Kritik – Jazzclub Biberach e.V.

02.02.2024: Hübner-Kraus-Hübner Trio

Jazzkonzert zu Ehren von Richie Beirachs 75. Geburtstag

Musikalisches Testament mit Freunden

BIBERACH – Gleich zur Eröffnung des eigentlich zusammen mit dem amerikanischen Weltklasse-Pianisten Richie Beirach geplanten Konzertes gewährte das ungewöhnliche Trio aus Joo Kraus und den Brüdern Gregor und Veit Hübner einen unverstellten Blick in den „Werkzeugkasten“ eines Jazzmusikers. Im nahezu ausverkauften Jazzkeller sprühten die drei befreundeten Musiker, die in dieser speziellen Konstellation im Jazzkeller eine Uraufführung hinlegten, geradezu vor Energie. Galt es doch den erkrankten Richie Beirach, mit dem die Hübners (Violine und Kontrabass) zu dessen 75. Geburtstag eine Tripel-CD mit dem Titel „Testaments“ produziert hatten, hochkarätig zu ersetzen.

Die Suche nach einem kurzfristig verfügbaren Pianisten aus der selben Liga blieb leider vergeblich, der befreundete Trompeter Joo Kraus aus Ulm hatte jedoch zufällig Zeit und Lust in dieser so ungewöhnlichen Konstellation aufzutreten, er hatte den Mut oder die Chuzpe auch auf für ihn neuen, ungewohnten Pfaden zu wandeln. Galt es doch, Kompositionen, die ursprünglich für Violine, Klavier und Kontrabass konzipiert waren ohne Anlauf in neuer Besetzung umzusetzen. Unvermittelt konnten die erstaunten Besucher jetzt erleben, dass der renommierte Jazzgeiger Gregor Hübner seine Violine auf dem Flügel parkte und als veritabler Pianist und ehemaliger Klavierschüler von Richie Beirach selbst in die Tasten griff. Die Melodie übernahm dann etwa Joo Kraus an der Trompete, wenn er diese nicht gerade durch diverse Perkussionsinstrumente, Congas, Beatboxing oder wie seine beiden Mitstreiter mit einer ganzen Batterie virtuos gehandhabter elektronischer Helferlein via Fußpedal oder auch durch einen Wechsel an den Flügel ersetzte. Damit brachte er nicht nur spielerische Abwechslung ins Geschehen, er machte so auch ein manches Mal den Weg für Gregor Hübner frei, der dann auf der Violine zeigen konnte, wo seine wahre Leidenschaft liegt. Mit Hilfe der versiert eingesetzten Elektronik entstand immer wieder der Eindruck, es stünde ein ungleich größeres Ensemble auf der Bühne.

Eine der unzähligen Definitionen des Jazz bezieht sich auf die Freiheit, alles wegzulassen, was einem nicht passt (oder das, was eben gerade nicht geht). Ebendies konnte gleich zu Beginn des Konzertes beim Blick in den „Werkzeugkasten des Jazzmusikers“ in Echtzeit beobachtet werden. Die konstruktive Dekonstruktion des bekannten Jazzstandards „Equinox“ von John Coltrane und das kreative und gleichermaßen virtuose Spiel mit dessen Einzelteilen glich der Aufwärmphase eines Profisportlers vor dem großen Einsatz. Als eine der wenigen Fremdkompositionen des Abends gab sie den frühen Hinweis auf ein überaus spannendes, abwechslungsreiches künstlerisches Techtelmechtel zwischen den Musikern. Es folgten in ästhetisierter Form politische Kommentare in „Angry Times“, ein faszinierendes Kontrabass-Solo über ein persönliches Erlebnis von Veit Hübner oder eine ergreifende Elegie auf die kürzlich verstorbene „Heike“. Der musikalische Herzschlag Afrikas in „African Heartbeat“ pulsierte neben quirligen „Impressionen aus Brooklyn“. Indische und lateinamerikanische Einflüsse, Anklänge an die klassische Moderne sowie zahlreiche spontane Ingredienzien kombiniert mit einer gehörigen Portion Spielfreude und Spielwitz kennzeichneten ein reichhaltiges und hochkarätiges Programm, gewissermaßen in historischer Einmaligkeit. Gegen Ende des offiziellen Teiles widmete das spontan gebildete Trio mit dem von ihm komponierten „Sunday Song“ und „Cape of good Hope“ auch noch explizit eine Hommage an den erkrankten Richie Beirach.

