Kritik – Jazzclub Biberach e.V.

13.03.2026: Matti Klein Soul Trio

Das Matti Klein Soul Trio begeistert das Publikum im Biberacher Jazzkeller
Zu den eher seltenen Klangereignissen zählen „Jazz Organ Trios“, umso erfreulicher, dass binnen eines Jahres deren zwei auf der Bühne des Jazzclubs performten. Wunderten wir uns 2025 noch über Manfred Junkers Uralt-Hammond/Leslie-Kombination, so galt es diesmal als Pendant dem betagten Wurlitzer E-Piano aus den 60ern und einem Fender Rhodes Bass Jahrgang 1972 Gehör zu schenken. Und „höre da“, der besondere Reiz der alt-bekannten Klänge stellte sich schlagartig ein. Matti Klein und sein Soul Trio fesselten von der ersten Sekunde an und brachten reichhaltig Groove in den Jazzkeller. Neben dem Organisten Matti Klein brillieren Lars Dieterich mit Tenorsaxophon und Bassklarinette sowie André Seidel am Schlagzeug. Vorangestellt wurden einige Stücke aus ihrem gefeierten Album „Bouncing‘ in Bubbleverse“, einer gekonnten Mischung aus Soul-Jazz, Hip-Hop, Funk und mitunter sphärischen Klangwelten. Klein zeigte sich selbst erstaunt über die tolle Akustik des Jazzkellers, den Reiz des „unplugged“-Spielens, sind die drei doch zumeist in wesentlich größeren Konzerträumen zu hören, und das weltweit seit 2017.

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27.02.2026: Jakob Bänsch Quartett

Zuhören, Eintauchen, Untertauchen, Wohlfühlen

Jakob Bänsch Quartett eröffnet neue Horizonte

BIBERACH – Der mit dem Deutschen Jazzpreis 2024 ausgezeichnete Komponist und Jazztrompeter Jakob Bänsch aus Pforzheim eröffnete mit seinem Quartett beim Freitagskonzert des Jazzclubs neue Horizonte. Eigenkompositionen fast aller Bandmitglieder, ausgesuchte und für Jakob Bänsch und sein Quartett wohl auch stilprägende Standards von Wayne Shorter („Fall“) oder Fred Coots („For All We Know“) sowie von dem brasilianischen Gitarristen und Sänger Toninho Horta („Pedra da Lua“ svw. „Mondstein) spannten einen weiten stilistischen Bogen, der sich zum Konglomerat eines modernen Jazzstils mit persönlicher Note verdichtete und  der nicht nur gut zum Anhören war, sondern zum Ein- und Untertauchen, zum plastischen Erleben und zu kurzweiliger Unterhaltung einlud.

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06.02.2026: Vogelfrei-FM

Wildernd im Dschungel der Musikstile

VOGELFREI FM – Vier Sound- und Rhythmusfetischisten drehen auf

BIBERACH – Künstler, Publikum und Veranstalter konnten beim ausverkauften Freitagskonzert des Jazzclubs mit den Local Heroes von VOGELFREI FM überaus zufrieden sein. Große Begeisterung, ja Euphorie bei allen Beteiligten ließen das Konzert zu einem weiteren konzertanten Highlight im Jubiläumsjahr werden. FM steht für „Fresh Music“ und der Untertitel im Bandnamen wurde zum Programm. Die frische, unterhaltsame Musik ohne Berührungsängste zu anderen Genres und vor allem ohne erneuten Aufguss althergekommener Standards, wusste aus sich selbst heraus zu überzeugen.

Ein erlesenes Equipment, ein Faible für guten Sound und sichtlich Spaß am gemeinsamen Spiel vor vollem Haus und vor einem begeistert mitgehenden Publikum mit vielen Fans waren die Zutaten für ein Konzert, dem manche gerne noch länger gelauscht hätten. Lediglich auf den hinteren Rängen wurde zu Beginn der etwas basslastige Sound bemängelt, nach kurzer Rücksprache mit der Band konnte dies jedoch korrigiert werden. Verantwortlich für die stilistisch äußerst vielseitigen Kompositionen zeichnete der Bandleader, Sänger und Gitarrist Jochen Vogel, für das harmonische Fundament am Bass sorgte sein Bruder Alex Vogel.

