Kritik – Jazzclub Biberach e.V.

21.05.2022: Biberacher Jazzpreis 2022 (Konzert: Grupa Janke Randalu)

Biberacher Jazzpreis 2022 – Herzschlagfinale in der Gigelberghalle

Vincent Meißner Trio aus Leipzig gewinnt im Fotofinish

BIBERACH – Mit nur einem halben Punkt Vorsprung kann sich das Leipziger Jazztrio um Vincent Meißner im hochklassigen Finale des internationalen Biberacher Jazzpreises 2022 knapp gegen seine Konkurrenten durchsetzen. Auf Rang 2 folgt das ungewöhnliche Duo „Lightville“ aus München, welches auch den Kompositionspreis erhält. Der Publikumspreis geht mit deutlichem Vorsprung an das Duo „Duolog“ aus Schweinfurt, welches es insgesamt auf Rang 3 schafft. Ebenfalls nur knapp abgeschlagen folgt das Duo „Dimension“ aus Backnang auf Rang 4. Der fünfte Finalist, das Augsburger Trio „Flo & Fauna“, konnte wegen einer Coronaerkrankung des Keyboarders nicht zum Finale antreten.

Aus der vierköpfigen Jury (Rebecca Trescher, Prof. Jürgen Seefelder, Oliver Hochkeppel, Dr. Helmut Schönecker) war zu vernehmen, dass die Qualität der Wettbewerbsbeiträge in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat und damit bereits die Vorauswahl zu einem schwierigen Unterfangen wurde. Die stilistische Bandbreite der fünf Finalisten, die in einem aufwendigen Verfahren aus rund 30 Bewerbern ausgewählt wurden, ließ bereits darauf schließen, dass hier sehr individuelle Ansätze auf hohem technischem und künstlerischem Niveau zu beurteilen sein werden. Liegt es in der Natur des Jazz, dass stilistische Offenheit und Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Sujets zum Wesenskern gehören, so ist aber vor allem die lebendige Improvisation ein wesentlicher Bestandteil.

„Duolog“ aus Unterfranken wollten erklärtermaßen die „einengenden Grenzen des Jazz“ erweitern. Im Bereich Sound ist Ihnen das zweifellos gelungen. Zeitgemäß mit Vocoder, Harmonizer und weiteren elektronischen Helferlein ausgerüstet, durch perfektes „mundgemachtes“ Beatboxing ergänzt, konnten sie die Brücke zum zeittypischen Dancefloor-, HipHop und Technosound schlagen. Ihre Besetzung schien damit mindestens zum Quartett erweitert. Der druckvolle Sound, eine hohe Energiedichte, meisterliche technische Umsetzung sowie die Kombination von Elektronik und natürlichen Instrumenten, wie etwa der ungewöhnlichen Akkordina überzeugten und begeisterten – vor allem das Publikum. Der Jury war dies nur ein dritter Rang wert. Zu konventionell blieben die Strukturen, zu patternhaft der Aufbau, zu weit weg vom Jazz das Resultat.

Genau ins Schwarze traf dagegen das junge Leipziger Trio mit seinem technisch und musikalisch brillanten Schweizer Kontrabassisten Josef Zeimetz, der noch vor der Preisverleihung in den Zug nach Basel steigen musste. Trotz des undankbaren ersten Startplatzes spielten sich die (Wahl-) Sachsen schnell frei und fanden zu einem abwechslungsreichen, ausdrucksvollen und hochenergetischen Spiel. Aus spontan erfundenen Motiven Ideen zu entwickeln, in höchster Präzision und technischer Meisterschaft zu komplexeren Gebilden auszuformen gehörte für die jungen Jazzer bereits zum Markenkern. Dass neben kreativen Eigenkompositionen fast unmerklich auch Motive aus bekannteren Stücken einflossen, gehört im Jazz zu den Grundkompetenzen.