Gregor Hübners Kompositionen, oft ursprünglich für sein eigenes Streichquartett komponiert, nahmen in dieser Besetzung ganz neue Gestalt an, kamen frisch und ungeniert im neuen Gewand daher. Veit Hübners Kompositionen, besonders ein ausgedehntes Solo nach der Pause oder sein „Lied für Heike“ gingen in ihrer Intensität unter die Haut. Bei dem experimentell angehauchten musikalischen Abenteuer der befreundeten Musiker kam ein in jeglicher Hinsicht originelles und unvergleichliches Programm heraus. Die Funken sprühten, das Publikum jubelte, die Musiker hatten sichtlich Spaß, eine Zugabe jagte die nächste. Und nach dem Konzert gingen sogar die mitgebrachten Tripel-CDs zur Neige. Einmal mehr erwies sich, dass menschliche Nähe und gegenseitiges Vertrauen gerade bei einer in großen Teilen improvisierten Musik wie dem Jazz Grundvoraussetzung für inspirierte und wahrhaftige Kunst sind. Wohl dem, der das erleben durfte.

Text und Fotos: Helmut Schönecker

19.01.2024: Rebecca Trescher Quartett

Musikalische Grenzgänger zwischen Jazz und moderner Kammermusik

Rebecca Trescher Quartett wandelt abseits ausgetretener Pfade

BIBERACH – „Sometimes It’s Good to Walk Alone“ lautet eine der beim Freitagskonzert im Jazzkeller vorgestellten Kompositionen der in Tübingen geborenen Klarinettistin Rebecca Trescher. Unbeirrt und notfalls eben alleine geht diese denn auch souverän ihren eigenen künstlerischen Weg durch die „Silent Landscapes“, so der Titel ihrer neuesten CD, den sie in ihrem gut besuchten Konzert bei den Jazzbibern als „stilles Ländle“ übersetzte. Ausgezeichnet mit dem Deutschen Jazzpreis 2022 für die „Komposition des Jahres“, seit 2022 im weltgrößten US-amerikanischen Jazzmagazin „Downbeat“ als „Rising Star“ gelistet und ebenfalls im Jahr 2022 als Gewinnerin des „Neuen Deutschen Jazzpreises“ überzeugt die an der Hochschule für Musik in Nürnberg zunächst klassisch als Musikpädagogin und danach in einem Masterstudium zur Jazzkomponistin ausgebildete Künstlerin auch international mit ihrem ganz eigenen Weg zur Musik.

Hochdifferenzierte, minutiös ausgearbeitete Kompositionen in kammermusikalischem Zuschnitt, durchsetzt mit spontanen Improvisationen bei deren immer wieder neuen Interpretationen in jazztypischer Interaktion mit dem, durch den hohen Anspruch zum aktiven Zuhören durchaus geforderten Publikum kennzeichnen das avantgardistische Œuvre von Rebecca Trescher. Hilfreich für ein tieferes Verständnis erweisen sich dabei so blumige Titel wie „Seeking Spider“. Die spinnenfüßige Leichtigkeit des flüchtigen Tierchens, im einleitenden Klavierpart spritzig und federnd in glasklar perlenden Tonkaskaden dargestellt von Andreas Feith, wird jäh unterbrochen und konterkariert durch krachend klatschende Geräuschklänge von Jan Brill am Schlagzeug (Biberacher Jazzpreis für beste Komposition 2014 mit dem Kölner Trio „Turn“), die sich im Verbund mit dem agilen Kontrabassspiel von Lukas Keller zu einem munteren Groove einer am Ende für die Spinne zum Glück vergeblichen Jagd des Kammerjägers entwickeln. Eine samtig weiche Klarinettenmelodie kontrastiert das hektische Geschehen, weckt Sympathie für das Krabbeltier und leitet zu einem spritzigen Unisono aller Beteiligten über, welches sich im weiteren Verlauf in einer freien, tonmalerischen Passage beruhigt, bevor die Jagd erneut weitergeht.

