Kritik – Seite 2 – Jazzclub Biberach e.V.

21.10.2022: Vincent Meißner Trio

Biberacher Jazzpreis 2022 – Preisträgerkonzert im Jazzkeller

Vincent Meißner Trio gibt sich die Ehre

BIBERACH – Vor gerade einmal sechs Monaten haben die jungen Musiker um den Leipziger Pianisten und Komponisten Vincent Meißner in der Gigelberghalle den Biberacher Jazzpreis 2022 gewonnen. Einer langjährigen Tradition folgend wurden sie nun vom Jazzclub Biberach zu einem abendfüllenden Konzert im Jazzkeller geladen. Eine willkommene Gelegenheit für das interessierte Publikum sich ausgiebig mit den neuen Konzepten und Ideen auseinanderzusetzen, welche die Jury beim damaligen Herzschlagfinale dazu bewogen hat, im hochkarätigen Teilnehmerfeld gerade dieses Trio zum Gewinner zu küren.

Mit Kompositionen aus ihrer Debut-CD „Bewegtes Feld“, die zur Enttäuschung vieler Fans leider bereits vergriffen war, konnte das deutsch-schweizerische Trio schnell die Brücke zum faszinierten Publikum schlagen. Von Beginn an schienen die Funken zu sprühen, wenn der erst 22jährige Vincent Meißner in die Tasten griff. Von Energiekrise weit und breit keine Spur, ganz im Gegenteil. Der junge Sachse, der mittlerweile in Leipzig bei Michael Wollny studiert, entließ aus scheinbar unerschöpflichen Tiefen immer wieder neue Eruptionen an gestaltkräftigen Motiven und ausdrucksvollen Ideen mit Überzeugungskraft.

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03.10.2022: Big Swing in Concert

„Big Swing In Concert“ beschert Jazzbibern einen goldenen Jazzherbst

Herzensträume und Trompetenzauber in der Gigelberghalle

BIBERACH – Fulminante Klänge und Swing in allen Facetten bescherte das Projekt „Big Swing In Concert“ am Tag der deutschen Einheit mit dem „Daimler Swing Ensemble“ unter Leitung von SWR-Startrompeter Felice Civitareale, dem Trio „Fessele-Knudsen-Streit“, dem „Porter Percussion Duo“ und den „Diamond Strings“ einem rundum begeisterten Publikum in der Gigelberghalle. Der veranstaltende Jazzclub sowie der Initiator des Projektes, Michael Porter, hätten zwar gerne etwas höhere Besucherzahlen gesehen, angesichts der weit verbreiteten Anlaufprobleme beim Neustart der Kultur war die Veranstaltung jedoch mehr als nur ein Hoffnungsschimmer.

In dem knapp dreistündigen Programm blieben keinerlei Wünsche offen. Für jeden der knapp 200 Besucher war etwas geboten. Selbst einem 95jährigen, langjährigen Fan des SWR-Startrompeters Felice Civitareale in der ersten Reihe wurde mit der Zugabe von Louis Armstrongs „What A Wonderful World“ explizit die Ehre eines Geburtstagsständchens gewährt. Bereits die Programmkonzeption versprach abwechslungsreiche Unterhaltung und künstlerischen Genuss auf hohem Niveau. Das hoch dekorierte und international renommierte „Porter Percussion Duo“ mit den Schwestern Jessica und Vanessa Porter aus Laupheim steuerte mehrere hochvirtuose und umjubelte Darbietungen bei. Das in der Region verortete Trio um die quirlige dänische Jazzsängerin Lea Knudsen, den Keyboarder Joe Fessele und Multitalent Norbert Streit an Saxophon und Gesang fetzte mit schwungvollen Beiträgen im fliegenden Wechsel über die Bühne während das routinierte „Daimler Swing Ensemble“, verstärkt durch zehn akademische Streicher aus der näheren und weiteren Umgebung, die „Diamond Strings“ ebenfalls unter der Leitung von Felice Civitareale, mit erlesenen Swingtiteln in neuen Arrangements sowie Eigenkompositionen des Bandleaders das Rückgrat des Programms bildete.

