Kritik – Jazzclub Biberach e.V.

11.10.2019: M.E.A.N

M.E.A.N – Mit Siebenmeilenstiefeln ab durch die Mitte

Gediegenes Chaos als musikalische Frischzellenkur

BIBERACH – Mut zum Andersartigen fehlte der rotzfrechen Formation M.E.A.N aus dem Wilden Osten bestimmt nicht. Und den Mut zum Risiko scheuten die vier ebenfalls nicht auf ihrem Parforceritt durch die stilistische Mannigfaltigkeit zeitgenössischer Musik beim Freitagskonzert des Jazzclubs. Zwischen virtuosen Rock-Improvisationen voll ekstatischer Wildheit auf verzerrter Stratocaster-E-Gitarre und tropischen Wirbelstürmen der höchsten Kategorie auf dem leidenschaftlich traktierten Schlagzeug vermittelten filigrane und intelligente Jazz-Patterns vom Kontrabass und lyrisch-kontemplative Trompetentöne gleichermaßen. Kompromisse gab es nur, wenn das Ganze aus den Fugen zu geraten drohte. Das Publikum zeigte sich von dem Farbenreichtum und der breiten Ausdruckspalette der vitalen aber stilistisch nur schwer zu fassenden Musik entzückt und begeistert.

Ein regelrechtes Wechselbad der Gefühle verabreichten die vor ungebremster Spielfreude sprühenden Musiker ihren alten und neuen Fans. Der bayrische Trompeter Martin Auer war bei seinem dritten Auftritt in Biberach beileibe kein Unbekannter mehr. Mit seinem eigenen Quintett und dem Gewinner des Biberacher Jazzpreises Florian Trübsbach überzeugte er schon vor bald 20 Jahren seine oberschwäbischen Zuhörer. Die kompromisslos in der Gegenwart verwurzelte und dem permanenten Wandel verpflichtete Truppe mit ihrem leidenschaftlichen Zugriff auf kontrastierende Stiltendenzen scheute dabei auch nicht das Bekenntnis zu „Helden aus einer fernen Zeit“, so der Titel der ersten gemeinsamen CD von M.E.A.N aus dem Jahr 2013.

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20.09.2019: GBBJ – Gee’s Back Beat Jazz

Fulminanter Auftakt der Jazzclub-Herbstsaison

GBBJ auf neuen Wegen

BIBERACH – Die konzertante Herbstsaison des Biberacher Jazzclubs begann im bestens besuchten Jazzkeller der Bruno-Frey-Musikschule mit gleich fünf musikalischen Schwergewichten der Extraklasse, verborgen hinter dem Kürzel GBBJ, „Gee’s Back Beat Jazz“. Gleich drei baden-württembergische Jazzpreisträger, neben der preisgekrönten Bandleaderin, der koreanischen Jazzpianistin Gee Hye Lee, spielten Alexander „Sandi“ Kuhn am Saxophon und Sebastian Schuster am Kontrabass. Dazu kamen Peter Lübke, Ex-Drummer von Udo Jürgens sowie  Frank Kuruc, renommierter Professor für Jazzgitarre an der Musikhochschule Mannheim. Sie beglückten, nicht nur mit der lautstark geforderten Zugabe „Happiness“, ein durchaus anspruchsvolles Publikum.

Zahlreiche Musiker aus der Region hatten sich unter das Publikum gemischt und erwiesen so den renommierten Kollegen ihre Referenz und nutzen in den Pausen und nach dem eindrucksvollen Konzert auch die Gelegenheit für fachliche Gespräche. Genau diese intime Club-Atmosphäre, mit den Musikern auf Tuchfühlung, die großartigen Künstler gewissermaßen zum Anfassen, macht das Erleben der Live-Musik zu etwas ganz Besonderem. Nebenbei konnte man aus Gee’s Anmoderation erfahren, dass dieses Konzert den Auftakt zu einer Konzerttournee nach Südkorea, gewissermaßen die Generalprobe dazu, bildete. Und es wurde auch gleich offenkundig, dass die Musiker bestens vorbereitet und hoch motiviert waren.

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24.05.2019: Sigi Schwab Tribute Band

Zu Ehren von Sigi Schwab: „Sigis Schwaben“ zeigen sich im Jazzkeller in bester Feierlaune

BIBERACH – Großartige Konzerte müssen beileibe nicht immer nur von international renommierten, hochdekorierten und weitgereisten Künstlern kommen. „Warum denn in die Ferne schweifen“, mag sich ein mancher Besucher im Jazzkeller gefragt haben, „wenn doch das Gute so nahe liegt?“ Vier Biberacher Musiker haben sich vor rund einem Jahr in einem „Sigi Schwab Tribute Projekt“ nach Jahren des Nebeneinanders zu einer neuen Formation zusammengefunden, die jetzt vor ausverkauftem Haus eine spektakuläre Premiere feierte. „Sigis Schwaben“, das sind die Brüder Jochen und Alex Vogel, der Warthausener Markus Merz und der peruanische Wahlschwabe Cesar Gamero.