Aus seinem eigenen Debütalbum „Surviving Flower“ aus dem Jahr 2020 erklang neben Rebecca Treschers Stücken die gleichnamige Komposition des heute in Nürnberg als freischaffender Künstler lebenden Pianisten und Komponisten Andreas Feith. Der Steinway-Jazzpiano-Solowettbewerb-Preisträger erhielt 2017 unter anderem auch den bayrischen Kunstförderpreis und war 2020 Finalist des Neuen Deutschen Jazzpreises. Mit der zutiefst depressiven Niedergeschlagenheit einer im finsteren Armageddon erloschenen Welt empfing das Stück seine sichtlich berührten Hörer bevor sich in Form der aus der Asche des Niedergangs hervorbrechenden, überlebenden Blume neue Hoffnung regte und sich im emotional tief beeindruckten Publikum befreites Aufatmen einstellte. Am Ende gab es enthusiastischen Beifall, gerne gewährte Zugaben und CDs zuhauf.

Text und Fotos: Dr. Helmut Schönecker, Jazzclub Biberach

12.01.2024: Tuija Komi Quartett

Magische Momente mit Tuija Komi im Jazzkeller

Finnische Jazzdiva liefert charismatische Performance

BIBERACH – Nach dem heimatbezogenen Programm des Vorjahres öffnete sich bereits zum Auftakt der neuen Konzertsaison das Musikangebot des rührigen Biberacher Jazzclubs und damit auch die Wahrnehmung der heimischen Jazzfans wieder der ganzen stilistischen und internationalen Bandbreite des Jazz. Ausgestattet mit einer außergewöhnlich wandelbaren, gleichwohl sympathischen und unaufdringlich eindrucksvollen Singstimme vermag es die in München lebende Tuija Komi, die Stimmungen ihrer nordischen Heimat exemplarisch einzufangen und ihnen plastische Gestalt zu verleihen. Die finnischen, schwedischen oder auch englischen Texte verschmelzen organisch mit ihrer feinsinnigen Interpretation und der subtilen Begleitung ihres neuen Quartetts zu einer künstlerischen Einheit ungewöhnlicher Ausdruckstiefe die rundum überzeugen kann. Ihre originellen, überwiegend auf Deutsch gehaltenen Moderationen überbrücken mühelos die Distanz zum Publikum, die gemütliche Wohnzimmer-Atmosphäre und die räumliche Nähe im Jazzkeller tun ein Übriges zum allgemeinen Wohlbefinden.

Die solistisch vorgetragene Hommage an ihre alte, derzeit gerade ziemlich unterkühlte, nordische Heimat in „Land of the midnight sun“ vermochte es, den weiten nordischen Himmel, die im Frost erstarrte Landschaft und das Zwielicht der Polarnacht eindrucksvoll einzufangen. Ebenso wie das direkt vor der Pause erklingende, zauberhafte „The Music is the magic“ von Abbey Lincoln oder die farbig schillernden „Polarlichter“ vermochte es die, zusammen mit dem legendären, erst vergangenes Jahr verstorbenen Jazztrompeter Dusko Goykovich komponierte balkanische „Samba tzigane“ in besonderem Maße die Herzen und Augen der enthusiastischen Zuhörer zu öffnen. Fast noch mehr unter die Haut ging die frenetisch herbei geklatschte zweite Zugabe über „Tanzende Rentiere“ mit ihren frei improvisierten Anteilen im Stile des „World-Jazz“. Nur selten dürfte solch eine innige Liaison von Power und Sentiment zu finden sein wie in diesem nordischen Energiebündel.

Es war schwer, sich vorzustellen, dass irgend jemand Tuija Komis langjährigen, kongenialen und 2021 viel zu früh verstorbenen Pianisten Walter Lang vollwertig ersetzen könnte. Mit Stephan Weiser ist es ihr jedoch gelungen, einen äußerst feinfühligen Begleiter zu finden, der trotz seiner unzweifelhaft vorhandenen Virtuosität, diese nicht eigennützig in den Vordergrund stellt. Die neueren Stücke tragen in Zuschnitt und Harmonisierung überdies auch seine charakteristische Handschrift. Für Konstanz und Zusammenhalt sorgten in bewährter Weise Henning Sieverts am Kontrabass und Martin Kolb am Schlagzeug.

