Kritik – Jazzclub Biberach e.V.

23.02.2018: B3

Fusion-Jazz lockt viele Besucher in den Biberacher Jazzkeller

Der Auftritt der Jazzrock-Band „B3“ aus Berlin – zu Recht von der Band selbst als „Finest Fusion“ angekündigt – sorgte am Freitag für einen vollen Jazzkeller. Die meist sehr eingängige Mischung aus Rock und Jazz mit Einflüssen aus Soul, Funk und Blues wurde angereichert durch virtuose Soli auf Hammond-Orgel und Keyboards (Andreas Hommelsheim) und E-Gitarre (Ron Spielman, der sich bei einigen Stücken auch als Sänger als Ausnahmekünstler erwies) und angetrieben vom Groove der Rhythmussektion mit Christian Krauss am Bass und Lutz Halfter an den Drums.

Die Instrumentalstücke stammten überwiegend von dem als Filmmusikproduzent erfolgreichen Andreas Hommelsheim, der in seinen Ansagen auch den Anstoß lieferte zu Traumreisen beispielsweise an den Strand von Kolumbien oder zu Kamelkarawanen in der Wüste, auch Szenen seiner ersten Ehejahre wurden musikalisch umgesetzt.

Begeistert waren am Ende sowohl das Jazzclub-Stammpublikum als auch viele Musikliebhaber, die man sonst eher bei Rockkonzerten antrifft und die den Weg in den Jazzkeller teilweise wohl zum ersten Mal gefunden haben. Die mittlerweile 3 CDs der Berliner Musiker fanden großen Absatz, vielfach auch gleich im Dreierpack.

Fotos: Wolfgang Volz

02.02.2018: Nicole Johänntgen ‚Henry‘

Alte Jazz-Traditionen frech modernisiert

Nicole Johänntgen setzt neue Standards

BIBERACH – New Orleans Jazz mit Respekt aber ohne nostalgische Verklärung verarbeitet, belebt und aufgefrischt, aus dem Geist der Gegenwart neu überdacht, beseelt und mit überschäumender Spielfreude in eine authentische, überzeugend avantgardistische Form gegossen und damit neue Standards gesetzt hat Nicole Johänntgen mit ihrem schwedisch-deutsch-schweizerischen Quartett und ihrem aktuellen Programm „Henry“ beim Freitagskonzert des Jazzclubs im ausverkauften Jazzkeller.

Traditionellen Jazz ohne Geschichtsvergessenheit augenzwinkernd für die Gegenwart fruchtbar gemacht, inspiriert durch einen Besuch in der alten Jazzmetropole am Golf von Mexiko während eines halbjährigen Studienaufenthaltes in New York, hat die in Zürich lebende Saxophonistin und Komponistin auf der ihrem Posaune spielenden Vater Heinrich „Henry“ Johänntgen gewidmeten gleichnamigen CD. Fast greifbar wurde der Geist dieser Zeit über die vielen Jahrzehnte hinweg etwa im tieftraurig beginnenden Titel „Slowly“, der die vielzitierte Szene einer Prozession anlässlich der Beerdigung eines lieben Freundes heraufbeschwor. Obwohl sich, entgegen der ursprünglichen Tradition das Tempo auf dem Rückweg vom Friedhof nicht plötzlich änderte, blitzte doch in den virtuosen rhythmischen Passsagen des Schlagzeugs (Clemens Kuratle) immer wieder die Lebensfreude der Hinterbliebenen auf.

Hoch motiviert, voll konzentriert, mit hör- und sichtbaren Entzücken und unbändigem Spaß bis zur Selbstvergessenheit besonders in Titeln wie „Tanzbär“ oder „The Kids from New Orleans“, hier auch mit einer faszinierenden, hochvirtuosen Tuba-Improvisation von Jörgen Welander. Unter Verwendung der von Jazzlegende Albert Mangelsdorff entwickelten Technik des mehrstimmigen Spiels durch gleichzeitiges Hineinsingen ins Instrument verblüffte Welander ebenso wie der ihm auch darin in Nichts nachstehende Schweizer Posaunist René Mosele. Ob in bluesartig schwermütigen Titeln wie „Oh Yes My Friend“ mit kollektiven Improvisationen und typisch dreistimmigen Melodiepassagen, in tief melancholisch im larmoyanten Tonfall gehaltenen Titeln wie „They missed love“ oder in der als Hommage an „Nola“ eingefangenen heiteren Lebhaftigkeit und Leidenschaft der Jazzmetropole – immer war der respektvolle Umgang mit den Stilvorlagen spürbar.

