Kritik – Jazzclub Biberach e.V.

13.04.2018: Andi Kissenbeck Trio

Andi Kissenbeck Trio mischt den Jazzkeller auf

Traditioneller Hammond-Sound lockt viele Fans zu den Jazzbibern

BIBERACH – Im langsamen Chorus oder im schnellen Tremolo oder irgendwo auf dem Weg dazwischen, die Töne der legendären Hammondorgel über ein originales Leslie-Tonkabinett mit rotierenden Lautsprechern abgespielt, sind lebendig und ausdrucksstark, in ihrer Charakteristik unter allen elektronischen Tonerzeugern einzigartig und seit den 1950er Jahren stilprägend. Andi Kissenbeck hat sich als Organist und Bandleader diesem großen Erbe kompromisslos verschrieben. Jazz-, Funk-, R & B-, Rock- oder Latin-Stücke von verträumt bis feurig pulsierten im Sound der viel gepriesenen Hammond B3 und gehen auch heute noch buchstäblich unter die Haut. Kongenial unterstützt wurde der Münchner Orgelprofessor im Biberacher Jazzkeller durch den jungen Senkrechtstarter Paul Brändle an der Jazzgitarre und den Topdrummer Guido May, der seine Meriten unter anderem als Jazz- und Funkschlagzeuger von Diana Krall, Maceo Parker oder Pee Wee Ellis verdient hat.

Mit dem Swingstandard „I remember you“ eröffnete das Trio einen unterhaltsamen und fulminanten Jazzabend in einer federnden Leichtigkeit, wie sie wohl nur bei jenen Künstlern zu finden ist, die ihre eigene Musiksprache gefunden haben, die sich wort- und blicklos verstehen, weil sie auf einer Wellenlänge schwingen. In den Anmoderationen von Andreas Kissenbeck klang zwar gelegentlich eine didaktische Note an, wenn der von seinem Metier begeisterte Jazzprofessor über die Wurzeln seiner Musik oder die physikalisch-technischen Grundlagen des Hammond-Sounds dozierte.  Während seiner Improvisationen war davon jedoch rein gar nichts mehr zu spüren und der Vollblutmusiker versank Hals über Kopf in seinen atemberaubenden Interpretationen. Immerhin erfuhr auch der Nicht-Keyboarder auf diese Weise, dass ein schwäbischer Tüftler aus der Nähe von Ulm das geschafft hat, was seit Jahrzehnten weltweit niemand auf die Reihe bekam. Durch „Physical Modelling“ entwickelte er mit der „Uhl X3 Smooth“ ein leicht transportables Instrument mit den Eigenschaften der alten, zentnerschweren Tone-Wheel-Orgel.

Anklänge an die New Orleans Ära gab es danach mit der gar nicht so traurigen Beerdigungsmusik „Just a closer walk with thee“ und dem charakteristischen „Second Line Groove“. Rock- und Bluestitel vom Gitarristen Paul Brändle komponiert und in den traditionellen Fender-Sound verpackt, wechselten mit wundervoll „funky“ groovenden Coverversionen. Selbst vor „Moon River“, dem oscarprämierten Filmsong von Audrey Hepburn in „Frühstück bei Tiffany“ scheute das Trio nicht zurück. Auf welch subtile Weise die ehrwürdige Melodie von Henry Mancini von dem begnadeten Trio dabei in die hippe Gegenwart „geshuffelt“ wurde, darf als beispiellos gelten. Noch einmal mehr Fahrt nahmen die drei inspirierten Musiker dann im zweiten Set auf. Flotte 5/4 Takte („Beatrice“ von Sam Rivers), freche Funky-Nummern, tiefsinnige Balladen aber auch der besonders vom wie entfesselt aufspielenden Drummer Guido May geprägte Duke-Ellington-Titel „Caravan“ ließen die Wogen der Begeisterung immer höher schlagen und so durften die gefeierten Heroen des Abends schließlich auch nicht ohne Zugabe von der Bühne.