Ohne an dieser Stelle alle Höhepunkte ansprechen zu können, waren es doch vor allem die von allen Akteuren gemeinsam performten Nummern, die das Besondere der Veranstaltung ausmachten. Im vollen Panoramasound, professionell abgemischt von Eugen Ruedel, mit lebendigen Streicherklängen, zwei Keyboards, umfangreichem Drum- und Percussion-Instrumentarium, solistischem und mehrstimmigem Gesang sowie einer Jazzcombo mit herausragenden Soloimprovisationen erklangen viele Highlights der Swingära. Noch heute für viele Zuhörer das Filetstück der Jazzgeschichte, kamen Klassiker wie „Blue Moon“, „Cheek to cheek“, The Shadow of your smile“ oder „Perdido“ – teils sogar unter stimmlicher Mitwirkung des Publikums – in neuem Outfit zu Gehör. Zu den Highlights unter den Highlights gehörte aber zweifelsohne das von Ray Charles bekannt gemachte „Georgia on my mind“, von Cemre Yilmaz, der jungen Meisterschülerin der echoprämierten Stuttgarter Professorin für Jazzgesang, Fola Dada, in einer durchaus eigenständigen Version souverän dargeboten. Noch eindrucksvoller gelang die Neuinterpretation von Chick Coreas „Spain“. In einem Arrangement, speziell für die große Besetzung – Percussion-Duo, Jazz-Trio, Streicher- und Jazzensemble – eingerichtet, ließen es vor allem die Porter-Sisters  und natürlich der absolute Star des Abends, Felice Civitareale, gehörig krachen. Civitareales klangmächtige, innig empfundene Eigenkomposition „Herzensträume“, ebenfalls für die volle Besetzung, nahm dabei nochmals eine herausragende Sonderstellung ein und rührte besonders die zahlreichen Fans des SWR-Solotrompeters zu Tränen der Rührung.

Text und Fotos: Helmut Schönecker

02.10.2022: Harry Allen Quartet

Biberacher Jazzherbst beginnt erfolgversprechend

Harry Allen Quartet verbreitet gute Laune

BIBERACH – Während es draußen noch regnete und stürmte, ließ ein hochkarätiges und gut aufgelegtes Musikerteam um den amerikanischen Saxophonisten Harry Allen im gut besuchten Jazzkeller bereits den goldenen Herbst anbrechen. Nach vielen Jahren Unterbrechung gab es erstmals wieder den vom Jazzclub organisierten „Biberacher Jazzherbst“, ein Wochenende mit internationalen und nationalen Jazzgrößen, zu dem in der Vergangenheit auch mal eine Koryphäe wie Albert Mangelsdorff sich die Ehre gab. Der Auftakt zur Neuauflage mit dem originär swingenden „Frank Sinatra des Tenorsaxophons“ war ein voller Erfolg, das Publikum hell begeistert.

Mit unbewegter Miene und einer aufs Minimum reduzierten Körpersprache strahlte Harry Allen all seine Emotionen und Affekte ausschließlich über sein hochexpressives Saxophonspiel ab. Seine versierten Mitmusiker, eigens für eine zweiwöchige Europatournee von Lothar Kraft  zusammengestellt, hatte er dabei mit kleinsten Gesten und Blicken fest im Griff. Und dabei spielte er nicht nur meisterlich auf seinem Tenorsaxophon, er spielte auch – im doppelten Sinne – mit seinen Musikern. Stellte er diese doch immer wieder vor überraschende Herausforderungen, indem er ganz spontan die Soli verteilte, den Ablauf änderte und sie oft augenzwinkernd in kleinräumige Dialogimprovisationen verwickelte. Dieser vorwiegend rhetorisch geprägte Improvisationsstil ließ die abwechslungsreiche musikalische Interaktion auch besonders sinnfällig,  ja amüsant für das Publikum werden, das seinerseits aufmerksam und fachkundig die kreativen Leistungen der Musiker mit Zwischenapplaus und anfeuernden Rufen kommentierte.

