Kritik – Jazzclub Biberach e.V.

22.12.2025: Rootbears | Weihnachts-Jazz

Weihnachtsjazz mit den ROOTBEARS #36 – Liebgewordener Kult in der Schützenkellerhalle
BIBERACH – Alle Jahre wieder treffen sich die Fans der Wurzelbären zwei Tage vor Weihnachten um einem kulturellen Ereignis von erregender Einmaligkeit beizuwohnen. Fest verwurzelt in der Erde der Jazz- und Soultradition gaben sich die fünf ROOTBEARS bereits zum 36. Mal die Ehre und scheuten keine Mühen, ihre Fangemeinde stilvoll auf Weihnachten einzustimmen. Bereits eineinhalb Tage nach dem Vorverkaufsstart im November ausverkauft, sinnen Jazzclub und Band auf bessere Lösungen im kommenden Jahr. In gewohnter Weise aber mit neuen Inhalten lieferten die Biberacher Urgesteine, launig moderiert von Rüdiger Przybilla, in entspannter Atmosphäre ein abwechslungsreiches Programm mit hohem Unterhaltungswert. Im Duo, im Trio, im Quartett oder mit allen Fünfen, gesungen, gerappt, gespielt, gewitzelt, parodiert und karikiert, mal mehr Jazz, mal mehr Soul, mehr Latin, mehr Funk oder mehr Choral, mit wechselndem Instrumentarium, gutem Sound und bester Stimmung war Kurzweil Küchenmeister. Flapsige Beiläufigkeit und emotionale Tiefe sind für die illustre Truppe kein Widerspruch, ansprechende Improvisationen selbstverständlich.

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12.12.2025: Clara Vetter [synaesthesia]^4

Seltenes Phänomen der „Synästhesie“, übersetzt für Unbegabte

Clara Vetter – Trio verbindet visuelle und auditive Reize, Kunstverein und Jazzclub

BIBERACH – Stimmungsvoll und dennoch so gar nicht weihnachtlich empfing der Jazzkeller bei einem ganz besonderen Freitagskonzert seine Gäste. Ein so ungewöhnliches Trio aus Klavier, künstlerischer Videoprojektion mit gleich drei Beamern, einigen Punktstrahlern sowie einem Lautsprecher-Set, über welches der kurzfristig erkrankte Gitarrist Alexander Rueß per Videokonferenz aus dem knapp 700km entfernten Berlin zugeschaltet war, hatte es im Jazzkeller noch nie gegeben. Eine Kooperation mit dem Kunstverein ebenso wenig.

Ein Projekt in dem mit Synästhesie begabte Musiker und bildende Künstler in einer interaktiven Performance ihre Impressionen mit dem Publikum teilten und gelegentlich auch erläuterten ist ebenfalls nur sehr selten zu finden. Der experimentelle Charakter der Unternehmung lockte zwar nicht ganz so viele Besucher wie sonst in den Jazzkeller und die Anwesenden sahen sich dann auch tatsächlich vor eine nicht ganz einfache Herausforderung gestellt. Galt es doch, nicht nur entspannt zurückgelehnt, der Musik zu lauschen, sondern darüber hinaus noch aktiv die Verbindung zur Kunstinstallation von Micha Otto mit raumfüllenden Videoprojektionen herzustellen und einen verborgenen Sinn zu entdecken: die Synästhesie.

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06.12.2025: Katrin Weber Sextett

Katrin Weber Sextett bei den Jazzbibern – Jazzlady mit lyrischem Tiefgang

Von Vorstandsmitglied Günter Friedemann als „Triebtäter“ angekündigt, erwies sich das aktuelle Projekt „Trieb“ des paritätisch aus drei Ladies und drei Gentlemen besetzten Wiener Sextetts von Katrin Weber im Jazzkeller durchaus als triebgesteuert. Sie zelebrierte ihre Lieblingslieder und Eigenkompositionen konsequent auf Deutsch. Der Sound war gut abgemischt, der Text sehr gut verständlich und das war auch gut so. Hatten die Texte doch durchaus Tiefsinniges auszusagen. Webers Kompositionsstil oszilliert zwischen Jazz, Chanson, Klassik und brasilianischer Musik. Ihre Erfahrungen in der Kabarettszene kamen dabei sowohl den Songtexten, als auch ihrer überaus eindringlichen Interpretation der Stücke voll starker Affekte und positiver Energie entgegen, sie wirkten absolut authentisch und erreichten bei ihren Zuhörern auch tiefere Schichten.