Text und Fotos: H. Schönecker

09.03.2018: Tuija Komi Quartett

Jazz-Diva Tuija Komi im Hoch

Von der zauberhaften Magie des Augenblicks

BIBERACH – Chefin im Ring war ohne Zweifel die finnische Sängerin Tuija Komi. Mit ihrem hochkarätig besetzten Quartett war sie nach knapp sechs Jahren wieder einmal zu Gast bei den hoch erfreuten Jazzbibern. Neben einigen bewährten Songs aus ihrem breitgefächerten Repertoire, darunter die witzig-freche Interpretation von „Pippi Langstrumpf“, gab es einen starken Vorgeschmack auf die nächste CD. Ende März geht es ins Studio und die Stücke sind bereits aufs Feinste ausgearbeitet. Schon der Opener „Music is Magic“ verwies auf das Motto der Künstlerin und begeisterte vom ersten Ton an. Die originelle und sympathische Moderation der in München lebenden Diva trug dabei nicht unwesentlich zur entspannten Wohnzimmeratmosphäre und zu einem erfüllten und kurzweiligen Konzertabend bei.

Der weitgereiste und vielbeschäftigte Pianist, Arrangeur und Komponist Walter Lang lieferte den roten Faden durch die Kompositionen des Abends. Während Tuija Komi, besonders eindrucksvoll in „Gabriellas Song“ aus dem Film „Wie im Himmel“, unbeirrt und zutiefst von der wundervollen Melodie erfüllt, den weitgehend original belassenen Gesangspart mit innigem Ausdruck interpretierte, setzte die von Walter lang arrangierte Begleitung einen völligen Kontrapunkt dagegen. Diese Konstruktion erwies sich in jeder Hinsicht als frisch, unkonventionell und stark kontrastierend. Genau dies verlangte aber auch einen starken Widerpart von der Singstimme. Nachdem auf Tuijas Nachfrage eine Besucherin aus der ersten Reihe die Vorgeschichte des Songs treffsicher auf den Punkt gebracht hatte, wurde überaus sinnfällig, wie gerade dieses spezielle Arrangement den Inhalt und die Symbolik des Songs verkörperte. Die von ihrem gewalttätigen Mann misshandelte Gabriella findet trotz aller Widerstände über den Gesang ihren Weg in ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben.

Völlig nebensächlich aus welcher stilistischen Ecke die Inspirationen kamen, Soulballaden, balkanisch gewürzter Latin Jazz, Lieder aus dem Land der Mitternachtssonne, Schlager von ABBA, eingängige Lieder aus Film und Fernsehen, Weltmusik, Finn-Pop, R’n’B, Swing, Jazz Waltz, Tango, Drum & Bass oder auch Gospel, immer klangen die Stücke authentisch und wie aus einem Guss. Die zauberhafte Magie von Tuijas Stimme und die eigenständigen bis eigenwilligen Interpretationen adelte jede Vorlage. Maßgeblich dazu bei trugen aber auch die Männer im Hintergrund. Der Slowake Peter Cudek am zerlegbaren Reisekontrabass und der dezent aber immer inspiriert groovende Martin Kolb am Drumset bildeten mit dem souveränen Walter Lang zusammen ein eingespieltes homogenes Team.

Vor allem Walter Lang erwies sich in seinen ausgedehnten Solo-Improvisationen als außerordentlich fesselnder musikalischer Geschichtenerzähler. Wie Scheherazade aus 1001 Nacht, deren kraftvoller Rhetorik und deren kunstvoll verwobenen Erzählfäden sich der Sultan nicht entziehen konnte, schlug auch Lang mit seinen fantasievollen, klugen Exkursionen voll überschäumender Leidenschaft und tiefer Melancholie das enthusiastisch jubelnde Publikum in seinen Bann. Trotz der späten Stunde gab es mit „If I had my live to live over again“ auch noch eine Zugabe mit klarem Bezug zum Leben der ehemaligen Siemens-Projektmanagerin und „Voice of Germany“-Teilnehmerin, die ihren dankbaren Zuhörern einen großen Abend voller magischer Momente und erfüllter Augenblicke geliefert hat.

Text und Fotos: H. Schönecker

02.03.2018: Jochen Feucht Trio

Jochen Feucht Trio – Leichtes Spiel mit inspiriertem Publikum

Weltoffene Universalität und weite Klangräume zwischen Zeit und Raum

BIBERACH – Von der transzendenten Leichtigkeit des Seins durchdrungen, in schwerelos schwebender Klanglichkeit und von langem Atem durchpulst strömten die von Jochen Feucht komponierten Stücke im Freitagskonzert des Jazzclubs unmittelbar in die Seelen der entrückt lauschenden Zuhörer im Jazzkeller. Fernöstliche Philosophien öffneten den Horizont, Assoziationen von weiten Landschaften jenseits von Raum und Zeit entstiegen tiefer Kontemplation. Wie vom Bandleader, Saxophonisten, Flötisten und Bassetthorn spielenden Jochen Feucht in seiner Anmoderation empfohlen, tauchte der größte Teil des Publikums mit geschlossenen Augen schnell in den unendlichen Kosmos von „Light Play“ ein.

