Kritik – Seite 2 – Jazzclub Biberach e.V.

12.01.2024: Tuija Komi Quartett

Magische Momente mit Tuija Komi im Jazzkeller

Finnische Jazzdiva liefert charismatische Performance

BIBERACH – Nach dem heimatbezogenen Programm des Vorjahres öffnete sich bereits zum Auftakt der neuen Konzertsaison das Musikangebot des rührigen Biberacher Jazzclubs und damit auch die Wahrnehmung der heimischen Jazzfans wieder der ganzen stilistischen und internationalen Bandbreite des Jazz. Ausgestattet mit einer außergewöhnlich wandelbaren, gleichwohl sympathischen und unaufdringlich eindrucksvollen Singstimme vermag es die in München lebende Tuija Komi, die Stimmungen ihrer nordischen Heimat exemplarisch einzufangen und ihnen plastische Gestalt zu verleihen. Die finnischen, schwedischen oder auch englischen Texte verschmelzen organisch mit ihrer feinsinnigen Interpretation und der subtilen Begleitung ihres neuen Quartetts zu einer künstlerischen Einheit ungewöhnlicher Ausdruckstiefe die rundum überzeugen kann. Ihre originellen, überwiegend auf Deutsch gehaltenen Moderationen überbrücken mühelos die Distanz zum Publikum, die gemütliche Wohnzimmer-Atmosphäre und die räumliche Nähe im Jazzkeller tun ein Übriges zum allgemeinen Wohlbefinden.

Die solistisch vorgetragene Hommage an ihre alte, derzeit gerade ziemlich unterkühlte, nordische Heimat in „Land of the midnight sun“ vermochte es, den weiten nordischen Himmel, die im Frost erstarrte Landschaft und das Zwielicht der Polarnacht eindrucksvoll einzufangen. Ebenso wie das direkt vor der Pause erklingende, zauberhafte „The Music is the magic“ von Abbey Lincoln oder die farbig schillernden „Polarlichter“ vermochte es die, zusammen mit dem legendären, erst vergangenes Jahr verstorbenen Jazztrompeter Dusko Goykovich komponierte balkanische „Samba tzigane“ in besonderem Maße die Herzen und Augen der enthusiastischen Zuhörer zu öffnen. Fast noch mehr unter die Haut ging die frenetisch herbei geklatschte zweite Zugabe über „Tanzende Rentiere“ mit ihren frei improvisierten Anteilen im Stile des „World-Jazz“. Nur selten dürfte solch eine innige Liaison von Power und Sentiment zu finden sein wie in diesem nordischen Energiebündel.

Es war schwer, sich vorzustellen, dass irgend jemand Tuija Komis langjährigen, kongenialen und 2021 viel zu früh verstorbenen Pianisten Walter Lang vollwertig ersetzen könnte. Mit Stephan Weiser ist es ihr jedoch gelungen, einen äußerst feinfühligen Begleiter zu finden, der trotz seiner unzweifelhaft vorhandenen Virtuosität, diese nicht eigennützig in den Vordergrund stellt. Die neueren Stücke tragen in Zuschnitt und Harmonisierung überdies auch seine charakteristische Handschrift. Für Konstanz und Zusammenhalt sorgten in bewährter Weise Henning Sieverts am Kontrabass und Martin Kolb am Schlagzeug.