Für den Kompositionspreis war dies jedoch nicht genug. Originell, innovativ und gestaltkräftig waren die Kompositionen der Pianistin Shuteen Erdenebaator aus Ulan Bator (Mongolei). Ihre lyrischen, weit ausgreifenden Melodielinien konnte sie auf dem wunderbar klingenden Bechsteinflügel eindrucksvoll, plastisch und hochmusikalisch umsetzen. Neben einer dreisätzigen Komposition zur Eröffnung war es vor allem ihr Stück „Answer from a distant hill“, welches im Duo mit dem Münchner Nils Kugelmann an der selten gespielten Kontra-Alt-Klarinette überzeugte. Klänge wie aus einer anderen Welt, tiefste Basstöne, Klappen- und Atemgeräusche, „heiße Luft“ als Ausdrucksmittel kontrapunktierten die sensiblen Klavierpartien. „Lightville“ verdiente sich neben dem Kompositionspreis auch noch den mit 1000 Euro dotierten zweiten Rang.

Das jüngste und ungewöhnlichste Duo „Dimension“ aus Backnang kam mit knappem Rückstand auf den vierten Rang. Carlotta Armbruster (Posaune) und Jonas Heck (Schlagzeug) setzten ganz auf freie Improvisation und spontane Interaktion. Multiphonics, das auf Albert Mangelsdorff zurückgehende, mehrstimmige Spiel auf der Posaune, rhythmisches Atmen ins Instrument ohne Mundstück, Klopfen mit der Hand aufs Mundstück und der Einsatz verschiedenster Dämpfer machten das Spiel abwechslungsreich und klanglich vielseitig. An der Dramaturgie der Stücke wird noch zu arbeiten sein.

25 Jahre nach ihrem eigenen Gewinn des Biberacher Jazzpreises zeigte die „Grupa Janke Randalu“ im Kurzkonzert, was wahre Meisterschaft ist. Im Rückgriff auf ihre gemeinsamen musikalischen Anfänge am Karlsruher Konservatorium filetierten der estnische Ausnahmepianist Kristjan Randalu und  der polnische Drummer Bodek Janke bekannte Nummern aus dem Realbook um diese dann auf umwerfende und frappierende Weise wieder neu zusammen zu setzen.

Fotos: Georg Kliebhan

06.05.2022: Peter Autschbach & Samira Saygili

Neue CD „SING!“ geht auch im Livekonzert unter die Haut

Duo „Saygili-Autschbach“ rockt den Jazzkeller

BIBERACH – Das mehrfach preisgekrönte Duo „Saygili-Autschbach“ gastierte mit seinem neuen, während des Lockdowns entstandenen Album „Sing!“ im vorpandemisch überaus gut besuchten Jazzkeller und vermochte mit einem sensationellen Auftritt rundum zu begeistern. Peter Autschbach ist für die Biberacher Jazzfans ein alter Bekannter und wahrer Publikumsmagnet. Bereits zum fünften Mal gastierte der Ausnahmegitarrist in unterschiedlichen Besetzungen bei den Jazzbibern. Im zarten Alter von 58 Jahren hat er nun im Duo mit Samira Saygili 2020 nach seinem eigenen Bekunden erstmals an einem internationalen Wettbewerb in Bukarest teilgenommen und war dort gleich ins Finale gekommen. Im vergangenen Jahr gab es dann den deutschen „Singer-Songwriter-Preis 2021“, den 1. Preis als „Bester Gitarrist“ des Jahres 2021 und außerdem den Preis der „besten Komposition 2021“ für den Titel „Starlight“ der ebenfalls auf der präsentierten CD „Sing!“ enthalten ist.

Dass diese Preise im Rahmen der Veranstaltung „Deutscher Rock & Pop Preis“ verliehen wurden, tat der Begeisterung der zahlreichen Jazzfans keinen Abbruch. Für die progressiveren Fans experimenteller Jazz-Avantgarde gibt es schließlich in zwei Wochen das Finale des internationalen Biberacher Jazzpreises in der Gigelberghalle als Kompensation. Für einen entspannten und inspirierten Wochenausklang in fast schon nachpandemischen Zeiten waren die von Samira Saygili und Peter Autschbach gebotenen Stücke jedenfalls genau richtig, wie auch der stürmische Applaus und die zwei bereitwillig gewährten Zugaben bewiesen.