Die Stücke auf der vorgestellten CD „Light Play“ sind trotz oder gerade wegen ihrer Leichtigkeit keineswegs eine leicht zu spielende Musik. Ungewöhnliche Takt- und Tonarten, eine stark ausdifferenzierte Rhythmik und äußerst vielseitige formale Strukturen mit einer riesigen Bandbreite von meditativen, an die Schlichtheit der Minimal Music erinnernden Passagen, rasanten Unisonoketten und hochverdichteten, polyphon eindringlichen Abschnitten wurden mit gutem Gespür für die Dramaturgie immer wieder aufgelockert durch virtuose Improvisationen vor allem vom Komponisten und dem konzentriert und souverän agierenden Vibraphonisten Dizzy Krisch. Sparsam eingesetzte Cymbel- und Glöckchenklänge des Bandleaders gemahnten immer wieder an die Harmonie und Ausgeglichenheit des Feng Shui.

Die meisten Titel der Stücke korrespondierten auf verblüffende Weise mit ihren künstlerischen Inhalten. Eine gewisse Statik und Coolness passte zu dem vereisten „Mimas“, einem der 62 Saturnmonde, ebenso wie die exotischen an Indien erinnernden Klangfarben zum Titel „Kardamom“ oder die verhauchten, weitgespannten Melodielinien der Querflöte zu Beginn von „Sumit“ an die japanische Kirschblüte oder feierliche Teezeremonien. Die Klänge der 12saitigen Akustikgitarre von Günter Weiss aus Stuttgart erinnerten mitunter an eine indische Sitar, die Schwebungen der Doppelseiten verbanden sich bestens mit den schwebenden Klängen des Vibraphons.

Neben seinen Eigenkompositionen war Feuchts Lieblingskomponist und Multiinstrumentalist Ralph Towner mit mehreren Kompositionen im Abendprogramm vertreten. „Drifting Petals“, ein inniger Walzer von Towners Debüt-CD „Solstice“ (1974 mit Jan Garbarek, Eberhard Weber und Jon Christensen beim legendären Label ECM in München aufgenommen) oder „Icarus“ aus dem vierten Soloalbum sowie „Celeste“ aus dem unter Mitwirkung von Kenny Wheeler produzierten Album „Old friends, new friends“. Allen Stücken gemeinsam war, trotz ihrer Zuordnung zu unterschiedlichen Schaffensphasen, die weltoffene Universalität und die Öffnung weiter Klangräume. Eine Ästhetik, die sich mit den Klangvorstellungen von Jochen Feucht weitgehend deckt.

Als Zugabe für das glückliche und zufriedene Publikum gab es noch einen Titel von John McLaughlin aus dessen ebenfalls durch klassische indische Musik inspiriertem Œuvre. Zahlreiche Besucher nahmen sich außerdem auch noch eine „Light Play“–CD als Zugabe mit.

Text und Fotos: H. Schönecker

23.02.2018: B3

Fusion-Jazz lockt viele Besucher in den Biberacher Jazzkeller

Der Auftritt der Jazzrock-Band „B3“ aus Berlin – zu Recht von der Band selbst als „Finest Fusion“ angekündigt – sorgte am Freitag für einen vollen Jazzkeller. Die meist sehr eingängige Mischung aus Rock und Jazz mit Einflüssen aus Soul, Funk und Blues wurde angereichert durch virtuose Soli auf Hammond-Orgel und Keyboards (Andreas Hommelsheim) und E-Gitarre (Ron Spielman, der sich bei einigen Stücken auch als Sänger als Ausnahmekünstler erwies) und angetrieben vom Groove der Rhythmussektion mit Christian Krauss am Bass und Lutz Halfter an den Drums.

Die Instrumentalstücke stammten überwiegend von dem als Filmmusikproduzent erfolgreichen Andreas Hommelsheim, der in seinen Ansagen auch den Anstoß lieferte zu Traumreisen beispielsweise an den Strand von Kolumbien oder zu Kamelkarawanen in der Wüste, auch Szenen seiner ersten Ehejahre wurden musikalisch umgesetzt.