Im zweiten Set schaukelte sich die wechselseitige Begeisterung von Musikern und Publikum schließlich zu einer ungeahnten Intensitätssteigerung auf, bei eifrig wippenden Füßen, Szenenapplaus und stimulierenden Zurufen war der berühmte Funke unverkennbar übergesprungen. Zwei von Johänntgen mitgebrachte völlig neue Kompositionen, noch mit Arbeitstiteln wie „Funky 2“ oder „Die weite Sicht“ versehen und gewissermaßen druckfrisch, wurden vor einem euphorischen Publikum zur Uraufführung gebracht und sofort begeistert gefeiert. Leidenschaftliche Improvisationen zwischen Saxophon und Posaune rissen auch hier die zahlreichen Gäste immer wieder zu Beifallsstürmen hin. Natürlich durfte die Topformation am Ende des kurzweiligen Konzertes nicht ohne eine Zugabe von der Bühne. Mit Arthur Blythes „One mint Julep“ erklang die einzige Fremdkomposition des Abends. Viele überzeugte Fans schleppten anschließend noch reihenweise handsignierte CDs mit nach Hause und Nicole Johänntgen hat wohl in Biberach erneut viele frische Follower gefunden.

Text & Fotos: H. Schönecker

19.01.2018: Tango Sí!

Zum Saisonauftakt ein voller Erfolg – „Tango Sí!“ lockt die Massen in den Jazzkeller

BIBERACH – Der Tango gehört definitiv nicht zu den zentralen Genres des Jazz, auch wenn Astor Piazzolla mit seinem Tango Nuevo viele Jazzelemente in den argentinischen Tango integrierte. Viele Jazzfans haben aber offenkundig keinerlei Berührungsängste mit verwandten Stilrichtungen und die erklärten Tangofans haben in Biberach sowieso eine eigene Gemeinde. Nur so erklärt sich, dass bereits lange vor dem Vorverkaufsende die Veranstaltung ausverkauft war und trotz eines nicht unerheblichen Restkontingentes für die Abendkasse noch Gäste abgewiesen werden mussten. Wer es dann aber schließlich doch in den Jazzkeller geschafft hatte, der erlebte mit dem Quartett „Tango Sí!“ ein Fest für Kopf und Herz.

Ähnlich wie der Jazz in Nordamerika entstand auch der lateinamerikanische Tango aus einer Melange europäischer, afrikanischer und lateinamerikanischer Musikstile, wie Christiane Holzenbecher in zur Musik kontrastierender dezenter Beiläufigkeit erläuterte. Zentrales Instrument im Tango ist das Bandoneon, bei „TangoSí!“ in vollendeter Perfektion gespielt von Karin Eckstein, die mit ihren launigen Ansagen und trockenen Kommentaren neben ihrem hochvirtuosen und gleichermaßen beseelten Spiel für zusätzliche Erheiterung sorgte. Tangotypisch wurde die Besetzung komplettiert durch eine hochexpressiv gespielte Violine (Christiane Holzenbecher) und einen ebenso durch ungewöhnliche Spieltechniken aus der modernen Musik und dem Jazz (Schlagen, Reiben, Klopfen, Zupfen, etc.) angereicherten Kontrabass (Florian Bony). Am Kawaiflügel erwies sich Sarah Umiger als technisch und musikalisch brillante Tangospielerin, die den tangotypisch straffen und synkopierten Rhythmen und der ihnen innewohnenden Strenge und Stoizität inspirierte Kantilenen voll perlender Spielfreudigkeit entgegenstellte.