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23.09.2022: Cécile Verny Quartet

Cécile Verny verzaubert Publikum im Biberacher Jazzkeller

Mannigfaltige magische Momente bei der CD-Präsentation von „Of moons and dreams“

BIBERACH – Mehr als 30 Jahre gemeinsame Bandgeschichte stecken in dem Quartett der deutsch- französischen Sängerin Cécile Verny mit Wurzeln in der westafrikanischen Elfenbeinküste. Entsprechend gereift und überzeugend geriet, trotz langer Sommerpause und konzertanter Durststrecke, der jüngste Auftritt im Jazzkeller.  Die Eröffnung der Herbstsaison des Jazzclubs, erstmals seit langem ohne pandemiebedingte Einschränkungen, lockte bereits wieder viele Gäste an. Dennoch scheint das Vorkrisen-Niveau noch nicht ganz erreicht. Mit dem bestens aufgelegten Quartett aus Freiburg konnte der letzte Altvertrag der wegen Corona ausgefallenen Konzerte nachgeholt und gleichzeitig ein markanter Startpunkt für die kommenden Konzerte gesetzt werden. Die Publikumsresonanz war überwältigend.

Stilistisch verwurzelt in der Ära von Soul, Blues, Rock, Latin, Jazz und Funk, angereichert durch die Tradition des französischen Chansons, rhythmisch durchpulst von den afrikanischen Wurzeln und unterstützt durch eine natürlich wirkende charismatische Präsenz verzauberte die Sängerin vom ersten Ton an ihr Publikum. Das vielfach ausgezeichnete Freiburger Quartett (u.a. Preis der deutschen Schallplattenkritik) hat einen eigenständigen, eindrucksvollen Personalstil entwickelt, der vollständig ausgereift in der jüngsten CD-Produktion „Of Moons And Dreams“ kulminiert. Live präsentiert entwickelten die Stücke ein eindrucksvolles Eigenleben aus der inspirierten Stimmung des Abends heraus. Viele magische Momente ließen das begeisterte Publikum oftmals buchstäblich den Atem anhalten, gingen unter die Haut und direkt in die Seele. Alle Bandmitglieder waren mit eigenen Kompositionen vertreten, musikalisch auf Augenhöhe und auf allerhöchstem Niveau.

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21.05.2022: Biberacher Jazzpreis 2022 (Konzert: Grupa Janke Randalu)

Biberacher Jazzpreis 2022 – Herzschlagfinale in der Gigelberghalle

Vincent Meißner Trio aus Leipzig gewinnt im Fotofinish

BIBERACH – Mit nur einem halben Punkt Vorsprung kann sich das Leipziger Jazztrio um Vincent Meißner im hochklassigen Finale des internationalen Biberacher Jazzpreises 2022 knapp gegen seine Konkurrenten durchsetzen. Auf Rang 2 folgt das ungewöhnliche Duo „Lightville“ aus München, welches auch den Kompositionspreis erhält. Der Publikumspreis geht mit deutlichem Vorsprung an das Duo „Duolog“ aus Schweinfurt, welches es insgesamt auf Rang 3 schafft. Ebenfalls nur knapp abgeschlagen folgt das Duo „Dimension“ aus Backnang auf Rang 4. Der fünfte Finalist, das Augsburger Trio „Flo & Fauna“, konnte wegen einer Coronaerkrankung des Keyboarders nicht zum Finale antreten.

Aus der vierköpfigen Jury (Rebecca Trescher, Prof. Jürgen Seefelder, Oliver Hochkeppel, Dr. Helmut Schönecker) war zu vernehmen, dass die Qualität der Wettbewerbsbeiträge in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat und damit bereits die Vorauswahl zu einem schwierigen Unterfangen wurde. Die stilistische Bandbreite der fünf Finalisten, die in einem aufwendigen Verfahren aus rund 30 Bewerbern ausgewählt wurden, ließ bereits darauf schließen, dass hier sehr individuelle Ansätze auf hohem technischem und künstlerischem Niveau zu beurteilen sein werden. Liegt es in der Natur des Jazz, dass stilistische Offenheit und Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Sujets zum Wesenskern gehören, so ist aber vor allem die lebendige Improvisation ein wesentlicher Bestandteil.