Text und Fotos: Dr. Helmut Schönecker

01.12.2023: Rolf Richie Golz

Ausverkauftes Finale der Heimattage-Konzertreihe im Jazzkeller

Rolf Richie Golz fasziniert und begeistert mit seinen „Bildern für Piano Solo“

BIBERACH – Eine lebhafte Fantasie, starke Empathie, eine außergewöhnliche Beobachtungs- und Auffassungsgabe gegenüber äußeren Eindrücken sowie die künstlerischen Mittel zur deren Umsetzung kennzeichnen den Biberacher Komponisten und Jazzpianisten Rolf Richie Golz. In der Region und weit darüber hinaus beileibe kein Unbekannter und wohl auch dank einer großen Schar begeisterter Klavierschülerinnen und – schüler, war bereits sein Trio-Konzert im Januar, zur Eröffnung der Konzertreihe anlässlich der baden-württembergischen Heimattage in Biberach, vorzeitig ausverkauft. Und auch zum Abschlusskonzert dieser Konzertreihe des Jazzclubs reichten die Plätze im Jazzkeller nicht aus, um all die begeisterten Fans zu fassen. Und ebendiese entließen den umjubelten Künstler auch erst nach der dritten Zugabe von der Bühne.

Als sympathischer, unverkrampft auftretender Moderator seiner eigenen Kompositionen vermochte es Golz, die Intentionen seiner „Bilder für Klavier“ anschaulich zu erklären. Indem er die Umstände der Entstehung seiner Stücke, etwa eine Reise an die Ostsee, nach Litauen, mit dem Besuch der kurischen Nehrung mit ihren riesigen Sanddünen („Dünen“) oder die Eindrücke eines ganz normalen Samstags – „Saturday Afternoon“ – im oberschwäbischen Ingoldingen umriss. Solchermaßen eingestimmt lauschten viele Zuhörer, oft sogar völlig entrückt mit geschlossenen Augen den musikalischen Eindrücken dieser Szenerien. Der leise rieselnde Sand auf der größten Düne Europas wurde pittoresk durch flirrende, glitzernde Tonkaskaden in Musik umgesetzt, die umtriebigen Schwaben mit ihren riesigen, lärmenden Traktoren und deren samstägliche Aktivitäten rund um Haus und Garten, inspirierten den künstlerischen Langschläfer zu heftigen, übereinander getürmten Akkorden á la Schostakowitsch und wilden, hektischen, ja aggressiven, mitunter bedrohlich klingenden Passagen im fortissimo. Plastisch herausgearbeitete, oft weit gespannte Melodielinien etwa in „Dijon“ (im Gedenken an eine Jugendliebe) und einprägsame Akkordpatterns über vertrackten Rhythmen („Fifty Eights“ – ein zusammengesetzter 50/8-Takt anlässlich seines 50. Geburtstages) wechselten mit virtuosen, oft wohl auch ganz freien Improvisationen in einer breiten stilistischen Palette.

Klassische, romantische oder impressionistische Stilelemente neben solchen aus Pop, Rock und Jazz fließen bei Rolf Richie Golz zu einem authentischen Individualstil zusammen, zu einer farbigen, kaleidoskopartigen und gut nachvollziehbaren „Cross Over Piano Music“, die man gerne auch auf einer, leider bisher noch nicht erschienenen CD oder wenigstens in einem Streamingdienst hören würde. Lässt doch der pittoreske Erlebnischarakter dieser Musik sie auch für musikalische Laien gut hör- und fühlbar werden, auch wenn die blues- oder jazzlastigen Zugaben, etwa in den „Reflections“ von Keith Jarrett, die Puristen unter den Jazzfans mitunter doch noch etwas mehr inspiriert haben dürften.

Text und Fotos: Helmut Schönecker

17.11.2023: Andy Herrmann Quartett

Andy Herrmann Quartett präsentierte „Sincerity“

BIBERACH – Bereits zum zweiten Mal im Rahmen der diesjährigen Konzertreihe des Jazzclubs anlässlich der Biberacher Heimattage stand Andy Herrmann auf der Bühne des erneut vollbesetzten Jazzkellers. Diesmal mit seinem seit 2016 bestehenden Quartett aus Arne Huber am Bass, Samuel Leipold an der Gitarre und Bastian Jütte am Schlagzeug und mit seinem neuesten Projekt „Sincerity“ im Gepäck. Stand bei seinem letzten Konzert noch das traditionelle „All American Songbook“ im Mittelpunkt des Geschehens, so war dieses Mal der aktuelle New-York-Stil, inspiriert von Pat Metheny und Lyle Mays, angereichert mit diversen europäischen Gestaltungselementen Gegenstand der erlesenen Darbietungen.