Die geballte Frauenkraft kam neben Katrin Weber (Vocals) von Ilse Riedler (Tenor- und Sopran-Saxofon, Bassklarinette) und Stephanie Weninger (Klavier), die treibenden Grooves steuerten David Dolliner (Kontrabass) und vor allem der brasilianische Schlagzeuger Luis Oliveira bei. Gerd Rahstorfer an Trompete und Flügelhorn überzeugte durch stimmungsvolle Kantilenen, inspirierende Improvisationen und perfektes Satzspiel zusammen mit Ilse Riedler, die wie auch alle anderen teils atemberaubende Improvisationen beisteuerte.

Der Schwerpunkt des Programms lag auf Vertonungen von Gedichten, wobei Webers Stimme zwar immer präsent war, keinesfalls aber das musikalische Geschehen dominierte. Else Lasker-Schüler und Dorothy Parker gehören zu ihren erklärten Favoriten. So nahm Parkers Text im „Lied von vollkommener Schicklichkeit“ plastische Form an. Nach einer Unisono-Einleitung aus Scat-Vokalise, Sopran-Sax und Trompete über einem treibenden Groove ging Weber sozusagen „als Pirat auf Kaperfahrt“. Sie enterte in kabarettistischer Überdeutlichkeit Brecht/Weill-Songs etwa im Stil der „Dreigroschenoper“ aber auch die chansonhafte Manier einer Marlene Dietrich, Zarah Leander oder Margot Werner. Anders als die ikonischen Vorbilder hat sie jedoch auch den Jazz im Blut, scattet munter in der Reihe der Improvisatoren mit, zetert pittoresk mit der unbeliebten Obrigkeit und komponiert selbst. Selbst um das Jahreszeitübliche machte sie keinen Bogen. Als Zugabe erklang das österreichische Weihnachtslied „Es wird scho glei dumpa“ in wundervoll jazzigem Gewand.

Text: Helmut Schönecker

Fotos Galerie 1: Helmut Schönecker

Fotos Galerie 2: Wolfgang Volz

21.11.2025: Stefanie Boltz Duo

Stefanie Boltz Duo stimmt auf den Winter ein

„Midwinter Tales“ wärmen Jazzfans auch ohne Kamin

BIBERACH – Zusammengeschweißt auf einer Bergwanderung zur Alpspitze und während einiger schweißtreibender aber inspirierender Studiotage mit Sven Faller bei GLM Music, fand das Duo aus Stefanie Boltz und Martin Kursawe auch in der auf das Wesentliche reduzierten Besetzung genau den richtigen Ton und emotionalen Zugang zu ihrem aufmerksamen Publikum im Jazzkeller. Während draußen die ersten Flocken fielen und auf die kälteren Aspekte des Winters einstimmten, gelang es den beiden, unterstützt durch das Team vom Jazzclub, mühelos eine heimelige Stimmung zu erzeugen. Gedämpfte Beleuchtung, Kerzenschein, kuschelige Wärme und dazu eine herzerwärmende Musik ohne unnötiges Drumherum boten die richtige Einstimmung auf die kommende Adventszeit. Selbst audiophile Weihnachtsgeschenke mit Autogramm gab es an der Kasse zu erwerben, lediglich der Glühwein fehlte.

Nach dem Ausfall des Kontrabassisten war das Trio um die Münchner Sängerin zum Duo geschrumpft. Der Professionalität der Akteure war es jedoch zu verdanken, dass dabei nicht auch die künstlerische Intensität und die Ausdrucksmöglichkeiten litten. Ganz im Gegenteil. Gerade weil das grundierende Bass-Fundament fehlte, rückte die Interaktion zwischen Gitarre und Stimme in den Vordergrund. Auf höchstem Niveau und hochkonzentriert entfaltete sich eine ganz eigene Klangwelt, die atmosphärische Dichte und klangliche Transparenz überzeugend zu verbinden wusste. Selten konnte man so bekannte Ohrwürmer wie „White Christmas“ oder „The Sound Of Silence“ in so entschlackter Form und auf das Wesentliche verdichtet hören. Nur die allernotwendigsten Pinselstriche skizzierten das Original, welches als Reminiszenz fast nur in der Vorstellung der Zuhörer, gewissermaßen im Hintergrund mitlief. Nichts könnte weiter entfernt sein von den verkitschten klanglichen Weihnachtskulissen, die zurzeit jeden Einkauf umwabern, als die sorgsam gesetzten und vor allem sorgfältig vermiedenen Töne der Vorlage. So muss anspruchsvolle Unterhaltung sich anhören. Und erst im aktiven Nachvollzug des improvisatorischen Geschehens gibt sich wahre Kunst und guter Jazz zu erkennen. Was dem Bildbetrachter die Kontemplation, ist dem Zuhörer die Konzentration.