Beginnend mit Elton Johns „Your Song“ in einer an Al Jarreaus legendäre R&B-Version erinnernden und mit einer gehörigen Prise Jazz versehenen Darbietung gingen die musikalischen Preziosen von Anfang an unter die Haut. Die stilistische Bandbreite und künstlerische Reife der Stücke war für sich genommen bereits beeindruckend. Mal klang es eher chansonmäßig, mal kabarettreif, mal mit Scatsilben improvisiert, mit Songtexten auf Englisch, Deutsch und Französisch, ja sogar auf Türkisch, mal mit swingenden oder straight groovenden Rhythmen. Die wandlungsfähige Stimme Saygilis fand sich mal im rasanten Unisono mit der Gitarre, mal solistisch, dank Loopmaschine mit teils mehrschichtiger Gitarrenbegleitung in tiefgründig balladesker Poesie. Nicht einen Moment fehlte es jedoch an jazztypischer Spontaneität, prickelnder, mitreißender Sing- und Spielfreude, kreativem Einfalls- und Variantenreichtum bei den Improvisationen gepaart mit fesselnder Bühnenpräsenz. Und all das trotz total relaxt wirkender natürlicher Lockerheit des Auftretens.

Dem Andenken an ihren an Corona verstorbenen Vater widmete Samira Saygili den „Baba-Song“. Über ruhig pulsierenden Akkorden entfaltete sich eine innige, tief empfundene Hommage an ihren „Baba“, eine wehmütige Erinnerung an glückliche Zeiten aber auch den Dank dafür. Eine weitere, nicht auf der aktuellen CD „Sing!“ enthaltene Komposition, „Rodriques“, eine abgelegene zu Mauritius gehörende Vulkaninsel im Indischen Ozean und die Erinnerungen an einen Aufenthalt in einem der letzten Paradiese der Erde, faszinierte ebenso wie der spontane „Centerpiece Blues“, der ganz aus dem Augenblick heraus lebte und in vielen Facetten changierte. Beinahe transzendentalen Charakter entwickelte die erste Zugabe „Somewhere Over The Rainbow“ in einer höchst eigenständigen Interpretation, die eine begeisterte Konzertbesucherin gar zu der Aussage verleitete, das Stück künftig nur noch in dieser Version anhören zu wollen. In einer Reminiszenz an die Fahrstuhlszene im ersten Blues-Brothers-Film erklang zum Abschluss eine wunderbare, augenzwinkernde Parodie auf das „Girl from Ipanema“. Chapeau!

Text und Fotos: Helmut Schönecker

08.04.2022: Rainer Böhm & Norbert Scholly

Rainer Böhm und Norbert Scholly im Jazzkeller

Mit Warp-Antrieb durch die Galaxis

BIBERACH – Unprätentiös, mit nur wenigen erklärenden Worten dafür aber mit vielen Tönen, durchmaßen die beiden Musiker in Überlichtgeschwindigkeit einen wahren Kosmos an musikalischen Ausdrucks- und Gestaltungsmöglichkeiten. In schwindelerregender Virtuosität oder, wie Norbert Scholly in seiner Hommage an Käpt’n Kirk und dessen Enterprise in Star Trek anmerkte, mit futuristischem Warp-Antrieb, startete das Duo aus der ungewöhnlichen Kombination von Klavier und Gitarre seine höchst kreative Reise durch Raum und Zeit. Die Idee, den Raum zu krümmen um durch einen Raum-Zeit-Tunnel weit entfernte Ziele binnen eines Lidschlages zu erreichen, geht auf Einsteins Relativitätstheorie zurück. Die Manipulation der Zeit oder wenigstens unseres Empfindens davon, ist jedoch auch eine Kernaufgabe von Musik, der sich das Duo in besonderem Maße verschrieben hatte: Die Zeit verging während des Konzertes im Jazzkeller tatsächlich wie im Flug und die Phantasie des begeisterten Publikums durchmaß unendliche Weiten.

Der gebürtige Ravensburger Rainer Böhm, Inhaber zweier Professuren in Nürnberg und Mannheim und mit unzähligen nationalen und internationalen Preisen bedacht, hat mit Norbert Scholly einen kongenialen Partner gefunden. Lehraufträge für Jazzgitarre in Mainz und Weimar, europäische Solistenpreise, Kompositionsaufträge und unzählige Tourneen als Solist und gefragter Sideman markieren seine ungewöhnliche Karriere als Gitarrist mit einem charakteristischen Personalstil aus kammermusikalischer Intensität und plastischer Phrasierungsgabe.