Polymetrisch angelegt, nach dem Vorbild einer spätmittelalterlichen Praxis in der „Mensuralmusik“ und gleichermaßen verwandt mit der komplexen afrikanischen Rhythmik, die ebenfalls die Gleichzeitigkeit verschiedener, sowohl gerader als auch ungerader Metren, zusammengehalten nur durch einen „Timekeeper“ kennt, waren die ungewöhnlichsten und wohl auch interessantesten Kompositionen des Bandleaders. Eine Reihe von Titeln erinnerten an die für Musiker besonders schwierige, für Komponisten oft aber auch recht produktive Coronazeit. „Omikron“ und vor allem das zupackende „Deltakron“ in seiner beinahe schon verstörenden Komplexität boten davon einen, von manchem jedoch eher als zwiespältig empfundenen Nachgeschmack. Weitere Nummern aus der Debüt-CD des Quartetts, „The Child in Me“ lockerten das Programm auf.

In der „Mensuralmusik“ der frühen Renaissance, aus der Zeit noch vor der Einführung von Taktstrichen, gab es das dreiteilige tempus perfectum, durch einen Kreis dargestellt und das durch einen Halbkreis dargestellte zweiteilige tempus imperfectum (eine Reminiszenz dazu ist das heute noch übliche C als Symbol für den 4/4 Takt). Im Zusammenwirken beider metrischer Ebenen entstand ein abwechslungsreiches, eigenartig schwebendes, besonders die niederländische Vokalpolyphonie charakterisierendes, relativ freies Rhythmusgefühl, welches dort vor allem durch die differenziertere Wortausdeutung seine Berechtigung fand. Die Transformation dieses Prinzips auf die stilistisch komplexe Gegenwartsmusik führt bei Andy Herrmann ebenfalls zu einer schwebenden Leichtigkeit und zu einer prickelnden, vielseitigen Rhythmik. Diese bildet eine durchaus willkommene Abwechslung zu den eher gleichförmig hämmernden Dance-Beats der letzten Jahre und Jahrzehnte. Ein 13/8-Takt kombiniert mit einem 13/4-Takt im fliegenden Wechsel mit einem 7er-Takt in den Improvisationsteilen und gleichzeitig unterlegten geraden Rhythmen im Schlagzeug scheint nur auf den ersten Eindruck konstruiert und steril. Wenn aber alle Mitwirkenden auf einer Wellenlänge zusammengefunden haben, ergibt sich daraus ein faszinierender und stimmiger Groove, der sich über den bloßen Tanzcharakter vieler moderner Rhythmen erhebt und gepaart mit der erweiterten Tonalität und Harmonik des Modern Jazz auf den Hörer eine befreiende Wirkung ausübt.

Apropos Groove. Der typische aus der Dance-Szene bekannte Drum-’n‘-Bass-Groove war ebenfalls eine der Inspirationsquellen, der Andy Herrmann ein Experiment mit dem Einsatz zweier zusätzlicher Keyboards und entsprechender Computersoftware bzw. einem Sequenzer im „Groovy Song“ widmete. Der hochdekorierte Münchner Drummer Jütte schien dabei allerdings deutlich unterfordert. Das Zusammenspiel mit den elektronischen Taktgebern wirkte angespannt und war nicht wirklich erfrischend. Immerhin trauten sich die Künstler nach elektronischer Tempovorgabe dem Stück ein „unbegleitetes“ Intro voranzustellen und schafften es doch tatsächlich, sich durch den späteren Einsatz der KI nicht völlig aus dem Takt bringen zu lassen. Handgemacht und analog hat wohl im Live-Betrieb durchaus noch seine Vorzüge. Eine KI-freie Polymetrik ist der elektronisch getakteten Polyphonie künstlerisch allemal überlegen. Gewissermaßen als Wiedergutmachung durfte Jütte danach aber noch ein ausgedehntes, hoch-virtuoses und entsprechend umjubeltes Schlagzeugsolo zelebrieren.