Knapp die Hälfte des Repertoires war dem Begründer des Tango Nuevo, Astor Piazzolla, gewidmet. Neben klassischen und gut tanzbaren argentinischen Tangos, etwa von Julian Plaza, kamen auch unveröffentlichte Werke aus den frühen Jahren Piazzollas zur Aufführung, so dass insgesamt der Eindruck einer Zeitreise in die Moderne entstand. Besonders im zweiten Set mit den moderneren konzertanten Titeln aus dem Tango Nuevo von Piazzolla, Canaro oder Pugliese, mit einer farbigen Mischung aus Milongas und Walzern, einem hochvirtuosen Bandoneonsolostück und natürlich den bekannten Ohrwürmern wie „Oblivion“ oder „Libertango“ wuchs die Begeisterung im Publikum weiter an. Romantik, Sentimentalität und Leidenschaft, dazu ein Schuss Erotik (die drei Damen im Ensemble trugen knallrote Stöckelschuhe zu schwarzer Spitze) sowie eine gehörige Portion Melancholie gehören zu den essentiellen Bestandteilen des Tangos und damit selbstverständlich auch zu den Kernkompetenzen von „Tango Sí!“.

Nicht ohne mehrere Zugaben durfte das mit lang anhaltenden Ovationen gefeierte Ensemble von der Bühne. Unmittelbar danach ergriffen noch einige Paare vom Tanzsportverein Risstino die Gelegenheit, eine flotte Tangosohle aufs flugs freigeräumte Parkett zu legen und ließen damit den Konzertabend stimmungsvoll ausklingen.

Text und Fotos: H. Schönecker

08.12.2017: Carlas Saxaffair

Jazzige Weihnachtspost – neue CD von Carlas Saxaffair vorgestellt

Frisch, frech, fröhlich, freier Weihnachtsjazz

BIBERACH – Weihnachten gegen den Strich gebürstet, Zuckerguss und akustische Hochglanzverpackung traditioneller und längst von profaner Werbung vereinnahmter und glattpolierter Weihnachtslieder entsorgt und damit einen unverstellten Neuzugang ermöglicht, haben die Mannen um Wolfgang Eisele (Sopran- und Altsaxophon) im letzten Jazzclubkonzert des Jahres im Jazzkeller der Bruno-Frey-Musikschule. Informativ und launig anmoderiert von Stefan Dudda (Bariton-Saxophon) kam auch ohne Glühwein und Punsch die vorweihnachtliche Stimmung nicht zu kurz.

In den modernen Arrangements von Wolfgang Eisele nahmen die vielfach als abgenudelt betrachteten traditionellen Weihnachtslieder, gänzlich befreit vom falschen Pathos, gewissermaßen eine neue Identität an. Schon die Transformation in die besondere Satzstruktur und Klanglichkeit der Saxophonfamilie, noch mehr aber die große stilistische Bandbreite der eingewobenen Gegenwartsmusik und das Fehlen von Rhythmus- und Begleitinstrumenten erforderten vom Zuhörer eine Neuausrichtung gewohnter Hörweisen. Da war die Fußschelle von Wolfgang Eisele in „Jingle Bells“ nur noch eine leise Reminiszenz, die der kammermusikalischen Transparenz und dem strukturimmanenten Groove einen nur noch parodistischen Kontrapunkt setzen wollte.

Eingestreute Improvisationen lockerten die dichten Arrangements immer wieder auf. Neben dem Arrangeur an Sopran- und Altsaxophon traten vor allem Fritz Rebstein am Alt- und gelegentlich Helmut Stegen am Tenorsaxophon solistisch hervor. Eingefleischte Jazzfans dürften zwar weitgespannte, komplexe oder gar hochvirtuose Improvisationen vermisst haben, das Besondere manifestierte sich jedoch sinnfällig und unzweifelhaft in der abwechslungsreichen inneren Struktur der Songs in die sich mit „Soulige Weihnacht“ auch eine durchaus popmusiktaugliche Eigenkomposition Eiseles gemischt hatte.

Weit entfernt vom üblichen Geplätscher weihnachtlich-musikalischen Hintergrundrauschens erfordern die Songs von Carlas Saxaffair allerdings ein bewusstes Hinhören. Nur so lässt sich feststellen, dass der vorweihnachtliche Adventskranz aus vier Saxophonen auch mal fünf Kerzen trägt, gewohnte Stücke im ungewohnten 5/4-Takt stehen, sich gar polyrhythmisch realisieren oder auch, dass brave klassische Chorsätze in reharmonisierter Gestalt frech und frisch daherkommen. Trotz allem Hintersinn durchaus erfreulich war der jederzeit respektvolle Umgang mit den teilweise jahrhundertealten Melodien. Keine billige Ironie oder brachiales Umbrechen stellte gewachsene kulturelle Traditionen in Frage, ungewöhnliche Zugangsweisen und vielfach vergessene Traditionen, wie etwa die der musikalischen Parodie, wurden von Stefan Dudda mit großem pädagogischem Geschick in übergeordnete Zusammenhänge eingebettet und erklärt.