Aus der Vielfalt der gestalterischen Mittel ragte bei beiden Künstlern eine permanente Metamorphose der Begleitfiguren, oft in rhythmisch-permutativer Ausgestaltung heraus. Die vielfältigen Kombinationen der Stilmittel führten dabei nicht etwa zu einer Beliebigkeit oder Oberflächlichkeit sondern forderten bewusstes, strukturelles Hören geradezu heraus. Perlende Läufe am Kawaiflügel und gestaltkräftige Melodielinien auf der Gitarre in ständiger Interaktion und nonverbaler Kommunikation wechselten mit rasanten, beeindruckend synchronen Unisonopassagen, die nur gelingen können, wenn beide Musiker auf derselben Wellenlänge funken. Auch ungerade Taktarten, 5er oder 7er, ja selbst die Überlagerung verschiedener Metren konnten die beiden Magier in ihrem Spielfluss und ihrer geradezu überschäumenden Spielfreude nicht ausbremsen.

Neben gleichermaßen eleganten, rasanten und temperamentvollen Stücken wie „El Movimiento del Gato Negro“ von Norbert Scholly fanden auch kontemplative Titel wie „Kennys World“ von Rainer Böhm als Hommage an Kenny Wheeler ihren Weg unter die Haut des begeistert applaudierenden Publikums. Beide Titel finden sich, wie die meisten anderen Stücke des Abends auf der jüngsten CD des Duos, die sich als Mitbringsel für den Osterhasen nach der inspirierten und inspirierenden Zugabe von „Georgia on my mind“ großer Beliebtheit erfreute.

Text und Fotos: Helmut Schönecker

18.03.2022: Gabriel Mbanda Quintett

Gabriel Mbanda Quintett präsentiert neue CD im Jazzkeller

Begeisterte Aufbruchsstimmung mit „Iwiye“

BIBERACH – An Selbstvertrauen fehlte es dem umtriebigen Wahlbiberacher Gabriel Mbanda aus Kamerun sicher nicht. Vor ausverkauftem Haus – pandemiebedingt leider nur mit 60 Prozent der Kapazität, 3G-Regel und FFP2-Maske – erschien der afrikanische Bandleader des Quintetts ganz alleine mit seinem Kontrabass auf der mit reichlich technischem Equipment vollgestellten Bühne des Jazzkellers. Mit einem kontrapunktisch angelegten Vokalsolo interagierte er mit seiner eigenen Basslinie und schlug so unmittelbar eine Brücke zu dem erwartungsvollen Publikum bevor er noch die Band dazu holte.

In einem ausgewogenen, transparenten Soundkontext agierten – nach nur drei gemeinsamen Proben in Stuttgart – die fünf Musiker ohne merkliche Abstimmungsprobleme mit sichtlicher und hörbarer Begeisterung die Stücke aus der Feder von Gabriel Mbanda. Mit dem ebenfalls in Biberach lebenden Peruaner Cesar Gamero an diversen Perkussions-Instrumenten, dem Ulmer Jazzschlagzeuger Christian Krischkowsky, dem Münchner Trompeter Julian Hesse und dem vielfach preisgekrönten Stuttgarter Martin Sörös am Kawaiflügel hatte Mbanda eine erlesene Auswahl an Musikern zusammengestellt, die bestens harmonierte und keineswegs nur einen Pflichttermin absolvierte.

Gegenüber Mbandas aktueller während der Coronazeit entstandenen CD-Produktion „Iwiye“ waren die Livedarbietungen um eigentlich überflüssige Background-Sounds und bloße Klangteppiche entschlackt, ruhten aber dennoch in schwebender Leichtigkeit auf einem tragfähigen Gefüge aus perkussiven, hochenergetischen Stimulanzien der Schlagzeugabteilung und einem dezent mit Effekten angereicherten Wohlfühl-Sound. Iwiye – die Morgenröte – steht, wie der gleichnamige Titelsong, für eine hoffnungsvolle Aufbruchsstimmung, für einen optimistischen, persönlichen Stilmix ohne Berührungsängste und vielleicht auch für neue Hoffnung auf eine Zeit nach Corona.