Noch etwas höhere Ansprüche an die Zuhörer stellten die Eigenkompositionen. „Midwinter“ von Martin Kursawe oder „Im Schnee verbrennen“ von Stefanie Boltz forderten die eigene Fantasie heraus. Gelegentlich verhalfen die Erläuterungen von Boltz zu einem tieferen Verständnis. Etwa im Stück „Narkose“, dessen Titel allein nicht unbedingt auf den Inhalt schließen ließ. Der kurze Hinweis auf den langen Winterschlaf einiger Säugetiere, die sich tiefenentspannt um den Winter herumdrücken, erwies sich jedoch als durchaus hilfreich. Auch wenn manche Zeitgenossen „die Augen vor etwas verschließen“ oder das Unangenehme gleich ganz verdrängen, hört es dadurch nicht einfach auf zu existieren. Und auch wenn Musik gelegentlich zur Realitätsflucht einlädt, kann sie nach dem Wiedereintritt in die Realität, nach dem Erwachen aus dem Winterschlaf, als eine Art „Reset“ funktionieren und zu einem unbelasteten Neustart führen.

Ein eingeschobener Gedichtvortrag „Die Luft riecht schon nach Schnee“ von Luise Kirsch und ein rezitierter Text aus dem Buch „Stille: Ein Wegweiser“ von Erling Kagge macht deutlich, mit welcher Intention und Intensität sich Stefanie Boltz künstlerisch mit ihrer Umwelt und ihren Mitmenschen auseinandersetzt. Stille ist nicht nur Grundlage der Musik, sondern die Ermutigung, sich Inseln im rasenden Stillstand des Alltags zu schaffen. So sollte vielleicht auch ihr Hinweis an Jazzclub und Publikum verstanden werden, mit dem ambitionierten Livemusikprogramm und dem zahlreichen Besuch desselben weiterzumachen.

Die Aufnahme von Tom Waits „Christmas Card From A Hooker In Minneapolis“ (ein Titel aus dessen rauer Zeit, in der er sich das Image eines „melancholischen Trunkenbolds“ gab) in das Programm zeigt, ebenso wie Duke Ellingtons „I Ain’t Got Nothing But The Blues“, dass Boltz bei aller intellektuellen Tiefe die Bodenständigkeit, die authentische Erdschwere des Blues und das wirkliche Leben nicht aus dem Auge verloren hat. Zwei Zugaben, der blueslastige Titel „Meine weißen Tasten“ aus ihrer eigenen Feder und ein „Christmas Song“ rundeten das Programm ab und nahmen dem Winter seinen Schrecken.

Text und Fotos: Helmut Schönecker

08.11.2025: WaWa’Swing

Kooperation des Vereins Städte Partner Biberach und dem Jazzclub Biberach als WinWin-Situation par excellence

WaWa’Swing aus Valence bringen „Good Vibes“ mit Tiefgang ins Publikum

BIBERACH – Die charismatischen Damen von „WaWa’Swing“ aus der Biberacher Partnerstadt Valence brachten mit ihrem jugendlichen Elan, augenzwinkerndem Charme und französischem Esprit das illustre Publikum im erneut ausverkauften Jazzkeller mühelos in Schwung. Die überwiegend französischsprachigen Titel, für die besondere Quartett-Besetzung eigens arrangiert von deren künstlerischer Leiterin Rosemay Dauvin, wurden von den vier Jazz Ladies in drolligem Englisch anmoderiert. Die im Rahmen der französischen Wochen in einer Kooperation zwischen dem Verein „Städte Partner Biberach“ und dem Jazzclub durchgeführte Veranstaltung war erneut, wie schon die beiden vorherigen mit „Joharpa“ und „Laura“, ein voller Erfolg: künstlerisch, völkerverbindend und kulturübergreifend.