Pfeifen, Zirpen, Zwitschern, Brüllen, Röhren, Knurren und viele weitere hand- oder mundgemachte Tier- und Naturlaute aus dem Amazonas-Dschungel eröffneten lautmalerisch das außergewöhnliche Konzert. In den Fußstapfen des Ludwigshafener Gitarristen und Komponisten Sigi Schwab – musikalische Jugendliebe besonders von Jochen Vogel – entführten die Musiker ein von Anfang an hell begeistertes Publikum in eine faszinierende Klangwelt zwischen sphärisch schwebenden Klängen und zupackenden Rhythmus-Grooves. „Das ist ja wie eine Zeitreise in die 1970er Jahre“ ließ ein schon etwas älterer Gast verlauten. „Erinnert mich an Wolfgang Dauner und Eberhard Weber, die ja auch schon öfter in Biberach waren“ entgegnete ein anderer.

Wie im Fluge verging die erste Viertelstunde – genau so lange dauerte das psychedelisch durchwirkte Eröffnungsstück „Amazonas“. Insgesamt nur fünf Kompositionen, neben einem eindrucksvollen und hochvirtuosen Solo von Jochen Vogel auf der 12saitigen Gitarre (Ladakh), füllten den ersten Programmteil. Komplexe lateinamerikanische Rhythmen – eine Domäne von Markus Merz und Cesar Gamero – dominierten, immer wieder durchbrochen durch melodische Teile, dichte Unisonopassagen zwischen Gitarre und elektronischem Glockenspiel etwa in „Belo Horizonte“, pittoresk lautmalerische Partien mit Chimes und anderen exotischen Klangfarben in „Machu Picchu“, mitunter kontrapunktiert durch marschartige Rhythmen auf der Snaredrum. Das berühmte „Rondo A Tre“, ebenfalls mit Jazzrock-, Fusion- und Weltmusikanklängen beschloss den ersten Teil.

Noch kurzweiliger verlief das zweite Set. Nach einer recht temperamentvollen „Jogging-Runde“ zum Auftakt und einer inspirierten, ternär swingenden bluesigen „Blue Serenade“ geriet besonders der Titel „Silversand“ vom gleichnamigen Album aus dem Jahr 1985 zu einem echten Highlight. „Wilde Improvisationen“ in die Jochen Vogel auch ungeniert Motive aus den unterschiedlichsten Genres – darunter auch profane Kinderliedchen wie „Hänschen klein“ oder „Alle meine Entchen“ – einfließen ließ, öffneten die Tür zum lebendigen Live-Jazz sperrangelweit. Zum großen Bedauern der über 100 Gäste ging aber auch der zweite Teil viel zu schnell seinem Ende entgegen. Zwei Zugaben, die „Flatfoot Fantasy“ und eine euphorisierte Version von „Belo Horizonte“ beschlossen einen genussvollen Konzertabend und klingen noch weit in die konzertante Sommerpause des Jazzclubs hinein.

Text und Fotos: Helmut Schönecker

10.05.2019: Charles Davis | Four or more Flutes

„Fluturistischer“ Triumph der leisen Töne

Charles Davis mit „Four or more Flutes“ im Jazzkeller

BIBERACH – Rund 20 Flöten, von der höchst selten zu hörenden Kontrabassflöte über diverse Barockflöten, die typisch gebogenen Tenor- und Altflöten, über die weitverbreitete große Flöte bis hin zum kleinen Piccolo aus verschiedenen Materialien und in wechselnden Kombinationen von fünf gestandenen Musikern aus drei Ländern gespielt. Auf der Bühne fand sich ein Arsenal wie aus einem Musikinstrumentenmuseum. Kann aus einer solchen Zusammenstellung Jazz entstehen? Den Beweis lieferten Charles Davis und sein Ensemble „Four or mor Flutes“ beim Freitagskonzert des Jazzclubs.

Überwiegend leise Töne und feinsinnige Unterhaltung, hintersinniger Humor, ein überraschend variantenreicher Sound sowie eine enorme stilistische Bandbreite kennzeichneten den Auftritt der ungewöhnlichen Formation aus dem Bodenseeraum.