Die spannende Polarisierung zwischen schlichten, meist pentatonisch oder repetitorisch angelegten, eingängigen Melodien sowie der samtig-einschmeichelnden Stimme Mbandas, griffigen, ostinaten Begleitformeln im E-Bass, einfühlsamen Flügelhornpatterns, brillanten und variantenreichen Klavier-Fill-Ins und einer hochkomplexen Rhythmussektion, die auch in ungeraden Taktarten wie 5/4- oder 7/8-Takten souverän groovte, hauchte den Texten Leben ein, gab ihnen Überzeugungskraft und Tiefe. In seiner Moderation versäumte es Mbanda glücklicherweise nicht, seinen Zuhörern Übersetzungen der Songtexte und weitere Hintergrundinformationen zu liefern.

So gestand er offen ein, dass der Kontakt zu karibischen Musikern, deren Musik sich ja ebenfalls aus afrikanischen Wurzeln speist, ihn in ein divergentes Spannungsfeld zur Musik des heutigen Kamerun versetzte. Es zeichnet ihn aus, dass er – nicht nur in dem Titel „Mu Samba“ – eine sensible Liaison zwischen den unterschiedlich interpretierten afrikanischen Wurzeln und weltmusikalischer Offenheit fand. Der Titel „Struggles of Joseph“ spiegelte die Auseinandersetzung mit biblischen Themen wieder, während er in Stücken wie „For You“ sich offen an sein Publikum wandte und dieses aktiv einbezog. Durfte dieses im Titel „Léyè Mbe“ bereits im Unisono mitsingen, brachte der als Zugabe erneut gespielte Titel noch eine weitere Steigerung. Zu einem dreistimmigen Kanon des kurzerhand eingelernten Publikums, aufgeteilt auf die Vokale „a“, „i“ und „o“, improvisierte Mbanda über der einprägsamen Melodie spontan noch eine Überstimme im Scatstil und erntete auch dazu langanhaltenden Applaus, der von den aufgekratzten Musikern mit einer weiteren Zugabe belohnt wurde.

Text und Fotos: Helmut Schönecker

11.02.2022: Maltett

Hochenergetischer Formel 1 Jazz mit dem „Maltett“

BIBERACH – Die letzten Sheets seiner Eigenkompositionen wurden erst auf der Autofahrt nach Biberach fertig. Neu oder umgeschrieben um den kurzfristig ausgefallenen Trompeter durch einen weiteren Tenorsaxophonisten zu ersetzen. Adrian Gallet aus Reilingen bei Hockenheim sprang ein für den erkrankten Jakob Bänsch, der seinerseits bereits Gabriel Rosenbach aus der Stammbesetzung des fünfköpfigen „Maltetts“ ersetzen sollte. Auf diese Weise kam das, trotz der derzeit üblichen Maskerade von Anfang an hell begeisterte Fanpublikum im Jazzkeller in den Genuss, die stilistische Entwicklung von wenigstens drei der fünf jungen Musiker im Verlauf der letzten vier Jahre zu verfolgen.

Neben dem Kopf des „Maltetts“, dem Jazzschlagzeuger Malte Wiest aus Oberhöfen bei Biberach, waren auch die beiden Tenorsaxophonisten bereits 2018 mit „Tenor Madness“ als eine der jüngsten Jazzbands des Landes im Jazzkeller zu hören. Die „unbekümmerten Exkursionen durch die weiten Gefilde des Jazz“ von damals haben seither nichts an Frische verloren, hingegen deutlich an Substanz und Tiefe gewonnen. Die ersten Ansätze seines Personalstils werden nach einigen Hochschulsemestern in Mainz bei dem quirligen Ausnahmedrummer nun deutlich konturierter.