Das lockere Swing-Feeling, bekannt aus der Swing- und Bigband-Ära der 1930er und 1940er Jahre, wurzelte, wie bereits beim legendären Glenn Miller Orchestra oder den Andrews Sisters, in einem äußerst präzisen, minutiös und akribisch einstudiertem „Timing“, sauberem Satzspiel oder Satzgesang und höchster Disziplin. Was Füße und Beine mitwippen lässt und zum Tanzen animiert, Stimmung, Puls und Blutdruck steigen lässt und dabei dennoch leger wirkt, ist Ergebnis konzentrierter Probenarbeit. Das daraus resultierende Ergebnis zelebrierten die vier versierten Damen, neben der Bandleaderin noch Annabelle Bayet, Anaïs Nyamé-Siliki und Anne-Colombe Martin, die auch den Kontrabass zupfte, in überaus überzeugender Form. Obwohl jede Sängerin auch gleichzeitig ein oder gar mehrere Instrumente, Regenrohr, Drumpads, Claves, Kochlöffel oder Bratpfannen bediente, was für den eigens angeforderten Tontechniker durchaus eine Herausforderung darstellte, tat dies der strukturellen Vielschichtigkeit und Dichte keinerlei Abbruch. Gleichermaßen homogen und transparent ließ der Sound kaum etwas zu wünschen übrig, die Intonation der Sängerinnen war, auch dank gutem Monitoring, ausgezeichnet, die Sprachverständlichkeit, für die des Französischen kundigen Zuhörer, durchaus gegeben und akzeptabel.

Die Stückauswahl, überwiegend traditionelle französische Chansons oder Songklassiker, etwa von Jane Birkin (La Gadoue) oder Serge Gainsbourg (La javanaise) – nein, nicht das berüchtigte und etwas anzügliche „Je t’aime“ aus der Hippie-Ära – bildete einen energiegeladenen, spritzigen Querschnitt mit hohem Unterhaltungswert. Jazztypische Improvisationen spielten zwar keine Rolle, das Swing- und Soul-Feeling, Spontanität und Interaktion mit dem Publikum, vor allem aber der hör- und sichtbare Spaßfaktor und die positive Energie des Quartetts konnten jedoch rundum überzeugen und begeistern. Der Sommerhit der Gruppe Niagara „L’amour à la plage“ von 1986 oder der explizit auch nochmal als Zugabe gewünschte Sommerhit des Jahres 1984 „Marcia Baëla“ des Duos „Les Rita Mitsouko“, verkörpern idealtypisch das französische Lebensgefühl, im Neuarrangement von Rosemay Dauvin in nochmals verstärkter Form.

Besonders der inhaltlich eher tiefgründige Song von „Marcia Baëla“ verbindet die scheinbaren Gegensätze zwischen traurigem Textinhalt und dem lebhaften, in die Beine gehenden Mambo-Rhythmus des Refrains. Schlagerhafte Popmusik und flache Texte müssen also nicht zwangsläufig Hand in Hand gehen. Die Analogie zu der Praxis des New-Orleans-Jazz, mit langsamer, feierlicher Musik zur Beerdigung zu schreiten und mit lebhafter, dem Leben zugewandter Musik zurück ins Leben zu tanzen, ist in „Marcia Baëla“ offenkundig. Aber auch Parallelen zum barocken Lebensgefühl des „carpe diem“ („Nutze den Tag“ oder „Genieße den Augenblick“) angesichts des Elends langer Kriege, scheinen in der Kultur unseres Nachbarlandes deutlich präsenter als hierzulande geblieben zu sein. Diese positive Grundeinstellung zum Leben könnte durchaus zu einem wirksamen Mittel gegen eine besonders auch in Deutschland oftmals übertriebene Ernsthaftigkeit, einer weit verbreiteten Larmoyanz oder endlosen Grübeleien über eigentlich unwesentliche Dinge oder einfach nur gegen den Herbstblues werden.

Die Reaktionen aus dem Publikum schienen dieser französischen Wesensart und Lebensfreude gegenüber jedenfalls durchaus aufgeschlossen und so trägt die Partnerschaft mit Valence wohl auch in Biberach reiche kulturelle Früchte. In vergorener Form als „Côte du Rhône“ dürften diese an deutschen Gaumen, ebenso wie die Musik von „WaWa’Swing“ in den Gehörgängen, für frische, fruchtige Aromen mit langem Abgang gesorgt haben.

