ und der in Korntal lebenden Diplommusikerin, Hochschuldozentin und „Black Magic Woman“ Fola Dada.

Schlagfertigkeit, Spontaneität, Redegewandtheit und echte Gefühle wurzeln in der Sprache und damit auch besonders im heimischen Dialekt. Übertreibungen, Parodien und Karikaturen bekannter Welthits, von der mehrfach Grammy-nominierten SWR-Bigband virtuos, präzise und stilsicher in speziellen Arrangements und sattem Sound begleitet, ließen kein Auge trocken bleiben.

Ob vor Michael Jackson, Stevie Wonder (I wish – der „Wisch-Song“ für schwäbische Putzteufel), James Brown, Marilyn Monroe oder dem swingenden Stimmwunder Ella Fitzgerald, nach einer launigen Anmoderation von Herrn Hämmerle schreckten die Akteure vor keinem noch so berühmten Titel zurück und überzeugten damit rundum. Auch die Mischung zwischen Musikanteilen und Comedy war stimmig.

Während Herr Hämmerle oder Fola Dada in ein neues Outfit schlüpften, gab die Bigband unter Leitung von Klaus-Peter Schöpfer klassische Bigband-Highlights in gediegenen Bearbeitungen, wie Benny Goodmans „Frankie & Johnny“, Hoagy Carmichaels „Stardust“ oder auch herausragende Bravourstücke für die international renommierten Virtuosen der Band (unter anderem dem Ringschnaiter Felice Civitareale). Vor wenigen Wochen mit Fola Dada in der Hamburger Elbphilharmonie, demnächst mit Paul Carrack in London – der aus Warthausen stammende Manager der Band, Hans-Peter Zachary, hat alle Hände voll zu tun, um diese Ausnahmeformation, von welcher gar der legendäre Sammy Nestico als „My favorite Big Band“ spricht, auf ihrem Erfolgsweg durch die Musikwelt zu begleiten.

Einer der komödiantischen Höhepunkte in Biberach war die von dem Vollblutkabarettisten und veritablen Gesangssolisten und Entertainer Herrn Hämmerle in drolligem „Schwänglisch“ umgarnte Gesangsdiva, die er zum Duett motivieren wollte. Selbst diejenigen aus dem Publikum, die über die schwäbische Heimat Fola Dadas Bescheid wussten, ja selbst Fola Dada persönlich, kämpften – meist vergeblich – mit den Lachtränen. Um die in den ausgedehnten Lachsalven „verpassten“ Einsätze zu erklären, schob er die „Schuld“ flugs den hervorragenden Bläsersolisten in die Schuhe. Deren Verwendung des Gesangsmikros war nach seiner Überzeugung für diverse technische Aussetzer verantwortlich. Den Beweis dafür lieferte er umgehend durch eine rasend schnelle, fast schon virtuose Anmoderation mit selbst erzeugten Aussetzern, natürlich in breitestem Schwäbisch. Noch virtuoser gelangen nur die Tanzeinlagen im Stile von Michael Jackson.

Wer zu Beginn daran gezweifelt hatte, dass das schwäbische Sprachidiom dem Jazz nicht zu sehr entgegenkommt, wurde an diesem Abend mit „Swinging Comedy auf höchstem Niveau“ unter dem Motto „Obacht Schwabenstyle“ rasch eines Besseren belehrt. Stürmische Beifallsbekundungen und Zugabe-Rufe wurden denn auch mehrmals erhört und die Künstler entließen das Publikum mit strahlenden und zufriedenen Gesichtern in die erste Adventsnacht, in der Fola Dadas eindrucksvolle Stimme noch lange nachklang.

Text und Fotos: Helmut Schönecker

23.11.2018: Mrs Bo’s Cookbook

Exquisite Rezepte aus Mrs. Bo’s Cookbook

Jazz á la flute mit Isabelle Bodenseh

BIBERACH – Eine bunte Sammlung von Mrs. Bo’s Lieblingsrezepten, Eigenkompositionen oder auch Bearbeitungen berühmter „Sterneköche“, in einer Art musikalischem „Showcooking“ vor zahlreichen aufmerksamen Beobachtern im Jazzkeller der Bruno-Frey-Musikschule in Echtzeit angerichtet, verabreichte das ungewöhnliche Jazz-Quartett um Isabelle Bodenseh den begeistert applaudierenden Besuchern beim Freitagskonzert des Jazzclubs.