Text und Fotos: Dr. Helmut Schönecker

01.12.2023: Rolf Richie Golz

Ausverkauftes Finale der Heimattage-Konzertreihe im Jazzkeller

Rolf Richie Golz fasziniert und begeistert mit seinen „Bildern für Piano Solo“

BIBERACH – Eine lebhafte Fantasie, starke Empathie, eine außergewöhnliche Beobachtungs- und Auffassungsgabe gegenüber äußeren Eindrücken sowie die künstlerischen Mittel zur deren Umsetzung kennzeichnen den Biberacher Komponisten und Jazzpianisten Rolf Richie Golz. In der Region und weit darüber hinaus beileibe kein Unbekannter und wohl auch dank einer großen Schar begeisterter Klavierschülerinnen und – schüler, war bereits sein Trio-Konzert im Januar, zur Eröffnung der Konzertreihe anlässlich der baden-württembergischen Heimattage in Biberach, vorzeitig ausverkauft. Und auch zum Abschlusskonzert dieser Konzertreihe des Jazzclubs reichten die Plätze im Jazzkeller nicht aus, um all die begeisterten Fans zu fassen. Und ebendiese entließen den umjubelten Künstler auch erst nach der dritten Zugabe von der Bühne.

Als sympathischer, unverkrampft auftretender Moderator seiner eigenen Kompositionen vermochte es Golz, die Intentionen seiner „Bilder für Klavier“ anschaulich zu erklären. Indem er die Umstände der Entstehung seiner Stücke, etwa eine Reise an die Ostsee, nach Litauen, mit dem Besuch der kurischen Nehrung mit ihren riesigen Sanddünen („Dünen“) oder die Eindrücke eines ganz normalen Samstags – „Saturday Afternoon“ – im oberschwäbischen Ingoldingen umriss. Solchermaßen eingestimmt lauschten viele Zuhörer, oft sogar völlig entrückt mit geschlossenen Augen den musikalischen Eindrücken dieser Szenerien. Der leise rieselnde Sand auf der größten Düne Europas wurde pittoresk durch flirrende, glitzernde Tonkaskaden in Musik umgesetzt, die umtriebigen Schwaben mit ihren riesigen, lärmenden Traktoren und deren samstägliche Aktivitäten rund um Haus und Garten, inspirierten den künstlerischen Langschläfer zu heftigen, übereinander getürmten Akkorden á la Schostakowitsch und wilden, hektischen, ja aggressiven, mitunter bedrohlich klingenden Passagen im fortissimo. Plastisch herausgearbeitete, oft weit gespannte Melodielinien etwa in „Dijon“ (im Gedenken an eine Jugendliebe) und einprägsame Akkordpatterns über vertrackten Rhythmen („Fifty Eights“ – ein zusammengesetzter 50/8-Takt anlässlich seines 50. Geburtstages) wechselten mit virtuosen, oft wohl auch ganz freien Improvisationen in einer breiten stilistischen Palette.

Klassische, romantische oder impressionistische Stilelemente neben solchen aus Pop, Rock und Jazz fließen bei Rolf Richie Golz zu einem authentischen Individualstil zusammen, zu einer farbigen, kaleidoskopartigen und gut nachvollziehbaren „Cross Over Piano Music“, die man gerne auch auf einer, leider bisher noch nicht erschienenen CD oder wenigstens in einem Streamingdienst hören würde. Lässt doch der pittoreske Erlebnischarakter dieser Musik sie auch für musikalische Laien gut hör- und fühlbar werden, auch wenn die blues- oder jazzlastigen Zugaben, etwa in den „Reflections“ von Keith Jarrett, die Puristen unter den Jazzfans mitunter doch noch etwas mehr inspiriert haben dürften.

Text und Fotos: Helmut Schönecker

17.11.2023: Andy Herrmann Quartett

Andy Herrmann Quartett präsentierte „Sincerity“

BIBERACH – Bereits zum zweiten Mal im Rahmen der diesjährigen Konzertreihe des Jazzclubs anlässlich der Biberacher Heimattage stand Andy Herrmann auf der Bühne des erneut vollbesetzten Jazzkellers. Diesmal mit seinem seit 2016 bestehenden Quartett aus Arne Huber am Bass, Samuel Leipold an der Gitarre und Bastian Jütte am Schlagzeug und mit seinem neuesten Projekt „Sincerity“ im Gepäck. Stand bei seinem letzten Konzert noch das traditionelle „All American Songbook“ im Mittelpunkt des Geschehens, so war dieses Mal der aktuelle New-York-Stil, inspiriert von Pat Metheny und Lyle Mays, angereichert mit diversen europäischen Gestaltungselementen Gegenstand der erlesenen Darbietungen.