Begeistert waren am Ende sowohl das Jazzclub-Stammpublikum als auch viele Musikliebhaber, die man sonst eher bei Rockkonzerten antrifft und die den Weg in den Jazzkeller teilweise wohl zum ersten Mal gefunden haben. Die mittlerweile 3 CDs der Berliner Musiker fanden großen Absatz, vielfach auch gleich im Dreierpack.

Text: Peter Kiene
Fotos: Wolfgang Volz

02.02.2018: Nicole Johänntgen ‚Henry‘

Alte Jazz-Traditionen frech modernisiert

Nicole Johänntgen setzt neue Standards

BIBERACH – New Orleans Jazz mit Respekt aber ohne nostalgische Verklärung verarbeitet, belebt und aufgefrischt, aus dem Geist der Gegenwart neu überdacht, beseelt und mit überschäumender Spielfreude in eine authentische, überzeugend avantgardistische Form gegossen und damit neue Standards gesetzt hat Nicole Johänntgen mit ihrem schwedisch-deutsch-schweizerischen Quartett und ihrem aktuellen Programm „Henry“ beim Freitagskonzert des Jazzclubs im ausverkauften Jazzkeller.

Traditionellen Jazz ohne Geschichtsvergessenheit augenzwinkernd für die Gegenwart fruchtbar gemacht, inspiriert durch einen Besuch in der alten Jazzmetropole am Golf von Mexiko während eines halbjährigen Studienaufenthaltes in New York, hat die in Zürich lebende Saxophonistin und Komponistin auf der ihrem Posaune spielenden Vater Heinrich „Henry“ Johänntgen gewidmeten gleichnamigen CD. Fast greifbar wurde der Geist dieser Zeit über die vielen Jahrzehnte hinweg etwa im tieftraurig beginnenden Titel „Slowly“, der die vielzitierte Szene einer Prozession anlässlich der Beerdigung eines lieben Freundes heraufbeschwor. Obwohl sich, entgegen der ursprünglichen Tradition das Tempo auf dem Rückweg vom Friedhof nicht plötzlich änderte, blitzte doch in den virtuosen rhythmischen Passsagen des Schlagzeugs (Clemens Kuratle) immer wieder die Lebensfreude der Hinterbliebenen auf.

Hoch motiviert, voll konzentriert, mit hör- und sichtbaren Entzücken und unbändigem Spaß bis zur Selbstvergessenheit besonders in Titeln wie „Tanzbär“ oder „The Kids from New Orleans“, hier auch mit einer faszinierenden, hochvirtuosen Tuba-Improvisation von Jörgen Welander. Unter Verwendung der von Jazzlegende Albert Mangelsdorff entwickelten Technik des mehrstimmigen Spiels durch gleichzeitiges Hineinsingen ins Instrument verblüffte Welander ebenso wie der ihm auch darin in Nichts nachstehende Schweizer Posaunist René Mosele. Ob in bluesartig schwermütigen Titeln wie „Oh Yes My Friend“ mit kollektiven Improvisationen und typisch dreistimmigen Melodiepassagen, in tief melancholisch im larmoyanten Tonfall gehaltenen Titeln wie „They missed love“ oder in der als Hommage an „Nola“ eingefangenen heiteren Lebhaftigkeit und Leidenschaft der Jazzmetropole – immer war der respektvolle Umgang mit den Stilvorlagen spürbar.

Im zweiten Set schaukelte sich die wechselseitige Begeisterung von Musikern und Publikum schließlich zu einer ungeahnten Intensitätssteigerung auf, bei eifrig wippenden Füßen, Szenenapplaus und stimulierenden Zurufen war der berühmte Funke unverkennbar übergesprungen. Zwei von Johänntgen mitgebrachte völlig neue Kompositionen, noch mit Arbeitstiteln wie „Funky 2“ oder „Die weite Sicht“ versehen und gewissermaßen druckfrisch, wurden vor einem euphorischen Publikum zur Uraufführung gebracht und sofort begeistert gefeiert. Leidenschaftliche Improvisationen zwischen Saxophon und Posaune rissen auch hier die zahlreichen Gäste immer wieder zu Beifallsstürmen hin. Natürlich durfte die Topformation am Ende des kurzweiligen Konzertes nicht ohne eine Zugabe von der Bühne. Mit Arthur Blythes „One mint Julep“ erklang die einzige Fremdkomposition des Abends. Viele überzeugte Fans schleppten anschließend noch reihenweise handsignierte CDs mit nach Hause und Nicole Johänntgen hat wohl in Biberach erneut viele frische Follower gefunden.