Das ausgefallene künstlerische Konzept kam bereits in der einzigartigen Besetzung des Quartetts mit Querflöte, Gitarre (Lorenzo Petrocca), B3 Hammondorgel (Thomas Bauser) und Schlagzeug (Lars Binder) zum Ausdruck. Alle Protagonisten, jeder für sich genommen Meister seines Faches mit je eigenständiger Karriere, unzähligen CD-Produktionen und ausgeprägten Personalstilen, gingen gewissermaßen als hochwertige Zutaten in Mrs. Bo’s Rezepturen auf und verbanden sich zu absoluten Leckerbissen für gar nicht so stille Genießer. Erlesene Köstlichkeiten in raffinierten Kombinationen statt schneller Fertiggerichte animierten immer wieder zu Begeisterungsrufen. Barock anmutende harmonische Sequenzen verbanden sich mit Versatzstücken lateinamerikanischer Melodien, eine gefühlvolle Hommage an Django Reinhardt wechselte mit einem funkigen „Pow, boom & BAM“, einem Song über die Veränderung der Sprechweise von Bodensehs Sohn nach dessen Entdeckung von Comics. Lars Binder steuerte ein Lied über seine Tochter Louise bei und als zweite Zugabe gab es ein Duett von Flöte und Gitarre über „Volare“ zu hören.

Bereits die Biografie von Isabelle Bodenseh, mit klassischem Querflötenstudium in Frankfurt, Jazz-Querflöte bei James Newton in L.A., DAAD-Stipendium für afrokubanische Musik und Latin Jazz in Kuba sowie der Mitarbeit in vielen verschiedenen Ensembles, Studio-, Rundfunk- und Fernsehproduktionen ließ die Vielfalt musikalischer Einflüsse erahnen. Diese in einer stimmigen Melange mit den breitgestreuten Ideen der erfahrenen Mitmusiker zu verschmelzen, verschaffte dem Biberacher Publikum eine Sternstunde in Sachen lebendigem, zeitgenössischem, intelligent gemachtem Jazz, mit viel Pep gewürzt und in vielfältigen Geschmacksrichtungen.

Mrs. Bo alias Isabelle Bodenseh brachte dem Publikum dabei weit mehr als nur die üblichen Flötentöne bei. Flatterzunge, geräuschhaftes An- und Überblasen oder expressive Growleffekte erweiterten das Ausdrucksspektrum in Richtung der menschlichen Stimme. Thomas Bauser steuerte neben hammondtypischen Sounds und Improvisationen auf dem Vollpedal seiner Hammond B3 mit Leslie-Tonkabinett wie selbstverständlich auch die fehlende Bassstimme bei. Der weiche Gitarrenklang von Petroccas Gibson, seine abwechslungsreiche und farbige Begleitung und vor allem die munteren Improvisationen, die oft auch im dialogischen Wechsel mit der Querflöte stattfanden, provozierten immer wieder Sonderapplaus, ebenso die gelegentlichen Schlagzeusoli des ansonsten banddienlich agierenden Drummers Lars Binder. Frappierend präzise und stimulierend waren die immer wieder scheinbar unvermittelt auftretenden Unisonopassagen zwischen Gitarre und Querflöte oder Querflöte und Hammondorgel im fliegenden Wechsel mit spritzigen Improvisationsduellen. Mit anderen Worten: Kurzweilige Unterhaltung auf höchstem Niveau für Genießer.

Text: Helmut Schönecker
Fotos: Helmut Schönecker, Wolfgang Volz

09.11.2018: Tenor Madness

Junge baden-württembergische Jazzer stellen sich vor.