Spielt das Schlagzeug im modernen Jazz generell eine immer zentralere Rolle, wirkt stimulierend und antreibend und längst nicht mehr nur begleitend mit einer Wiederholung immer gleicher Rhythmuspatterns, so erfährt dieses Prinzip besonders auch bei Malte Wiest eine weitere Steigerung. Hochdifferenzierte, komplexe Strukturen von filigran bis brachial, technisch ausgefeilt, musikalisch eigenständig, druckvoll und in permanenter Interaktion mit den Mitspielern ließen eben diesen dennoch genügend Freiraum für eigene Akzente.

Lukas Wögler, Tenorist der Stammbesetzung und „Ersatztrompeter“ Adrian Gallet am zweiten Tenorsaxophon zeigten, dass sie es zwischenzeitlich nicht verlernt haben, in der ungewöhnlichen Instrumentenkombination zu dialogisieren, zu konkurrieren und dennoch zu harmonieren. Gerade auch die bei scharfen und absichtsvollen Dissonanzen souverän und in sauberer Intonation durchgehaltenen Reibungen erhöhten die schon aus der komplexen Rhythmik resultierenden Spannungsimpulse, trieben die Stücke in einer ausgefeilten Dramaturgie unaufhaltsam zu immer neuen Höhepunkten. Wie in der Formel Eins gehörten abrupte Brems- und Beschleunigungsmanöver, hohe Kurvengeschwindigkeiten und Höchstgeschwindigkeit auf den freien Strecken zur Dynamik des Quintetts.

Zunächst mit etwas gebremstem Schaum, vielleicht auch der pandemiebedingt generell reduzierten Konzerttätigkeit geschuldet und deutlich an den doch etwas angespannten Mienen der Akteure abzulesen, lockerte sich die Atmosphäre im zweiten Set deutlich. Ausgehend von dem voller Leidenschaft aufspielenden Kontrabassisten Grégoire Pignède ließen sich die Mitakteure mehr und mehr von seiner Spielfreude und Lockerheit anstecken. Eifriger Szenenapplaus und anfeuernde Rufe aus den Reihen der Zuhörer erweckten auch den aus Schramberg stammenden Pianisten Valentin Melvin zu immer virtuoseren Einlagen am Kawaiflügel. Für eine willkommene klangliche Abwechslung sorgte dabei das legendäre Fender Rhodes E-Piano, dessen charakteristischer Sound an die R’n’B-, Soul- und Jazz-Rock-Ära erinnerte.

Die Eigenkompositionen des Schlagzeugers aus der Kaderschmiede von Markus Merz, besonders „Aero“ und „Take Two“ aber auch das kryptische „Mu Eins“ oder der als Zugabe gespielte, eigenwillige „Blues Or Not Blues“ ließen neben den meist gegen den Strich gebürsteten Standards der großen Meister keine signifikanten Schwächen erkennen. Besonders Kompositionen von Wayne Shorter (Speak No Evil, Nefertiti) mit Anklängen an den Jazz-Rock der 70er Jahre oder als eines der Highlights des Abends, die „Fried Pies“ von Wes Montgomery, zeigten die Wurzeln und Kraftquellen des überaus dynamischen Bandkonzeptes auf und zeichnen möglicherweise auch den durchaus erfolgsversprechenden, zukünftigen Weg der Newcomer vor. Das Selbstbewusstsein, einen abwechslungsreichen Abend mit Eigenkompositionen zu beschließen, ist jedenfalls schon vorhanden.

Text und Fotos: Helmut Schönecker

21.01.2022: Laura „Quiet Land“

LAURA sings – Quiet Land

Mit Schwung aus der kulturellen Depression

BIBERACH – Überaus freudige, erwartungsvolle Gesichter eines aufmerksamen Publikums in der locker entspannten Atmosphäre des Biberacher Jazzkellers korrespondierten zum Auftakt der neuen Konzertsaison mit drei hochmotivierten, spielfreudigen Künstlern um die aufstrebende junge Jazzsängerin Laura Kipp. Mit ihrem 2021 von Jens Loh und Cornelius Claudio Kreusch produzierten Debut-Album „LAURA QUIET LAND“ schaffte es die aus Reutlingen stammende, gefeierte Newcomerin innerhalb kürzester Zeit in die TOP 2 der Amazon Bestseller Charts im Bereich „Vocal Jazz“. Genau dieses taufrische Album präsentierte Laura nun Live im bereits Tage vorher ausverkauften Jazzkeller (pandemiebedingt leider nur mit 50% der üblichen Gästezahl und 2G+) und obwohl Weihnachten schon vorbei ist, ging das handsignierte Album nach dem Konzert weg wie warme Semmeln.