Als Hommage an Herrmanns anwesende Mutter erklang gegen Ende des kurzweiligen Konzertes noch der Titel „First Date“. Zuvor verarbeitete er in dem eindrucksvollen und eindringlichen Titel „Hambuscht“ über den gleichnamigen Kinderschreck aber noch ein frühes Kindheitstrauma auf einem Äpfinger Bauernhof, bei dem auch eine Spieluhrmelodie eine dominierende Rolle spielte. Danach erklang als Zugabe noch eine stimmungsvolle Komposition von Pat Metheny, „Straight On Red“.

Text und Fotos: Helmut Schönecker

10.11.2023: Open The Box Trio

OpenTheBox statt Büchse der Pandora

„Unperfect Buildings“

BIBERACH – Selten oder gar noch nie zuvor dürfte es eine künstlerische Hommage an das „Unperfekte“ gegeben haben. Selten oder gar einzigartig ist auch der musikalische Weg, den Christian Krischkowsky mit dem neuen Album „Unperfect Buildings“ und seinem neu gegründeten Trio eingeschlagen hat. Gemeinsam mit dem Regensburger Gitarristen Andreas Dombert und dem Tübinger Kontrabassisten Axel Kühn hat der Ulmer Komponist und Schlagzeuger nun in einem CD-Release-Konzert im Jazzkeller dieses ungewöhnliche Projekt vorgestellt. Die Publikumsresonanz war durchweg positiv, die gebotene Musik frisch, authentisch und unvergleichlich.

„Helmut“ hieß der Opener des Konzertabends, „Franz-Josef-Land“ der Titel des zweiten Stückes, beide Nummern an Krischkowskys Jugendjahre in München erinnernd. Aber nicht Helmut Schmid und auch nicht Franz Josef Strauß werden darin hofiert. „Helmut“ steht für Helmut Dietl, den von Krischkowsky so bewunderten Regisseur, Drehbuchautor und Schöpfer des bis zur Komik bodenständigen Münchner Stenz „Monaco Franze“, dargestellt von dem Schauspieler Helmut Fischer. Dessen Motto „Ein bisserl was geht immer“ und dessen skurrile Authentizität passen durchaus auch zu Krischkowskys Musik. Dessen Bekenntnis zu Thelonious Monk im Titel „Please, Hold The Line, Thelonious!” verdeutlicht weiterhin seinen ästhetischen Ansatz. Monk, von seinen Zeitgenossen oft als introvertierter Exzentriker beschrieben, revolutionierte als Autodidakt mit seinem unkonventionellen Stil den Jazz wie kaum ein anderer vor ihm. Und tatsächlich interpretiert auch der Ulmer Komponist mit den „Unperfect Buildings“, wie in seinem Press-Reader angekündigt, den Kanon des Jazz ziemlich neu und ungewöhnlich.

Elaborierte Kompositionen, minutiös ausnotiert und im perfekten Timing ausgeführt erinnern an die klassische Moderne. Komplexe Rhythmen, überraschende Wendungen, plötzliche Tempo- und Dynamikwechsel sowie hoch differenzierte Formstrukturen sind ohne detaillierte Notation kaum zu meistern. Und dennoch verschafften sich die drei Protagonisten immer wieder den jazztypischen Freiraum für kreative Improvisationen, oft in spannender Interaktion zwischen einem sehr melodisch gespielten Kontrabass und meist kuschelig weichen Gitarrenklängen. Letztere klanglich aufpoliert durch verschiedene Effektgeräte.