Text und Fotos: Helmut Schönecker

07.11.2025: Lothar Kraft Quartett feat. Sandy Patton

Resolute Jazzlady und „Grande Dame“ des Vocal Jazz mischt Lothar-Kraft-Quartett auf

Sandy Patton begeistert ihr Publikum und dominiert ihre Sidemen

BIBERACH – Als Betreiber eines privaten Konzertstudios in Kißlegg nutzt der versierte Jazzpianist Lothar Kraft seine Beziehungen in die Szene, um immer mal wieder internationale Stars in die Region zu lotsen. Dieses Jahr gelang es ihm, die 77jährige „Grande Dame“ des Jazzgesangs aus Michigan, die fast 20 Jahre bis 2013 als Gesangsprofessorin an der renommierten Hochschule der Künste in Bern tätig war, zu den Schwaben zu locken. Und sie zeigte denn zu ihrem Tourneeauftakt im ausverkauften Jazzkeller dem eigens für sie zusammengestellten und durchaus hochkarätigen Quartett „wo der Barthel den Most holt“.

Anfangs schienen besonders die beiden „Sandys“, die Jazz Lady Sandy Patton und der renommierte Alexander „Sandi“ Kuhn am Saxofon, eher auf Kriegsfuß zu stehen. Tickte dieser, wie auch gelegentlich ihre anderen Männer, doch nicht sofort im exakten Gleichklang mit ihren künstlerischen Ambitionen. Was aber auch kein Wunder war. Spielte doch die Formation auf der Bühne erstmals in dieser Besetzung zusammen – und das ohne vorherige Probe, abgesehen von einigen fernmündlichen Absprachen und beim nachmittäglichen Soundcheck.

Genau diese Spontanität funktioniert jedoch im Jazz wie kaum in einem anderen Genre besonders gut und ist gewissermaßen eine Kernkompetenz aller Jazzmusikerinnen und -musiker seit den Anfängen des Genres vor über 100 Jahren. Die Themen der gewählten Vorlagen, meist bekannte Standards aus dem American Songbook, sind, wie auch die Form- und Harmonieschemata, unter Jazzern allseits bekannt. Routinierten Jazzhörern in der Regel ebenso. Der eigentliche Reiz liegt aber genau darin, diese Vorlagen möglichst kreativ zu umschiffen, zu variieren, zu verfremden. Die Königsdisziplin ist es, die vorgegebene Struktur nicht nur aus dem Stehgreif neu zu gestalten, sondern kreativ mit neuem Inhalt zu füllen und zu neuen, durchaus zeitgemäßen Aussagen zu füllen. Und hier war es geradezu ein Genuss, den schöpferischen Prozess auf der Bühne in wechselseitiger Interaktion „live“ und gewissermaßen hautnah mitzuverfolgen.

Ist es für die eher in der Begleitung tätigen Mitspieler, der „mit allen Wassern gewaschene“ Stuttgarter Tausendsassa und Jazzprofessor Mini Schulz am Kontrabass und der alte Routinier Lothar Kraft am Kawaiflügel noch ein relativ einfaches Unterfangen, musste sich der ebenfalls an der Stuttgarter Musikhochschule unterrichtende und vielfach preisgekrönte Saxofonist und Komponist Sandi Kuhn in der Melodiefraktion mit Sandy Patton einigen, die gemeinsame Wellenlänge finden. Und wer hier das künstlerische Sagen und vor allem das letzte Wort hatte, blieb dem aufmerksamen Zuhörer nicht verborgen. Nachdem die resolute Lady ihre Männer weich genug geklopft hatte, funktionierte dieses Neben- und Miteinander immer besser und es gelangen witzige Dialogimprovisationen ebenso wie dezente Nebenmelodien, die über Schematismus weit hinausgingen. Wo sich Sandy Patton, neben der Vorstellung der Themen, etwa mit Scat-Improvisationen ins melodische Geschehen einmischte, wusste Sandi Kuhn die Diva mit dezenten Nebenmelodien zu umschmeicheln. Dem gefragten, in Konstanz lebenden Jazz-Schlagzeuger Patrick Manzecchi schien die Lady von Anfang an verbunden und so war nach kleineren Anfangsschwierigkeiten zum Tourneeauftakt schließlich alles eitel Freude, deutlich auch am Mienenspiel aller Beteiligten und üppigen Beifallsstürmen abzulesen.

Das Publikum war von so bekannten Standards wie „Anthropology“ von Charlie Parker in der traditionellen 32taktigen ABBA-Form oder George Gershwins im selben Muster gestrickten Song „Lady, be Good“ hell begeistert und verlangte nachdrücklich nach Zugaben die mit dem von Michael Bublé bekannt gemachten Mambo „Sway“ und, nach besonders langanhaltendem Beifall, einer kurzen Atempause und ohne die mittlerweile zu eng gewordenen Schuhe, mit dem vielfach gecoverten R’n’B-Megahit „Route 66“ von Bobby Troup auch gewährt wurde.

Text und Fotos: Helmut Schönecker