12.12.2025: Clara Vetter [synaesthesia]^4 – Jazzclub Biberach e.V.

12.12.2025: Clara Vetter [synaesthesia]^4

Seltenes Phänomen der „Synästhesie“, übersetzt für Unbegabte

Clara Vetter – Trio verbindet visuelle und auditive Reize, Kunstverein und Jazzclub

BIBERACH – Stimmungsvoll und dennoch so gar nicht weihnachtlich empfing der Jazzkeller bei einem ganz besonderen Freitagskonzert seine Gäste. Ein so ungewöhnliches Trio aus Klavier, künstlerischer Videoprojektion mit gleich drei Beamern, einigen Punktstrahlern sowie einem Lautsprecher-Set, über welches der kurzfristig erkrankte Gitarrist Alexander Rueß per Videokonferenz aus dem knapp 700km entfernten Berlin zugeschaltet war, hatte es im Jazzkeller noch nie gegeben. Eine Kooperation mit dem Kunstverein ebenso wenig.

Ein Projekt in dem mit Synästhesie begabte Musiker und bildende Künstler in einer interaktiven Performance ihre Impressionen mit dem Publikum teilten und gelegentlich auch erläuterten ist ebenfalls nur sehr selten zu finden. Der experimentelle Charakter der Unternehmung lockte zwar nicht ganz so viele Besucher wie sonst in den Jazzkeller und die Anwesenden sahen sich dann auch tatsächlich vor eine nicht ganz einfache Herausforderung gestellt. Galt es doch, nicht nur entspannt zurückgelehnt, der Musik zu lauschen, sondern darüber hinaus noch aktiv die Verbindung zur Kunstinstallation von Micha Otto mit raumfüllenden Videoprojektionen herzustellen und einen verborgenen Sinn zu entdecken: die Synästhesie.

Pittoreske Titel wie „Kornblumen“, „Balken“ oder „Pegasus“ ließen nach kurzer Erläuterung durch Clara Vetter das Rätselraten zwar geringer werden. Wer bei Kornblumen allerdings die Farbe blau assoziiert hatte, wurde enttäuscht. Nicht einmal in Form von „blue notes“ waren diese in der Projektion vertreten. Die Melancholie des Blues konnte jedoch durchaus eine Brücke schlagen. Während der nur virtuell präsente Alexander Rueß an der Gitarre mit Dur-Tonarten generell die Farbe Rot assoziiert, steht Rot bei Clara Vetter nur für C-Dur. Die im Jazz häufig verwendeten Kirchentonarten sind für sie jeweils anders gefärbt. Im Gegensatz zu Rueß „sieht“ Clara Vetter beim Spielen von Intervallen, die größer als eine Quarte sind jedoch „Balken“ und diese waren in der Projektion durchaus präsent. Balken die sogar in Bewegung waren und mit der Phrasenlänge ihre Richtung wechselten, die formale Entsprechung durchaus nachvollziehbar.

Auch die Komposition „Pegasus“ aus dem Album „Fabulae“ von Clara Vetter wurde synästhetisch sinnfällig. Nicht in Form des geflügelten Pferdes aus der griechischen Mythologie, sondern in Form des Sternbildes „Pegasus“. Sternbilder oder geometrische Formen assoziiert Clara Vetter mit Akkorden, drei-, vier- oder auch mehrstimmig. Die vier Hauptsterne von Pegasus bilden am Himmel in etwa ein Quadrat und wunderbarerweise wurde in der griechischen Mythologie Pegasus von Athene gezähmt und als Symbol der poetischen Inspiration den Musen zugeordnet. Diese Inspiration wurde durch die projizierten spiralförmigen Muster verstärkt, die wohl nicht zufällig an die Spiralarme des Sternbildes erinnerten. Ein kurzer Blick ins Lexikon verrät dann auch, dass dort im Sternbild eine Balkenspiralgalaxie mit aktiven Supernovae, bestehend aus jungen, blauen und roten Sternhaufen zu finden ist. Von hier aus ist nur noch einen kleinen Schritt zur Metaphysik und zur Vision einer neuen spartenübergreifenden Kunst, die wie selbstverständlich auch Synästhesien miteinbezieht.

Dass im konkreten Fall ein Grundwissen über griechische Mythologie und Astronomie unverzichtbar scheint, verweist auch an den Anspruch von Vetters Kompositionen einerseits und die weiten, allumfassenden stilistischen Möglichkeiten des experimentellen Jazz mit Anknüpfungspunkten an andere Künste, weit über Sprache und Tanz hinaus, andererseits. Für einen offenen, vorurteilsfreien Geist war dieses Konzert eine Lehrstunde. Das durchaus nicht risikofreie Experiment „[synaesthesia]^4“ darf, trotz der erschwerenden Umstände wie wenig geeigneter Projektionsflächen und dem Zuspiel des Gitarristen per Internet aus Berlin, wenigstens in Ansätzen als gelungen betrachtet werden. Vor allem auch der Meister der Video-Installation mit seinem umfangreichen Equipment, Micha Otto, hat hier bei der Erweckung verborgener Sinne herausragende Arbeit geleistet.

Text und Fotos: Helmut Schönecker