Plastisch und anschaulich dargestellt fanden die „Dolphins near Venice“, die während der coronabedingten Produktionspause der italienischen Industrie überraschend schnell den Weg in die nun weniger schmutzige Lagune fanden, auch ihren leichten und beschwingten Weg in die Musik. Weit gespannte Melodielinien über komplexer Rhythmik in „Bird on a cherrytree“ erzeugten eine heitere, schwebende Leichtigkeit über permutatorisch organisierten Begleitfiguren in der Gitarre im Stil der „Minimal Music“. Die sehnsüchtige Suche nach dem Sinn des Lebens verbirgt sich wohl hinter dem schwermütigen „Un Giorno“ während „Strange Night In Paris“ durch zahlreiche Takt- und Rhythmuswechsel tatsächlich eine befremdliche Wirkung erzielt.

Die nach anhaltendem Applaus als Zugabe gespielte Cover-Version von „Under the Bridge“, einem der erfolgreichsten Songs der kalifornischen Crossover-Band „Red Hot Chili Peppers“, handelt im Original von dem einsamen Kampf eines Drogenentzuges. Die emotionale Tiefe und kammermusikalische Transparenz der Trioversion war völlig untypisch für eine Zugabe und unterstrich schlussendlich nochmal den unkonventionellen Zuschnitt der „unperfekten Gebäude“ und Krischkowskys bewusste „Gegen-den-Strich-Ästhetik“. Im Unterschied zur Büchse der Pandora lässt sich diese „Box“ getrost öffnen.

Text und Fotos: Helmut Schönecker

09.11.2023: Dieter Ilg Trio

Dieter Ilg Trio bietet Hochkarätiges

Jazzige Variationen über Maurice Ravel

BIBERACH – Seit vielen Jahren regelmäßig zu Gast in Biberach, ist der international renommierte Freiburger Kontrabassist Dieter Ilg im Trio mit Patrice Héral aus Montpellier am Schlagzeug und dem gebürtigen Ravensburger Rainer Böhm am Flügel mehr denn je Garant für herausragenden Trio-Jazz auf allerhöchstem Niveau. In der trotz stimmungsvoller Bistrobestuhlung leider nur locker besetzten Stadthalle stellten die drei Ausnahmekünstler nun ihr jüngstes Projekt „Ravel“ vor, elf außergewöhnliche Variationen über Kompositionen des französischen Impressionisten Maurice Ravel.

Nach Projekten über Verdi, Wagner, Beethoven und Bach, für die er hoch gelobt und mehrfach mit dem Echo Jazz und Jazz Platin Award ausgezeichnet wurde, kam Dieter Ilg auf seinen musikalischen Expeditionen durch Barock, Klassik und Romantik jetzt im Impressionismus des frühen 20. Jahrhunderts an. Ravels Musik entstand in einer Zeit, in der auch der Jazz seine ersten Schritte tat. Insofern scheint das Ziel der Reise erreicht, der Kreis beginnt sich zu schließen, umarmt vom Jazz, organisch eingebettet in die universelle Idee des Jazz als zeitgenössischer, in der Tradition wurzelnder Tonsprache.

„Nun sind Sie wach“, begrüßte Ilg nach dem exponierten Schlagzeugeinsatz Hérals und den wilden Improvisationen des bereits dritten Stückes des Konzertabends, dem „Klaviertrio in a-moll“ aus dem Jahr 1914, sein aufmerksam lauschendes Publikum, welches er nach eigener Aussage leider nur als „Glühwürmchen“ im stimmungsvoll abgedunkelten und durch Tischleuchten illuminierten Saal wahrnehmen konnte. Zuvor erklangen ein eher ruhiges Menuett als Hommage an Joseph Haydn und das im zarten Pianissimo verlöschende „Quatur“ aus Ravels zur Entstehungszeit 1904 äußerst umstrittenem Streichquartett in F-Dur.