Ungewöhnlich in der Quartett-Besetzung ist die Rhythmusabteilung, die mit Markus Merz und Cesar Gamero gleich zwei versierte Vertreter ihres Faches aufzubieten hat. Gut strukturiert, komplementär verzahnt und sensibel aufbereitet entfalteten beide ein vielschichtiges und dennoch plastisches Geflecht aus quirligen Rhythmus-Patterns, durchwirkt von den gelegentlich auch tonmalerisch eingesetzten, mannigfaltigen Klangfarben eines üppigen Instrumentariums aus der weiten Welt des Schlagwerks. Drumset, Becken, Mallet-Cat, Congas, Bongos, Timbales, Chimes, Schellenring, Triangel, Glocke, Woodblocks, elektronisches Drumpad und vieles mehr boten ein Kaleidoskop an schillernden Sounds. Samba, Bossa, Salsa, HipHop, Afro, NuJazz, Funk, Fusion, Blues, Flamenco und World Music steuerten jeweils charakteristische Stilelemente bei. Hierbei bewährte sich die professionelle Lehrtätigkeit der Musiker, die ihren Schülerinnen und Schülern schließlich eine breite Palette an stilübergreifenden Fertigkeiten beibringen müssen.

Die Erläuterungen von Jochen Vogel zu seinen Kompositionen stellten überaus willkommene Verständnishilfen dar und weisen ihn nicht nur als veritablen Komponisten, sondern auch als pädagogisch geschulten Musiker aus. Besonders anschaulich ob ihrer programmatischen Inhalte waren Stücke wie „Rabbit Samba“ oder „Mei Vogelhaus“ im Stil des NuJazz. „Ritter Falkenburg“, obwohl im Original nur eine mit dem Sohn gebaute Sandburg am Strand der Adria, konnte mit ihren Assoziationen an dumpfe Landsknechtstrommeln und heroisch-martialische Klänge dem tieferen Verständnis durchaus auf die Sprünge helfen. Die Ballade R.I.P. war hörbar inspiriert von einer renommierten Band, die Vogel im Biberacher Jazzkeller erstmals gehört hatte – TRIO ELF – mit dem begnadeten Pianisten Walter Lang, der leider vor wenigen Jahren überraschend und allzu früh verstorben ist. Der Titel „Hakuna Matata“ reflektierte Eindrücke aus einem Urlaub auf Sansibar. Den Zwiespalt zwischen dem bedrückenden Besuch des zum Museum erhobenen ehemaligen Sklavenmarktes und der Sorglosigkeit, die sich hinter dem Suaheli-Ausdruck verbirgt, konnte die dualistisch angelegte Komposition überraschend gut einfangen. Beim pentatonisch geprägten Refrain durften die Besucher nach kurzer Einführung sogar mitsingen. Von fast allen Stücken gibt es übrigens Noten und auf Youtube kann man diese auch nachhören. Nachspielen und Nachhören sind durchaus erlaubt und können das Verständnis weiter vertiefen.