Unbekümmerte Exkursionen durch die weiten Gefilde des Jazz

BIBERACH – Eine erfrischende Mischung aus Eigenkompositionen, zumeist aus der Feder des jungen Pianisten Moritz Langmaier, sowie neuen, teils unkonventionellen Arrangements bewährter Standards von Amazing Grace und den Beatles über Chick Corea bis zum langjährigen Mentor des Bundesjazzorchesters Peter Herbolzheimer waren Kennzeichen eines kurzweiligen Konzertabends im Jazzkeller der Bruno-Frey-Musikschule mit einer der jüngsten Jazzbands des Landes. Und einmal mehr zahlte sich die Risikobereitschaft des Jazzclubs aus, auch dem Nachwuchs eine Plattform zu bieten. Ein volles Haus und viele jugendliche Besucher – bis 18 Jahre bekanntlich bei freiem Eintritt – erlebten mit „Tenor Madness“  direkten und unverstellten, ehrlichen, handgemachten Jazz auf einem hohen Energieniveau.

Das Trio aus Klavier (Moritz Langmaier, Wangen), E-Bass (Paul Dupont, Hockenheim) und Schlagzeug (Malte Wiest, Oberhöfen) bildete den Kern der Formation, agierte souverän und gut aufeinander eingespielt. Besonders Langmaiers Improvisationen zeigten sich dabei vielschichtig, abwechslungsreich und auch stilistisch offen. Seine stupende Spieltechnik und die vielfältigen musikalischen Einfälle ließen ihn – besonders auch in seinen Eigenkompositionen – zum „Spiritus Rector“ der Truppe werden. In sympathischer Zurückhaltung agierte er daneben gleichwohl ganz im Dienste des Ensembles, nahm keinem Mitspieler die Butter vom Brot. In gediegener handwerklicher Qualität vermochten dies auch Paul Dupont am E-Bass und der Initiator der Formation, Malte Wiest. Gelegentliche Soloeinlagen der beiden Vorstudenten beeindruckten bereits durch eine erstaunliche Reife und Virtuosität.

Die Herausforderung, zwei Melodieinstrumente in derselben Lage und Stimmung an die melodische Front zu stellen, verlangte den jungen Tenoristen allerdings eine Menge ab. Eine gute Koordination, saubere Intonation, klare Absprachen, eine sinnvolle Aufgabenteilung sowie rasche und flexible wechselseitige Reaktionen sind in diesem Falle zwingend. Die unterschiedliche Tongebung der beiden Bläser war dabei durchaus hilfreich.  Adrian Gallets Ton war sonor und intensiv während Lukas Wögler auf seinem Saxophon eher unterkühlt parlierte. Neben längeren Einzelimprovisationen gab es zwischen beiden auch echte Arbeitsteilung, das Staffelholz wechselte dabei flüssig und konditionsschonend seinen Besitzer. Komplementär angelegte Kollektivimprovisationen oder dichtere musikalische Interaktionen blitzten gelegentlich auf, machten Appetit auf mehr. Die nächsten Jahre in einer fundierten Ausbildung werden hier sicherlich auch komplexere Strukturen und eine noch raffiniertere musikalische Kommunikation zur Folge haben.

Waren im ersten Set noch Zurückhaltung und eine gewisse Anspannung zu verspüren, die Nahtstellen zwischen den einzelnen Versatzstücken teilweise noch gut hörbar, gelang im zweiten Teil nahezu alles mit leichter Hand und in großer spielerischer Gelassenheit. Eine erste Eigenkomposition des Drummers erwies sich harmonisch als durchaus interessant, ein Major-Sept-Akkord mit hochalterierter Quinte spielte dabei eine zentrale Rolle. In jugendlicher Unbekümmertheit und Bescheidenheit verriet Malte Wiest dem Publikum sogar, dass dies nach viel zu kurzer Probe vor Konzertbeginn, eine echte Uraufführung war. Einige effektvolle Bearbeitungen bewährter Standards beschlossen einen abwechslungsreichen Abend, der für frischen Wind in der Szene stand.

Text & Fotos: Helmut Schönecker