Ein zauberhaftes, kaleidoskopartig und farbenfroh glitzerndes Klaviersolo erklang als Intro zu der „Pavane pour une infante défunte“ für Solopiano in G-Dur, ein Frühwerk Ravels. Die Komposition im langsamen, statisch wirkenden royalen Schreittanzrhythmus des 16. Jahrhunderts entstand im Andenken an die im zarten Alter von 18 Jahren an Diphterie verstorbene Prinzessin Helene von Mecklenburg-Schwerin noch während Ravels Studienzeit. Filigrane, mit diversen Besen und Schlägeln erzeugte Effekte und Rhythmen untermalten die oft auch im Unisono von Bass und Klavier erklingenden Themenfragmente, die von freieren, tonmalerischen Teilen aufgelockert wurden. Herausragend hier vor allem die solitären, gleichermaßen feinsinnigen und tiefgründigen Bass-Exerzitien Ilgs, die mit leisen, schabenden Geräuschen von Strohbesen auf Fell und silbrig flimmernden Klavierpatterns in den im dreifachen Pianissimo verhauchenden Schlussteil mündeten.

Verschiedene metrische Schichten, Polyrhythmik und –tonalität, Ganztonskalen und übermäßige Drei- und Vierklänge einer farbigen Harmonik in komplementärer Verzahnung sowie Improvisationen in teils rasanter Virtuosität kennzeichneten die meisten Kompositionen, aus denen vor der Pause besonders noch der „Versuch“ – ohne Titel – herausragte. Ein minutenlanges Schlagzeugsolo mit viel Finger- und Handarbeit aus dem sich schließlich der charakteristische Bolero-Rhythmus herausschälte, bereitete den Boden für das sich hier nur zögerlich entfaltende, im Original omnipräsente Bolero-Thema aus Ravels wohl bekanntestem Werk. Kaum herauskristallisiert verflüchtigte sich dieses auch schon wieder und steht damit sinnbildlich für Ilgs oft hintergründig humorvolle Herangehensweise.

Im zweiten Set kam der Farbenreichtum von Ravels Instrumentationskunst (berühmt geworden besonders durch die Orchestrierung von Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“) in der spezifischen Übertragung auf die Triobesetzung in verblüffender Weise zum Ausdruck. Verschiedenste Spieltechniken, melodisch, polyphon und dynamisch stark ausdifferenziert, konzertant, expressiv, lyrisch, durch Lagenwechsel ins hohe Flageolett und mehrstimmiges Spiel auf dem Kontrabass erweitert und mit zauberhaften, perlenden Tonkaskaden, gewaltigen Akkordschichtungen oder ekstatischen, oft auch humorvollen Soloimprovisationen von Rainer Böhm auf dem Flügel auf Augenhöhe zu Ilg kombiniert und durch Patrice Héral pikant gewürzt, bewirkten einen Farbenreichtum ganz eigener Art. Dem begeistert applaudierenden Publikum wurde eine Zugabe aus dem „Feengarten“ gewährt, durch welche gelegentlich nochmals Bolero-Anklänge durchschimmerten.

Text und Fotos: Helmut Schönecker

20.10.2023: Stefan Schöler Trio

Stefan Schöler Trio mit Finn Wiest im Jazzkeller

Erlesener Trio-Jazz zum Hinhören

BIBERACH – Dem fleißigen Konzertbesucher bot sich in den letzten Jazzkonzerten im Rahmen der Biberacher Heimattage-Konzertreihe ein vertiefter und vergleichender Einblick in die Welt des Klaviertrios, der wohl beliebtesten Besetzung des Jazz überhaupt. Vor vollbesetztem Haus offenbarte jetzt das Stefan-Schöler-Trio mit dem aus Biberach stammenden Ausnahme-Drummer Finn Wiest im Jazzkeller eine durchaus der Avantgarde der Szene zuzuordnende Meisterleistung. Finn Wiest studiert derzeit mit einem Master-Stipendium in New York, dem Mekka des Jazz, und bestritt sein heimatliches Gastspiel mit seinem alten Trio aus den Kölner Studienjahren in bester Spiellaune.