Polymetrisch angelegt, nach dem Vorbild einer spätmittelalterlichen Praxis in der „Mensuralmusik“ und gleichermaßen verwandt mit der komplexen afrikanischen Rhythmik, die ebenfalls die Gleichzeitigkeit verschiedener, sowohl gerader als auch ungerader Metren, zusammengehalten nur durch einen „Timekeeper“ kennt, waren die ungewöhnlichsten und wohl auch interessantesten Kompositionen des Bandleaders. Eine Reihe von Titeln erinnerten an die für Musiker besonders schwierige, für Komponisten oft aber auch recht produktive Coronazeit. „Omikron“ und vor allem das zupackende „Deltakron“ in seiner beinahe schon verstörenden Komplexität boten davon einen, von manchem jedoch eher als zwiespältig empfundenen Nachgeschmack. Weitere Nummern aus der Debüt-CD des Quartetts, „The Child in Me“ lockerten das Programm auf.

In der „Mensuralmusik“ der frühen Renaissance, aus der Zeit noch vor der Einführung von Taktstrichen, gab es das dreiteilige tempus perfectum, durch einen Kreis dargestellt und das durch einen Halbkreis dargestellte zweiteilige tempus imperfectum (eine Reminiszenz dazu ist das heute noch übliche C als Symbol für den 4/4 Takt). Im Zusammenwirken beider metrischer Ebenen entstand ein abwechslungsreiches, eigenartig schwebendes, besonders die niederländische Vokalpolyphonie charakterisierendes, relativ freies Rhythmusgefühl, welches dort vor allem durch die differenziertere Wortausdeutung seine Berechtigung fand. Die Transformation dieses Prinzips auf die stilistisch komplexe Gegenwartsmusik führt bei Andy Herrmann ebenfalls zu einer schwebenden Leichtigkeit und zu einer prickelnden, vielseitigen Rhythmik. Diese bildet eine durchaus willkommene Abwechslung zu den eher gleichförmig hämmernden Dance-Beats der letzten Jahre und Jahrzehnte. Ein 13/8-Takt kombiniert mit einem 13/4-Takt im fliegenden Wechsel mit einem 7er-Takt in den Improvisationsteilen und gleichzeitig unterlegten geraden Rhythmen im Schlagzeug scheint nur auf den ersten Eindruck konstruiert und steril. Wenn aber alle Mitwirkenden auf einer Wellenlänge zusammengefunden haben, ergibt sich daraus ein faszinierender und stimmiger Groove, der sich über den bloßen Tanzcharakter vieler moderner Rhythmen erhebt und gepaart mit der erweiterten Tonalität und Harmonik des Modern Jazz auf den Hörer eine befreiende Wirkung ausübt.

Apropos Groove. Der typische aus der Dance-Szene bekannte Drum-’n‘-Bass-Groove war ebenfalls eine der Inspirationsquellen, der Andy Herrmann ein Experiment mit dem Einsatz zweier zusätzlicher Keyboards und entsprechender Computersoftware bzw. einem Sequenzer im „Groovy Song“ widmete. Der hochdekorierte Münchner Drummer Jütte schien dabei allerdings deutlich unterfordert. Das Zusammenspiel mit den elektronischen Taktgebern wirkte angespannt und war nicht wirklich erfrischend. Immerhin trauten sich die Künstler nach elektronischer Tempovorgabe dem Stück ein „unbegleitetes“ Intro voranzustellen und schafften es doch tatsächlich, sich durch den späteren Einsatz der KI nicht völlig aus dem Takt bringen zu lassen. Handgemacht und analog hat wohl im Live-Betrieb durchaus noch seine Vorzüge. Eine KI-freie Polymetrik ist der elektronisch getakteten Polyphonie künstlerisch allemal überlegen. Gewissermaßen als Wiedergutmachung durfte Jütte danach aber noch ein ausgedehntes, hoch-virtuoses und entsprechend umjubeltes Schlagzeugsolo zelebrieren.

Als Hommage an Herrmanns anwesende Mutter erklang gegen Ende des kurzweiligen Konzertes noch der Titel „First Date“. Zuvor verarbeitete er in dem eindrucksvollen und eindringlichen Titel „Hambuscht“ über den gleichnamigen Kinderschreck aber noch ein frühes Kindheitstrauma auf einem Äpfinger Bauernhof, bei dem auch eine Spieluhrmelodie eine dominierende Rolle spielte. Danach erklang als Zugabe noch eine stimmungsvolle Komposition von Pat Metheny, „Straight On Red“.