Text & Fotos: Helmut Schönecker

24.11.2017: Haberecht 4

Haberecht 4 zu Dritt im Jazzkeller

Kerstin Haberecht unter Volldampf

BIBERACH – Als der Vierte im Bunde, der Wahlberliner Drummer Mathis Grossmann, eine knappe Stunde vor Konzertbeginn von Frankfurt aus im Biberacher Jazzkeller anrief, dass die Deutsche Bahn ihm satte vier Stunden Verspätung beschert, war die Aufregung um Kerstin Haberecht zunächst groß. Immerhin hatte man die CD „Essence“ vergangenes Jahr im Quartett eingespielt und ein Auftritt ohne Schlagzeug, nur im Trio, schien zunächst undenkbar. Gutes Zureden vom veranstaltenden Jazzclub, der Mut der Verzweiflung und eine kurze aber intensive Vorbereitungsphase haben die Trio-Premiere aber dann doch zu einem ungeahnten Überraschungserfolg werden lassen.

Der unermüdlich im perfekten Timing und in federnder Leichtigkeit groovende Kontrabassist Bastian Weinig und mit Nicolas Hering ein glänzend aufgelegter Pianist mit einer breiten stilistischen Ausdruckspalette und stupender Spieltechnik konnten vieles von dem auffangen, was üblicherweise der Mann am Drumset übernimmt. Dennoch verblieb für die Komponistin und Bandleaderin Kerstin Haberecht am Alt- und Sopransaxophon eine Mammutaufgabe. In Sachen Kondition und Konzentration stand sie ständig unter Volldampf und musste oft an ihre Grenzen oder gar darüber hinausgehen. Im Rückblick darf jedoch nur Positives konstatiert werden, das erzwungene Experiment hat sich dank der Professionalität der Musiker durchaus gelohnt und das Publikum begeistert.

Nicht nur die eher verträumten oder balladesken Stücke wie der mit einer wunderschönen mit dem Bogen gespielten Bassmelodie über dem gleichförmig tickenden Klavier eingeleitete „Schlafloser Februar“, die „Schöne Stille, Stille Schöne“ oder der erste Teil von „Metamollphose“ sondern auch die lebhafteren Teile oder Nummern wie „Machine“ gewannen durch  die Reduktion an Transparenz und Intensität. Weit gespannte Saxophonkantilenen, ausgedehnte und hochexpressive, teils auch hochvirtuose Soloimprovisationen in einem sorgfältig austarierten kontrapunktischen Geflecht mit den beiden sensibel reagierenden Mitakteuren erzählten pittoreske Geschichten oder musikalische Erinnerungen an außergewöhnliche Emotionen aus Haberechts persönlicher Erfahrungswelt. Mit den Originalen im Ohr fehlten hier und da vielleicht doch etwas die häufig klangmalerischen Beiträge des Schlagzeuges oder auch dessen treibender Groove. Vor allem fehlten aber Erholungsphasen für die verbleibenden Akteure, die somit beständig unter Feuer standen und gerade in den kontemplativen Teilen vielleicht dann doch nicht die gewohnte kontemplative Versenkung vermitteln konnten.

Aufgelockert durch einige Standards wie etwa Wayne Shorters vor allem von Miles Davis bekannt gemachten „Footprints“ oder auch ganz neuen Kompositionen, die erst auf der nächsten CD von Haberecht erscheinen werden, verging der Konzertabend gleichwohl viel zu schnell und machte dabei Appetit auf mehr. Der ebenso unmittelbare wie feinsinnige Personalstil Haberechts, frischer Modern Jazz der kommenden Generation, atmet eine große Natürlichkeit und bezieht genau daraus auch seine künstlerische Überzeugungskraft. Haberecht hat Recht und tut das Richtige.

Text und Fotos: Helmut Schönecker