„Duolog“ aus Unterfranken wollten erklärtermaßen die „einengenden Grenzen des Jazz“ erweitern. Im Bereich Sound ist Ihnen das zweifellos gelungen. Zeitgemäß mit Vocoder, Harmonizer und weiteren elektronischen Helferlein ausgerüstet, durch perfektes „mundgemachtes“ Beatboxing ergänzt, konnten sie die Brücke zum zeittypischen Dancefloor-, HipHop und Technosound schlagen. Ihre Besetzung schien damit mindestens zum Quartett erweitert. Der druckvolle Sound, eine hohe Energiedichte, meisterliche technische Umsetzung sowie die Kombination von Elektronik und natürlichen Instrumenten, wie etwa der ungewöhnlichen Akkordina überzeugten und begeisterten – vor allem das Publikum. Der Jury war dies nur ein dritter Rang wert. Zu konventionell blieben die Strukturen, zu patternhaft der Aufbau, zu weit weg vom Jazz das Resultat.

Genau ins Schwarze traf dagegen das junge Leipziger Trio mit seinem technisch und musikalisch brillanten Schweizer Kontrabassisten Josef Zeimetz, der noch vor der Preisverleihung in den Zug nach Basel steigen musste. Trotz des undankbaren ersten Startplatzes spielten sich die (Wahl-) Sachsen schnell frei und fanden zu einem abwechslungsreichen, ausdrucksvollen und hochenergetischen Spiel. Aus spontan erfundenen Motiven Ideen zu entwickeln, in höchster Präzision und technischer Meisterschaft zu komplexeren Gebilden auszuformen gehörte für die jungen Jazzer bereits zum Markenkern. Dass neben kreativen Eigenkompositionen fast unmerklich auch Motive aus bekannteren Stücken einflossen, gehört im Jazz zu den Grundkompetenzen.

Für den Kompositionspreis war dies jedoch nicht genug. Originell, innovativ und gestaltkräftig waren die Kompositionen der Pianistin Shuteen Erdenebaator aus Ulan Bator (Mongolei). Ihre lyrischen, weit ausgreifenden Melodielinien konnte sie auf dem wunderbar klingenden Bechsteinflügel eindrucksvoll, plastisch und hochmusikalisch umsetzen. Neben einer dreisätzigen Komposition zur Eröffnung war es vor allem ihr Stück „Answer from a distant hill“, welches im Duo mit dem Münchner Nils Kugelmann an der selten gespielten Kontra-Alt-Klarinette überzeugte. Klänge wie aus einer anderen Welt, tiefste Basstöne, Klappen- und Atemgeräusche, „heiße Luft“ als Ausdrucksmittel kontrapunktierten die sensiblen Klavierpartien. „Lightville“ verdiente sich neben dem Kompositionspreis auch noch den mit 1000 Euro dotierten zweiten Rang.

Das jüngste und ungewöhnlichste Duo „Dimension“ aus Backnang kam mit knappem Rückstand auf den vierten Rang. Carlotta Armbruster (Posaune) und Jonas Heck (Schlagzeug) setzten ganz auf freie Improvisation und spontane Interaktion. Multiphonics, das auf Albert Mangelsdorff zurückgehende, mehrstimmige Spiel auf der Posaune, rhythmisches Atmen ins Instrument ohne Mundstück, Klopfen mit der Hand aufs Mundstück und der Einsatz verschiedenster Dämpfer machten das Spiel abwechslungsreich und klanglich vielseitig. An der Dramaturgie der Stücke wird noch zu arbeiten sein.

25 Jahre nach ihrem eigenen Gewinn des Biberacher Jazzpreises zeigte die „Grupa Janke Randalu“ im Kurzkonzert, was wahre Meisterschaft ist. Im Rückgriff auf ihre gemeinsamen musikalischen Anfänge am Karlsruher Konservatorium filetierten der estnische Ausnahmepianist Kristjan Randalu und  der polnische Drummer Bodek Janke bekannte Nummern aus dem Realbook um diese dann auf umwerfende und frappierende Weise wieder neu zusammen zu setzen.