Jens Loh, nach mehreren Auftritten im Biberacher Jazzkeller in der örtlichen Szene beileibe kein Unbekannter mehr, gilt nicht umsonst als einer der besten Kontrabassisten Deutschlands. Als Komponist, gefragter Sideman, Bandleader und Produzent hat er sich einen großen Namen gemacht und diesem im inspirierten Live-Act jetzt mal wieder alle Ehre. Seine unnachahmlichen, teils akkordischen, teils plastisch-melodischen und häufig durch seine Singstimme gedoppelten Improvisationen atmen zeitgenössischen Jazz in Reinform.

Der in Chicago gebürtige Schlagzeugdozent der Stuttgarter Musikhochschule, Eckhard Stromer, erwies sich als nimmermüdes Kraftwerk und Energiezentrum des illustren Quartetts. Zuletzt vor knapp drei Jahren mit dem hochdekorierten Axel-Kühn-Trio in Biberach zu hören, ließen besonders seine temperamentvollen quirligen Soli die Augen größer, die Ohren weiter und den Beifall lauter werden.

Der klassisch ausgebildete, französische Jazzmusiker und Bill Evans Schüler William Lecomte zauberte mit seinem zupackenden, variantenreichen Klavierspiel und hochvirtuosen Improvisationen mehr als nur einen Hauch der großen, weiten Welt in den gut abgestimmten Bandsound. Relaxte, balladenhafte Patterns, dynamische Funky-Rhythmen, rasante Skalen oder vollgriffige Riffs in der Komplexität elaborierter Klavierkonzerte ließen einen schon vom Zuhören schwindelig werden.

Mit diesem hochkarätigen Klaviertrio allein wäre eigentlich bereits ein niveauvolles und inspirierendes Konzert angesagt gewesen. Die Bühnenpräsenz, das Outfit, die natürliche und doch wandelbare Stimme, und vor allem die Energie und künstlerische Überzeugungskraft von Laura Kipp vermochten es nicht nur, die ausgebufften Profis dieser Truppe zu bändigen und allzeit die Strippen in der Hand zu halten. Ohne dominant zu wirken, ließ sie sich von ihren Männern auf Händen zu veritablen Höchstleistungen tragen und faszinierte mit einer verblüffenden Stilsicherheit und Reife, außerordentlicher Expressivität, traumwandlerischer Intonation und prickelnden Groove.

Die vielseitigen Kompositionen des neuen Albums „Quiet Land“ von Jens Loh mit den Texten von Laura Kipp vermitteln eine warmherzige, positive Lebensfreude, die sich auch an den kleinen, alltäglichen Dingen des Lebens entzündet. Ein erholsamer Gang durch den „Jardin de Luxembourg“ in Paris und Lauras, von ihrer zweiten Wahlheimat Paris inspirierte Eigenkomposition „Meme si tu dors“ gehen ebenso unter die Haut wie die Vokalise-Passagen und entspannten Scatsilben in „Still“ oder „S’goed Niet Goed“. Eingängiges Musical- oder Latin-Feeling, der durch den Einsatz einer Clavietta (William Lecomte) mit französischem Esprit angereichte Song „All we ever tried“, das als Hommage an ihren anwesenden Bruder gedachte „Little Stevie“ und besonders der bereits für das nächste Album vorgesehene, komplexe und vielversprechende Titel „Oh, I could write a book“ lassen einen gereiften Stil erkennen, der trotz seiner stilistischen Bandbreite keinen Gedanken an Eklektizismus aufkommen lässt.

Nach einem solchen Saisonauftakt dürfte es trotz renommierter Namen für die Bands der monatlich nachfolgenden Jazzkonzerte heuer nicht leicht werden. Der Weg aus der kulturellen Depression ist jedoch mit großem Schwung beschritten und die Hoffnung ist groß, dass der Silberstreif nicht in einem erneuten Lockdown versandet.

Text und Fotos: Helmut Schönecker