Der nordrhein-westfälische Pianist und Komponist Stefan Schöler, nach seinem Klavierstudium in den Niederlanden und in Schweden vor allem in diversen Triobesetzungen international unterwegs, steht für einen höchst individuellen Zugang zum Jazz und zur Jazz-Improvisation. Nach klassischer Ausbildung und großen Vorbildern wie Keith Jarrett, Carla Bley oder Herbie Hancock hat er zu einem ganz eigenständigen Personalstil gefunden. Niemals überladen oder in kontemplativer Selbstdarstellung versunken, lässt er, trotz herausragender Virtuosität und munter sprudelndem Ideenreichtum seinen Mitspielern viel Raum für deren eigene Einfälle. Gepaart mit spielerischer Interaktion auf Augenhöhe und einer stringenten Dramaturgie der Stücke führte dies zu einer hohen kommunikativen Dichte und komplexen Vielschichtigkeit, die aktives und konzentriertes Hinhören erforderte und nichts mit dem „Easy-Listening“ eines für die Hotel-Lobby tauglichen „Smooth-Jazz“ zu tun hat. In kammermusikalischer Transparenz agierten hier drei Solisten mit viel Leidenschaft in gegenseitigem Respekt und auf gleicher Wellenlänge. Die stilistische Bandbreite dabei war enorm. Ob nervöser Bebop, wilder Free Jazz, quirliger Modern Swing oder relaxter Neobop, ob romantische Ballade mit melodramatischem Tiefgang, heiter beschwingtem Jazz Waltz (Kleiner Walzer), tiefsinniger Vertonung von Psalmen (Psalm 116, Johannes 16,33) oder in der rasanten Rastlosigkeit wilder und ausgedehnter Solo-Improvisationen, der individuelle Zugriff und die spezifische Trio-Charakteristik wurden genreübergreifend immer deutlich.

Schölers Kompositionen aus der 2021 produzierten CD „Wiedersehen“ dominierten das Biberacher Programm. Ausgewählte, gegen den Strich gebürstete Standards aus dem „American Songbook“, zum Ende des ersten Sets etwa Cole Porters „All of you“, jahreszeitlich passend das auf einem französischen Chanson beruhende „Autumn leaves“ im zweiten Set oder die als zweite Zugabe gespielte Ballade „My foolish heart“ rundeten die breitgefächerte Stückauswahl ab. Durchaus zeitkritisch gemeinte, neuere Kompositionen des Bandleaders, wie das zur Eröffnung gespielte „Spiellied“, „Bikini“ oder „Gelbe Blumen“, ergaben schon mal einen Vorgeschmack auf die kommendes Jahr erscheinende neue CD.

Besonders lang anhaltenden Beifall erhielten zwei ausgedehnte Schlagzeugsoli von Finn Wiest. Technisch perfekt mit treibendem Groove und scheinbar völlig unabhängig voneinander agierenden Armen und Beinen entwickelte sich eine grandiose Performance, die große Augen und offene Münder beim begeisterten Publikum verursachten, sich im äußerst reduzierten Mienenspiel des hoch konzentrierten Schlagzeugers aber kaum widerspiegelte. Lukas Keller am Kontrabass gefiel, neben gelegentlichen virtuosen Walking-Bässen und perfektem Timing besonders durch seine plastisch-melodischen Soli mit denen er sich immer wieder aus der nur dienenden Funktion in den Vordergrund spielen konnte. Alles in allem wurde dem begeisterten Publikum hier Trio-Jazz der Extraklasse geboten. Getoppt allenfalls von dem demnächst in der Stadthalle spielenden Dieter-Ilg-Trio.

Text und Fotos: Helmut Schönecker