Fotos: Georg Kliebhan

06.05.2022: Peter Autschbach & Samira Saygili

Neue CD „SING!“ geht auch im Livekonzert unter die Haut

Duo „Saygili-Autschbach“ rockt den Jazzkeller

BIBERACH – Das mehrfach preisgekrönte Duo „Saygili-Autschbach“ gastierte mit seinem neuen, während des Lockdowns entstandenen Album „Sing!“ im vorpandemisch überaus gut besuchten Jazzkeller und vermochte mit einem sensationellen Auftritt rundum zu begeistern. Peter Autschbach ist für die Biberacher Jazzfans ein alter Bekannter und wahrer Publikumsmagnet. Bereits zum fünften Mal gastierte der Ausnahmegitarrist in unterschiedlichen Besetzungen bei den Jazzbibern. Im zarten Alter von 58 Jahren hat er nun im Duo mit Samira Saygili 2020 nach seinem eigenen Bekunden erstmals an einem internationalen Wettbewerb in Bukarest teilgenommen und war dort gleich ins Finale gekommen. Im vergangenen Jahr gab es dann den deutschen „Singer-Songwriter-Preis 2021“, den 1. Preis als „Bester Gitarrist“ des Jahres 2021 und außerdem den Preis der „besten Komposition 2021“ für den Titel „Starlight“ der ebenfalls auf der präsentierten CD „Sing!“ enthalten ist.

Dass diese Preise im Rahmen der Veranstaltung „Deutscher Rock & Pop Preis“ verliehen wurden, tat der Begeisterung der zahlreichen Jazzfans keinen Abbruch. Für die progressiveren Fans experimenteller Jazz-Avantgarde gibt es schließlich in zwei Wochen das Finale des internationalen Biberacher Jazzpreises in der Gigelberghalle als Kompensation. Für einen entspannten und inspirierten Wochenausklang in fast schon nachpandemischen Zeiten waren die von Samira Saygili und Peter Autschbach gebotenen Stücke jedenfalls genau richtig, wie auch der stürmische Applaus und die zwei bereitwillig gewährten Zugaben bewiesen.

Beginnend mit Elton Johns „Your Song“ in einer an Al Jarreaus legendäre R&B-Version erinnernden und mit einer gehörigen Prise Jazz versehenen Darbietung gingen die musikalischen Preziosen von Anfang an unter die Haut. Die stilistische Bandbreite und künstlerische Reife der Stücke war für sich genommen bereits beeindruckend. Mal klang es eher chansonmäßig, mal kabarettreif, mal mit Scatsilben improvisiert, mit Songtexten auf Englisch, Deutsch und Französisch, ja sogar auf Türkisch, mal mit swingenden oder straight groovenden Rhythmen. Die wandlungsfähige Stimme Saygilis fand sich mal im rasanten Unisono mit der Gitarre, mal solistisch, dank Loopmaschine mit teils mehrschichtiger Gitarrenbegleitung in tiefgründig balladesker Poesie. Nicht einen Moment fehlte es jedoch an jazztypischer Spontaneität, prickelnder, mitreißender Sing- und Spielfreude, kreativem Einfalls- und Variantenreichtum bei den Improvisationen gepaart mit fesselnder Bühnenpräsenz. Und all das trotz total relaxt wirkender natürlicher Lockerheit des Auftretens.

Dem Andenken an ihren an Corona verstorbenen Vater widmete Samira Saygili den „Baba-Song“. Über ruhig pulsierenden Akkorden entfaltete sich eine innige, tief empfundene Hommage an ihren „Baba“, eine wehmütige Erinnerung an glückliche Zeiten aber auch den Dank dafür. Eine weitere, nicht auf der aktuellen CD „Sing!“ enthaltene Komposition, „Rodriques“, eine abgelegene zu Mauritius gehörende Vulkaninsel im Indischen Ozean und die Erinnerungen an einen Aufenthalt in einem der letzten Paradiese der Erde, faszinierte ebenso wie der spontane „Centerpiece Blues“, der ganz aus dem Augenblick heraus lebte und in vielen Facetten changierte. Beinahe transzendentalen Charakter entwickelte die erste Zugabe „Somewhere Over The Rainbow“ in einer höchst eigenständigen Interpretation, die eine begeisterte Konzertbesucherin gar zu der Aussage verleitete, das Stück künftig nur noch in dieser Version anhören zu wollen. In einer Reminiszenz an die Fahrstuhlszene im ersten Blues-Brothers-Film erklang zum Abschluss eine wunderbare, augenzwinkernde Parodie auf das „Girl from Ipanema“. Chapeau!

Text und Fotos: Helmut Schönecker