Text und Fotos: Helmut Schönecker

10.11.2023: Open The Box Trio

OpenTheBox statt Büchse der Pandora

„Unperfect Buildings“

BIBERACH – Selten oder gar noch nie zuvor dürfte es eine künstlerische Hommage an das „Unperfekte“ gegeben haben. Selten oder gar einzigartig ist auch der musikalische Weg, den Christian Krischkowsky mit dem neuen Album „Unperfect Buildings“ und seinem neu gegründeten Trio eingeschlagen hat. Gemeinsam mit dem Regensburger Gitarristen Andreas Dombert und dem Tübinger Kontrabassisten Axel Kühn hat der Ulmer Komponist und Schlagzeuger nun in einem CD-Release-Konzert im Jazzkeller dieses ungewöhnliche Projekt vorgestellt. Die Publikumsresonanz war durchweg positiv, die gebotene Musik frisch, authentisch und unvergleichlich.

„Helmut“ hieß der Opener des Konzertabends, „Franz-Josef-Land“ der Titel des zweiten Stückes, beide Nummern an Krischkowskys Jugendjahre in München erinnernd. Aber nicht Helmut Schmid und auch nicht Franz Josef Strauß werden darin hofiert. „Helmut“ steht für Helmut Dietl, den von Krischkowsky so bewunderten Regisseur, Drehbuchautor und Schöpfer des bis zur Komik bodenständigen Münchner Stenz „Monaco Franze“, dargestellt von dem Schauspieler Helmut Fischer. Dessen Motto „Ein bisserl was geht immer“ und dessen skurrile Authentizität passen durchaus auch zu Krischkowskys Musik. Dessen Bekenntnis zu Thelonious Monk im Titel „Please, Hold The Line, Thelonious!” verdeutlicht weiterhin seinen ästhetischen Ansatz. Monk, von seinen Zeitgenossen oft als introvertierter Exzentriker beschrieben, revolutionierte als Autodidakt mit seinem unkonventionellen Stil den Jazz wie kaum ein anderer vor ihm. Und tatsächlich interpretiert auch der Ulmer Komponist mit den „Unperfect Buildings“, wie in seinem Press-Reader angekündigt, den Kanon des Jazz ziemlich neu und ungewöhnlich.

Elaborierte Kompositionen, minutiös ausnotiert und im perfekten Timing ausgeführt erinnern an die klassische Moderne. Komplexe Rhythmen, überraschende Wendungen, plötzliche Tempo- und Dynamikwechsel sowie hoch differenzierte Formstrukturen sind ohne detaillierte Notation kaum zu meistern. Und dennoch verschafften sich die drei Protagonisten immer wieder den jazztypischen Freiraum für kreative Improvisationen, oft in spannender Interaktion zwischen einem sehr melodisch gespielten Kontrabass und meist kuschelig weichen Gitarrenklängen. Letztere klanglich aufpoliert durch verschiedene Effektgeräte.

Plastisch und anschaulich dargestellt fanden die „Dolphins near Venice“, die während der coronabedingten Produktionspause der italienischen Industrie überraschend schnell den Weg in die nun weniger schmutzige Lagune fanden, auch ihren leichten und beschwingten Weg in die Musik. Weit gespannte Melodielinien über komplexer Rhythmik in „Bird on a cherrytree“ erzeugten eine heitere, schwebende Leichtigkeit über permutatorisch organisierten Begleitfiguren in der Gitarre im Stil der „Minimal Music“. Die sehnsüchtige Suche nach dem Sinn des Lebens verbirgt sich wohl hinter dem schwermütigen „Un Giorno“ während „Strange Night In Paris“ durch zahlreiche Takt- und Rhythmuswechsel tatsächlich eine befremdliche Wirkung erzielt.

Die nach anhaltendem Applaus als Zugabe gespielte Cover-Version von „Under the Bridge“, einem der erfolgreichsten Songs der kalifornischen Crossover-Band „Red Hot Chili Peppers“, handelt im Original von dem einsamen Kampf eines Drogenentzuges. Die emotionale Tiefe und kammermusikalische Transparenz der Trioversion war völlig untypisch für eine Zugabe und unterstrich schlussendlich nochmal den unkonventionellen Zuschnitt der „unperfekten Gebäude“ und Krischkowskys bewusste „Gegen-den-Strich-Ästhetik“. Im Unterschied zur Büchse der Pandora lässt sich diese „Box“ getrost öffnen.

Text und Fotos: Helmut Schönecker