Archiv – Seite 22 – Jazzclub Biberach e.V.

16.06.2023: Duo Gehring / Klüglich

Zusatzkonzert „Feels like home“ in der Heimattage-Konzertreihe:
Duo Gehring/Klüglich überrascht und überzeugt rundum
BIBERACH – Kurzfristig als zusätzliches Konzert in die Konzertreihe der Heimattage des Jazzclubs aufgenommen, wartete das Duo mit der Stuttgarterin Juliane Gehring und dem in Biberach aufgewachsenen David Klüglich im Jazzkeller mit Teilen des Programmes seiner im Juli anstehenden Masterprüfung in Klavierimprovisation an der Musikhochschule Freiburg auf. Nach seinem Lehramtsstudium mit Musik und Physik setzt er als einer der ersten Studenten dieses künstlerisch ausgerichteten Aufbau-Studiengangs in stilübergreifender Klavierimprovisation neue Maßstäbe.
Im Spannungsfeld zwischen Heimat und Fremde, Tradition und Moderne boten die für das Programm ausgewählten Titel aus Folklore, aus Jazz, Soul, Klassik oder Weltmusik ein farbiges Kaleidoskop an stilistischer Vielfalt. In dezenter Expressivität sang sich Juliane Gehring mit ihrer professionell ausgebildeten und gleichermaßen sympathisch und natürlich wirkenden Stimme, ohne kapriziös zu wirken in die Herzen des beifallsfreudigen Publikums. Mit einer lyrisch-empfindsamen, an die Ausdruckstiefe romantischer Kunstlieder erinnernden Interpretation überraschten und überzeugten die beiden jungen Künstler ihr durchaus fachkundiges Publikum auf Anhieb.
Facettenreich, kammermusikalisch transparent und höchst einfühlsam wurden folkloristische Elemente, darunter auch die augenzwinkernd in einem größeren Opus versteckte Biberacher Hymne „Rund um mich her“ oder ein schwedisches Volkslied über ein halb volles oder je nach Sichtweise auch halb leeres Glas, auf einer musikalischen Weltreise in einen Personalstil eingewoben, der auch weitere Elemente etwa aus den Genres Jazz und Soul organisch einbinden konnte.
Dazu wirkten die kleinen Accessoires, wie der Einsatz einer gut gestimmten Klangschale, Gehrings mal zarter, fast verhauchter und obertonlastiger, mal aber auch kräftig, herzhaft und fast maskulin wirkender Gesang oder Klüglichs gelegentlicher Wechsel zu seinem Herzensinstrument, dem Violoncello, nicht nur auflockernd, sondern buchstäblich wie das Tüpfelchen auf dem „i“.
Entrückte Verzückung mit einem Touch Esoterik standen neben versunkener Kontemplation oder humorigen Mitmachstücken – die Vorübung mit dem Publikum in Sachen „Handclapping“ dazu klappte auf Anhieb, der Übergang zum lang anhaltendem Schlussapplaus ebenso.
Wer nach typischen Jazzstandards wie ”Autumn in New York”, “One way ticket” oder “You’d be so nice to come home to”, inspirierenden Eigenkompositionen wie “Feuergeister“ oder „Waldwege“ (mit Anklängen an Nat King Coles „Nature Boy“) noch nicht genug Jazz oder jazzaffine Musik gehört hatte, kam mit den beiden Zugaben (Norah Jones – „Don’t know why“ aus dem Album „Come Away With Me“ und „Silence“ von Charlie Haden und Chet Baker) vollends auf seine Kosten. Das junge quirlige Duo mit seiner taufrischen Musik hat sich in Biberach offenkundig viele neue Fans erworben, die gerne auch noch länger zugehört hätten und die beim nächsten Gastspiel sicherlich viele Freunde mitbringen werden.
Text und Fotos: Dr. H. Schönecker

Duo Gehring / Klüglich

Am 16.06.2023 um 20:30 Uhr

Ort: Jazzclub Biberach

Beschreibung
In einem abwechslungsreichen Konzertabend erkunden die Stuttgarter Sängerin Juliane Gehring (zumindest Schwäbin) und der in Biberach aufgewachsene Pianist David Klüglich (mit original Wieland-Gymnasium-Abschluss) das musikalische Spannungsfeld zwischen Heimat und Fremde, Tradition und Moderne. Ob ihre Melodien nun aus heimischen oder fernen Volksweisen stammen, sich in unter den Jazz-Standards finden lassen oder direkt in den Köpfen der beiden Musiker entstehen: in jedem Fall sind sie abwechslungsreich und stimmungsvoll arrangiert, mit einer ganz speziellen Mischung aus Jazz, Klassik, Weltmusik und viel eigenem Charakter. Raum für Improvisation, Humor und ein frischer Blick auf die Musik versprechen dem Publikum einen spannenden Hörgenuss, bei dem Liebhaber unterschiedlichster Musikrichtungen auf ihre Kosten kommen.