Text und Fotos: Helmut Schönecker

18.01.2026: Hardt Stompers

Gelebte Jazztradition mit den Hardt Stompers zum Frühschoppen
Usambara-Veilchen vom Rio de la Plata erblühen im Biberacher Jazzkeller
BIBERACH – Launige Anmoderationen gehören zum Markenzeichen der schon seit über 40 Jahren existierenden ehemaligen Lehrerband des Reutlinger Bildungszentrums Nord im Gewann „Hardt“, den HARDT STOMPERS. Gestählt durch unzählige Konzerte, Festzelt- und Biergarten-Auftritte fanden die sechs gestandenen Mannsbilder aus dem ganzen Ländle mit ihrer überschäumenden Spielfreude und einer bewährten Stückauswahl unmittelbaren Zugang zu einem honorigen, meist silberhaarigen aber gleichwohl euphorischen Publikum im Jazzkeller. In der traditionellen Besetzung des New-Orleans-Jazz aus Klarinette, Trompete, Posaune, Banjo, Tuba und Schlagzeug erweckten sie, teils in ganz neuen Arrangements und mit frischen Improvisationen die Oldie-Schlager zu neuem Leben.
Humor und Spielwitz gingen Hand in Hand, besonders wenn die Klassiker aus der goldenen Ära deutscher Tanzorchester mit deutschen Texten oder Textübertragungen daherkamen. Der von Max Raabe wieder aufgefrischte jazzige Gassenhauer „Mein Hund beißt jede hübsche Frau ins Bein“ aus den 1930er Jahren wirkt offenkundig auch heute noch als augenzwinkernder Stimmungsgarant. Bestens eingestimmt durch die Moderation des Bandleaders waren freudiges Mitschnipsen und Fußwippen, fröhliche Mienen und langer Beifall selbstverständlich.
Der neu zur Band gestoßene Klarinettist Wolfgang Albrecht ließ durch nichts erkennen, dass er nächstes Jahr 80 Jahre alt wird. Weder weiße Haare noch eine tiefenentspannte Spielweise ließen auf sein Alter schließen. Ganz im Gegenteil. Wohl auch der Rolle der Klarinette im Oldtime Jazz geschuldet, spielte er nicht nur die meisten Töne in der kürzesten Zeit, sondern steuerte auch die virtuosesten Improvisationen zum Geschehen bei. In Sydney Bechets „Blues In The Air“ glänzte er als Solist mit einem besonders weichen, sonoren Klarinettenton und einer weitgespannten expressiven Melodik, die auch sein Spiel auf dem Sopransaxofon auszeichnete.
Die beiden Altmeister der Truppe, der ob seines kraftvollen, virilen Einsatzes oft schweißüberströmte Günter Friedhelm an Trompete, Gesang und Moderation sowie ein cooler Wolfgang Schenk an der Posaune mit seinem stark schwäbisch geprägten Gesang, gefielen mit charakteristischer Louis-Armstrong-Stimme, knackigem Trompetensound und obligatorischem Schweißtuch oder einem wundervollen Posaunensolo über „Kid Ory’s Creole Trombone“. Herausragend der von Schenk völlig authentisch gesungene, lachmuskelstrapazierende „Fernsehturm-Shuffle“ über das altgediente Stuttgarter Wahrzeichen.
Ebenfalls als Neuling und Youngster in der Formation überzeugte Benjamin Reiner an der Tuba und am reisetauglichen, elektrischen Kontrabass. Den flüssig groovenden Walking Bass hat er wohl seit frühester Jugend im Blut, der wohlklingende, satte Bass-Sound ist eher intensivem Ansatztraining und gutem Equipment zu verdanken. Kurt Schlaf an Banjo und Gitarre sowie Karel Vlach aus Prag am Schlagzeug sorgten neben gelegentlichen Soloeinlagen zuverlässig für den harmonischen und rhythmischen Unterbau. Die beiden heftig herbeigeklatschen Zugaben toppten jedoch alles Vorangegangene. Launige Übersetzungen von Fats Wallers „Honeysuckle Rose“ ins deutsche, lateinische und sogar in das, von Günter Friedhelm besonders stilecht intonierte, sächsische Sprachidiom als „Usambara-Veilchen vom Rio de la Plata“ sowie dessen frech-frivole Interpretation ließen die Wellen der Begeisterung nochmals hochschlagen. Abgerundet von Gershwins eingängigem Evergreen „Oh Lady Be Good“ nahm die unterhaltsame Matinee einen beseelten Ausgang. Der einzige Wermutstropfen: Die leckeren Weißwürste waren schon zum Ende der Pause ausgegangen.

Text & Fotos: Helmut Schönecker

17.01.2026: Tango Transit

Tango Transit – Nomen est Omen

Zweifelsohne steht der Begriff Tango zentral im Raum, wenn dieses außergewöhnliche Trio die Bühne betritt. Und wie zur Bestätigung zitieren Martin Wagner, Akkordeon, Hanns Höhn am Kontrabass und der Schlagzeuger Andreas Neubauer zum Konzertbeginn den Gottvater des Tango Nuevo – Astor Piazzolla – mit dessen bekanntestem Stück – Libertango. Doch schon beginnt der Transit, eine Reise durch musikalische Welten, vom modernen Walzer (Vienna April) über romantisches deutsches Liedgut (Zwischen Berg und tiefen, tiefen Tal) zu komplexen Eigenkompositionen (The Curtain, Akrobat, T-House …) und spaßigen Pop-Interpretationen (Money von Pink Floyd).

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22.12.2025: Rootbears | Weihnachts-Jazz

Weihnachtsjazz mit den ROOTBEARS #36 – Liebgewordener Kult in der Schützenkellerhalle
BIBERACH – Alle Jahre wieder treffen sich die Fans der Wurzelbären zwei Tage vor Weihnachten um einem kulturellen Ereignis von erregender Einmaligkeit beizuwohnen. Fest verwurzelt in der Erde der Jazz- und Soultradition gaben sich die fünf ROOTBEARS bereits zum 36. Mal die Ehre und scheuten keine Mühen, ihre Fangemeinde stilvoll auf Weihnachten einzustimmen. Bereits eineinhalb Tage nach dem Vorverkaufsstart im November ausverkauft, sinnen Jazzclub und Band auf bessere Lösungen im kommenden Jahr. In gewohnter Weise aber mit neuen Inhalten lieferten die Biberacher Urgesteine, launig moderiert von Rüdiger Przybilla, in entspannter Atmosphäre ein abwechslungsreiches Programm mit hohem Unterhaltungswert. Im Duo, im Trio, im Quartett oder mit allen Fünfen, gesungen, gerappt, gespielt, gewitzelt, parodiert und karikiert, mal mehr Jazz, mal mehr Soul, mehr Latin, mehr Funk oder mehr Choral, mit wechselndem Instrumentarium, gutem Sound und bester Stimmung war Kurzweil Küchenmeister. Flapsige Beiläufigkeit und emotionale Tiefe sind für die illustre Truppe kein Widerspruch, ansprechende Improvisationen selbstverständlich.

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