Überblasene, mit Atemgeräuschen überlagerte und damit geräuschhaft, perkussiv wirkende Flötentöne kennt man etwa von Ian Anderson und Jethro Tull. Durch Hineinsingen ins Instrument und in Verbindung mit den instrumentalen Klangfarben erzeugte, mehr oder weniger harmonische Kombinationstöne und Mischklänge machte zuerst der weltbekannte deutsche Posaunist Albert Mangelsdorff salonfähig. Den klanglichen Einsatz von Klappengeräuschen kennt man aus der experimentellen und modernen Musik. „Four or more Flutes“ erweiterten unter Einsatz all dieser Möglichkeiten und darüber hinaus durch zahlreiche Zisch-, Rausch- und Plosivlaute bis hin zu echtem Gesang oder gesprochener Sprache die verfügbare Klang- und Ausdruckspalette ohne Zuhilfenahme elektronischer Mittel bis an die Grenzen des Vorstellbaren.

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03.05.2019: Sirius Quartet & Joo Kraus

Tradition und Avantgarde in überzeugender Fusion

Progressive Kammermusik mit Jazz und Rock im Gepäck – Von New York nach Biberach

BIBERACH – Jazz und Musik der Postmoderne aus der „neuen Welt“ verzauberten das heimische Jazzclub-Publikum vor ausverkauftem Haus bei einem höchst ungewöhnlichen Freitagskonzert im Jazzkeller. Das weitgereiste „Sirius Quartet“ aus New York um den aus Ravensburg stammenden Geiger und Komponisten Gregor Huebner, kongenial ergänzt durch den Ulmer Jazztrompeter und Echopreisträger Joo Kraus, überwanden völlig ohne Berührungsängste einmal mehr alle stilistischen Grenzen und fanden im lebendigen, multikulturellen Miteinander das überzeugend Neue.

Besonders in dem mit dem 1. Preis ausgezeichneten Wettbewerbsbeitrag der von den New Yorker Philharmonikern zum 175. Jubiläum 2017 ausgelobten „The New World Initiative“ unter Verwendung des berühmten Themas aus dem zweiten Satz von Antonin Dvoraks Symphonie „Aus der neuen Welt“ gelang es dem siegreichen Komponisten Gregor Huebner mit seinem Streichquartett die Tradition überzeugend zu erneuern. Das zu verwendende Pflichtthema aus Dvoraks 1893 in New York uraufgeführter Neunter Symphonie erschien mal mehr, mal weniger versteckt in den verschiedenen Stimmen um immer wieder in den Bann des Neuen zu geraten und integriert in wechselnden Strukturen neue Kraft zu entfalten. Die zupackende Dynamik und außerordentliche Expressivität des Werkes entstand – so Huebner in einer knappen Anmoderation – auch unter dem durchaus frustrierenden Eindruck von Trumps Wahl zum US-Präsidenten, die just während Huebners Arbeit an der Komposition erfolgte.

 

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23.03.2019: Jazz in Mass and More

„Jazz in Mass“ begeistert bei Konzerten in der Dreifaltigkeitskirche

Rund 160 Mitwirkende rund um die WG-Chöre begeisterten mit ihrem Konzertprojekt „Jazz in Mass“ in einem abendfüllenden Konzert sowie einem Konzertgottesdienst in der Kirche „Zur Hl. Dreifaltigkeit“ auf dem Mittelberg sowohl Konzertgäste als auch Gottesdienstbesucher.

Als Hauptwerk gaben die Chöre des Wieland-Gymnasiums als Konzertveranstalter in Kooperation mit dem Jazz-Chor Biberach, dem Schulchor des Progymnasiums Bad Buchau und dem Jugendchor “VoiceLab” der Landesakademie Ochsenhausen Bob Chilcotts “A Little Jazz Mass” zum Besten. Mit weiteren Vertonungen des englischen Komponisten Chilcott und seinem Kollegen John Rutter wurde ein vielseitiges und abendfüllendes Programm geschaffen, das die Schülerinnen und Schüler nicht nur in die Tradition geistlicher Chormusik einführen sollte.

Ute Dorn, Musiklehrerin am Progymnasium Bad Buchau, dirigierte den ersten Teil des Konzertes, der geistlichen Einzelwerken der beiden Komponisten vorbehalten war, souverän und animierte zu deutlicher Aussprache bei bekannten Vertonungen wie “I will sing” oder “For the beauty and the earth”. In dem weniger bekannten “Can you hear me” unterstrichen die jugendlichen Sängerinnen und Sänger mit ihren einstudierten Gebärden anschaulich die Aussagen des Textes. In dem Lied wird aus der Perspektive einer taubstummen Person unser Alltag beschrieben, die Anmut der Natur ebenso wie unsere oftmals hektische Zeit.

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