Juliane Gehring (voc)
David Klüglich (p)

Jazzclub Biberach: Konzertübersicht 2023

Übersicht über alle Veranstaltungen des Jazzclubs Biberach im Jahr 2023:

1. Halbjahr 2023 – Flyer            1. Halbjahr 2023 – Plakat

2. Halbjahr 2023 – Flyer

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28.04.2023: Steffen Dietze

„Nocturne“ oder die „Ode an das Alleinsein“

Steffen Dietze – Piano Solo: Hallo Heimat – Hallo Jazz!

BIBERACH – Die während des Lockdowns entstandene und bei RoGo Music verlegte CD „Nocturne“ des Biberacher Pianisten und Multitalents Steffen Dietze nahm in einer Live-Präsentation den größten Teil des ersten Sets seines Solokonzertes beim Jazzclub Biberach im Rahmen der Konzertreihe zu den baden-württembergischen Heimattagen ein. Nach einer einleitenden, innigen Hommage an seine anwesende Frau entführte ein längeres Medley mit tiefsinnigen Titeln aus dieser jüngsten CD mit mehr oder weniger schönen Träumen, Albträumen und Nachtgedanken aller Art in eine ebenso facettenreiche wie hoch individualisierte Klangwelt. Eine Welt, in der das Alleinsein nicht gleichbedeutend mit einsam sein muss. Eine Welt, in der Alleinsein vor allem mit „bei sich selbst sein“ umschrieben ist.

Schwebende, impressionistische Passagen wechselten mit kernigen Bassfiguren, Akkordbrechungen und Arpeggien mit kurzen Melodiefloskeln, kurzen Fill-ins und rhythmisierten Voicings.  Immer wieder entfalteten sich auch gestaltkräftige Melodielinien, charakteristische Formabläufe wurden deutlich und strukturierten die vielschichtigen, oft aphoristischen Ideen des Komponisten. Besonders in den eher melancholisch entrückten Abschnitten ließ sich, nach Aussage einiger Besucher, die stressige Arbeitswoche entspannt zurückgelehnt optimal ausklingen. Viele der andächtig lauschenden Besucherinnen und Besucher taten dies auch mit geschlossenen Augen, was sie aber nicht davon abhielt, zwischen den Stücken lang anhaltenden Beifall zu spenden. Nach einem eher zupackenden „Blues für Rolf“, demselben auch zugeeignet, gab es eigens für die erst wenige Wochen alte und beim Konzert ebenfalls anwesende Enkeltochter, eine neue, liebevoll ausgestaltete Komposition mit dem Titel „Sophie“ zu hören. Für besonders empfindliche Ohren leicht getrübt durch den leider nicht ganz sauber gestimmten Kawaiflügel.

Kompositionen aus Dietzes erster CD “Tangram”, neben dem Titelsong besonders eindrucksvoll auch die Nummer „Rush Hour“, gab es im zweiten Set außerdem noch eine Reihe von Coverversionen zu hören. Im Pop oder im Laienbereich erklingen Coverversionen meist als wenig eigenständige Imitationen des Originals mit denen der Nachahmer ein Stück vom großen Kuchen abhaben möchte. „Moonriver” von Henry Mancini, „Love is a losing game“ von Amy Winehouse oder auch „My Valentine“ von Paul McCartney waren bei Dietze aber ganz jazztypisch nur die Ideenlieferanten für eigene kreative Exerzitien, stimmungsvolle Aphorismen, Motivbausteine oder strukturierende Akkordfolgen für eigenständige Improvisationen.

Text und Fotos: Helmut Schönecker

Steffen Dietze Piano Solo – anschließend Jam-Session

Am 28.04.2023 um 20:30 Uhr

Ort: Jazzclub Biberach
(c/o Bruno-Frey-Musikschule, Wielandstraße 27, 88400 Biberach an der Riß)

Beschreibung
Der Biberacher Fotograf und Fotodesigner Steffen Dietze ist ein echtes Multitalent. Neben seinen vielfältigen und mehrfach preisgekrönten Aktivitäten im Bereich der bildenden Künste, zahlreichen Projekten, Publikationen, Workshops, Ausstellungen, aktuell etwa an der Ausstellung der Kunststiftung pro arte in Biberach, findet er auch noch Zeit für musikalische Aktivitäten als Pianist. Dabei hat er über viele Jahre hinweg seine ganz eigene Musiksprache entwickelt in der Elemente aus Klassik, Jazz und Moderne zu einem facettenreichen Personalstil verschmelzen. Dem heimischen Jazzclub-Publikum dürften die stimmungsvollen Eigenkompositionen seiner CD „Tangram“ noch in bester Erinnerung sein. 2021 veröffentlichte er seine bisher letzte CD „Nocturne“.