Text & Fotos: H. Schönecker

19.01.2018: Tango Sí!

Zum Saisonauftakt ein voller Erfolg – „Tango Sí!“ lockt die Massen in den Jazzkeller

BIBERACH – Der Tango gehört definitiv nicht zu den zentralen Genres des Jazz, auch wenn Astor Piazzolla mit seinem Tango Nuevo viele Jazzelemente in den argentinischen Tango integrierte. Viele Jazzfans haben aber offenkundig keinerlei Berührungsängste mit verwandten Stilrichtungen und die erklärten Tangofans haben in Biberach sowieso eine eigene Gemeinde. Nur so erklärt sich, dass bereits lange vor dem Vorverkaufsende die Veranstaltung ausverkauft war und trotz eines nicht unerheblichen Restkontingentes für die Abendkasse noch Gäste abgewiesen werden mussten. Wer es dann aber schließlich doch in den Jazzkeller geschafft hatte, der erlebte mit dem Quartett „Tango Sí!“ ein Fest für Kopf und Herz.

Ähnlich wie der Jazz in Nordamerika entstand auch der lateinamerikanische Tango aus einer Melange europäischer, afrikanischer und lateinamerikanischer Musikstile, wie Christiane Holzenbecher in zur Musik kontrastierender dezenter Beiläufigkeit erläuterte. Zentrales Instrument im Tango ist das Bandoneon, bei „TangoSí!“ in vollendeter Perfektion gespielt von Karin Eckstein, die mit ihren launigen Ansagen und trockenen Kommentaren neben ihrem hochvirtuosen und gleichermaßen beseelten Spiel für zusätzliche Erheiterung sorgte. Tangotypisch wurde die Besetzung komplettiert durch eine hochexpressiv gespielte Violine (Christiane Holzenbecher) und einen ebenso durch ungewöhnliche Spieltechniken aus der modernen Musik und dem Jazz (Schlagen, Reiben, Klopfen, Zupfen, etc.) angereicherten Kontrabass (Florian Bony). Am Kawaiflügel erwies sich Sarah Umiger als technisch und musikalisch brillante Tangospielerin, die den tangotypisch straffen und synkopierten Rhythmen und der ihnen innewohnenden Strenge und Stoizität inspirierte Kantilenen voll perlender Spielfreudigkeit entgegenstellte.

Knapp die Hälfte des Repertoires war dem Begründer des Tango Nuevo, Astor Piazzolla, gewidmet. Neben klassischen und gut tanzbaren argentinischen Tangos, etwa von Julian Plaza, kamen auch unveröffentlichte Werke aus den frühen Jahren Piazzollas zur Aufführung, so dass insgesamt der Eindruck einer Zeitreise in die Moderne entstand. Besonders im zweiten Set mit den moderneren konzertanten Titeln aus dem Tango Nuevo von Piazzolla, Canaro oder Pugliese, mit einer farbigen Mischung aus Milongas und Walzern, einem hochvirtuosen Bandoneonsolostück und natürlich den bekannten Ohrwürmern wie „Oblivion“ oder „Libertango“ wuchs die Begeisterung im Publikum weiter an. Romantik, Sentimentalität und Leidenschaft, dazu ein Schuss Erotik (die drei Damen im Ensemble trugen knallrote Stöckelschuhe zu schwarzer Spitze) sowie eine gehörige Portion Melancholie gehören zu den essentiellen Bestandteilen des Tangos und damit selbstverständlich auch zu den Kernkompetenzen von „Tango Sí!“.

Nicht ohne mehrere Zugaben durfte das mit lang anhaltenden Ovationen gefeierte Ensemble von der Bühne. Unmittelbar danach ergriffen noch einige Paare vom Tanzsportverein Risstino die Gelegenheit, eine flotte Tangosohle aufs flugs freigeräumte Parkett zu legen und ließen damit den Konzertabend stimmungsvoll ausklingen.

Text und Fotos: H. Schönecker