Im Anschluss zu dem Konzert gibt es die Gelegenheit zu einer Jam-Session mit (ehemaligen) Biberacher Musikerinnen und Musikern. Das erforderliche Equipment (Bass-Amp, Gitarren-Amp, Drumset, Bose-Anlage) wird vom Jazzclub gestellt.

21.04.2023: Jochen Feucht Quartett

Jochen Feucht Quartett trifft Publikumsgeschmack

Empfindsame Weltmusik abseits „kultureller Aneignung“

BIBERACH – Die Erfolgsserie der Biberacher Jazzkonzerte im Rahmen der diesjährigen Heimattage Baden-Württemberg setzte sich mit dem begeisternden Auftritt des Jochen Feucht Quartetts im Jazzkeller der Bruno-Frey-Musikschule ungebrochen fort. Das für feinsinnigen und unterhaltsamen modernen Kammerjazz gefeierte Trio um den in Biberach geborenen und aufgewachsenen Saxofonisten und Komponisten Jochen Feucht trat dabei erstmals zusammen mit einem Perkussionisten, dem international gefragten Hans Fickelscher aus Stuttgart, auf. Unterhaltsam gestaltete sich der Abend auch durch die entspannte Moderation und gelegentliche Anekdoten des Bandleaders aus seinen Biberacher Jugendjahren.

So erinnerte sich Jochen Feucht dankbar an den damaligen Direktor der Musikschule Peter Marx, der ihm vertrauensvoll einen Schlüssel zu den Bandproberäumen im damals noch auf dem Nachbargrundstück zur alten Musikschule stehenden „Weißen Haus“ aushändigte, obwohl er selbst gar nicht an der Musikschule unterrichtet wurde. Dies ermöglichte ihm erst – anders als dies in seinem begrenzten Zuhause möglich war – stundenlanges, ungestörtes Üben und legte damit die Basis für das spätere Musikstudium und eine steile Karriere als Komponist und Jazzmusiker.

Überwiegend mit den Eigenkompositionen seiner letzten CD „Light Play“, durch die erweiterte Percussion gewissermaßen ausgemalt und auf Hochglanz poliert, durchstieß das Quartett problemlos die Komfortzonen der Zuhörer und erreichte unmittelbar deren Innerstes. Harmonie und Ausgeglichenheit des Feng Shui, vielleicht auch der fernöstlichen Herkunft von Feuchts Ehefrau geschuldet, manifestierten sich in der, den Grenzen von Raum und Zeit enthobenen schwebenden Leichtigkeit, dem „Light Play“ seiner Musik. Die schwebenden Klänge von Dizzy Krischs Vibraphon, die Schwebungen der Doppelsaiten der 12saitigen Akustikgitarre von Günter Weiss, die schwebenden Cymbel- und Glöckchenklänge aber auch der Einsatz einer flaschenförmigen, variantenreich und volltönenden UDU- oder IBO-Drum sowie weiteren Instrumenten aus der afrikanischen Trommeltradition, erweiterten das traditionelle westliche Klangspektrum in Richtung einer offenen, dabei die Tradition und Würde des Originals achtenden und einbeziehenden „Weltmusik“, die selbstverständlich in keinster Weise mit „kultureller Aneignung“ zu tun hat. Hier trifft sich die „Weltmusik“ auch mit dem Jazz, dessen Kern ja in der Adaption unterschiedlicher Stile und deren individualisierter und vor allem improvisierter künstlerischen Umsetzung und Wiedergeburt besteht.

Wie weit der künstlerische Horizont sich mit und durch Jochen Feuchts Musik erweitert, wird exemplarisch an den Titeln „Mimas“ und „Gold Sun“ deutlich. Der innerste Saturnmond, benannt nach dem griechischen Giganten „Mimas“, ist ein graublauer Eismond mit einer Durchschnittstemperatur von knapp -200 °C und kommt musikalisch ebenfalls sehr unterkühlt des Weges. Einige tausend Grad heißer ist die gerne mit den Farben Gelb und Gold assoziierte Sonne. Mit deren temperamentvollen musikalischen Umsetzung zum Finale des Konzertes wurde es auch dem Publikum deutlich wärmer, und es belohnte das Quartett mit nicht enden wollendem Applaus.

Text und Fotos: Helmut Schönecker