Archiv – Seite 21 – Jazzclub Biberach e.V.

22.09.2023: Hardt Stompers

Traditioneller Saisonauftakt – Jazz und Heimat – Teil 2

Hardt Stompers in überschäumender Spiellaune

BIBERACH – Die Traditional Jazz Band aus dem Ländle, mit ihrem Bandleader, Conférencier, Trompeter und Sänger Günter Friedhelm aus Bad Schussenried bestritt den Saisonauftakt zum Herbstprogramm des Jazzclubs in allerbester Spiellaune. Obwohl das Konzert im Jazzkeller am ersten verregneten Herbsttag des Jahres nicht alle Fans aus der guten Stube locken konnte, tat dies der Stimmung keinen Abbruch. Die Gute-Laune-Musik aus den Anfängen der Jazzhistorie funktioniert offenkundig nicht nur im Festzelt, auf Partys oder beim Frühschoppen.

In seiner launigen Anmoderation, augenzwinkernd angereichert durch eine kabarettreife Gesellschaftskritik im Stile des „Derbleckens“ auf dem Nockherberg, rechtfertigte der Frontmann mit den bajuwarischen Wurzeln und der Louis Armstrong-Stimme die „kulturelle Aneignung“ des Jazz, der ja seit Jahren auch in Biberach eine neue Heimat gefunden hat. Der „kulturbürokratischen Auflage“ des „Ministeriums zur Vermeidung kultureller Aneignung“, nur noch einen „traditionellen“ Jazztitel im Konzert spielen zu dürfen, entging die Band listig durch eine Fülle von Zugaben.

Und tatsächlich fanden sich reihenweise Musiknummern aus den archaischen Anfängen des Jazz in den amerikanischen Südstaaten vor weit über hundert Jahren im Konzertprogramm der Hardt Stompers. Weiße, schwarze, kreolische, karibische Einflüsse in Ragtime, Blues, Dixieland oder Calypso flossen, ganz nach dem Vorbild der ursprünglichen Melange dessen, was eben heute Jazz heißt, organisch zu einer munter groovenden Wohlfühlmusik zusammen. Und tatsächlich entspricht genau dies auch den Intentionen der Jazz-Avantgarde unserer Zeit, vielleicht vom reinen Wohlgefühl abgesehen, welches eher in der Popmusik zuhause ist. Die improvisatorische Auseinandersetzung mit den vielfältigen Stilen und Erscheinungen der Gegenwart geht jedoch im Jazz – damals wie heute – über eine schlichte Neuinterpretation von Cover-Songs weit hinaus. Das Original wird rücksichtslos zerlegt, gegen den Strich gebürstet und spielerisch wieder neu zusammengesetzt. Im Grunde wie beim Legospielen mit neuer oder gleich ganz ohne Bauanleitung. Geradezu genial geschah genau dies in dem neu komponierten bzw. getexteten „Fernsehturm Shuffle“ zu Ehren des Stuttgarter Funkturms, der just im Geburtsjahr des Trompeters fertiggestellt wurde. Solchermaßen verstanden wirkt Tradition, ganz im Sinne von Igor Strawinsky, als „lebendige Kraft, welche die Gegenwart anregt und belebt“.

Die sechs gestandenen Musiker, die unlängst ihr 40jähriges Bühnenjubiläum mit der neuen CD „When My Dreamboat Comes Home“ feierten, haben dabei durchaus unterschiedliche Zugangsweisen und Charakteristiken entwickelt und ausgebaut. Der meist im Hintergrund in der Akkordbegleitung dienende Banjospieler Peter Maisenbacher blühte regelrecht auf, wenn er seinen sonoren Bluesgesang mit der Gitarre begleiten durfte. An Klarinette, Sopransaxophon, Querflöte und Gesang fand Manfred Schütt auch in den virtuosesten Passagen immer den passenden Sound während der Youngster Frank Richling in ausgedehnten und mit viel Sonderapplaus bedachten Schlagzeugsoli seine Erfüllung fand. In monolithischer Erdschwere trug Karl-Otto Schmidt an Tuba und abgespecktem Kontrabass die fundamentale Verantwortung in der launigen Truppe. Der „Ländle-Jazzer“ Wolfgang Schenk hatte am meisten Spaß, wenn im wilden Portamento der Zug seiner Posaune heiß lief und Günter Friedhelm bringt in Stimm- und Kornettklang offenkundig ein Armstrong-Gen zum Einsatz.

Nach der letzten von vielen Zugaben ließ sich ein erstes Fazit aus der Konzertreihe anlässlich der Biberacher Heimattage ziehen: „Jazz und Heimat“ gehen genauso zusammen wie „Jazz und Tradition“. Der Jazz ist schon vor vielen Jahren nicht nur in Biberach angekommen, sondern er hat hier eine neue Heimat weit jenseits nur oberflächlicher „kultureller Aneignung“ gefunden.

Text und Fotos: Helmut Schönecker

Hardt Stompers Traditional Jazzband

Am 22.09.2023 um 20:30 Uhr

Ort: Jazzclub Biberach

Beschreibung

Traditional Jazz bildet den Kern ihrer mit ungebändigter Spielfreude vorgetragenen Musik. So präsentiert sich die mit Musikern aus der Region – auch aus dem Kreis Biberach – gegründete Band ihrem Publikum seit über vierzig Jahren. Klangfarblich erweitern die HARDT STOMPERS den Sound des erdigen Traditional Jazz mit Tuba und Banjo gerne zur feiner nuancierenden Hot Jazz Combo mit Gitarre und Kontrabass.

Besetzung:

Manfred Schütt (cl, sax, voc),
Günter Friedhelm (cor, voc),
Wolfgang Schenk (pos, voc),
Peter Maisenbacher (bj, git, voc),
Karl-Otto Schmidt (tb, b),
Frank Richling (dr)

Foto: Dagmar Friedhelm

Eintritt: 19 Euro, Jazzclub-Mitglieder 15 Euro, Studenten 10 Euro, Schüler frei

Tango Sí!

Am 08.07.2023 um 20:00 Uhr

Ort: Sennhofsaal Biberach

Beschreibung
Kooperation mit Tanzsportverein Risstino e.V.

Bitte beachten Sie den Wochentag: Samstag und die Anfangszeit: 20:00 Uhr und den Ort: Sennhofsaal!

Abendkasse: 19,00 € ermäßigt 17,00 €
Kartenreservierung per Mail bei risstino@t-online.de

Nach ihren Konzerten anlässlich des 100. Geburtstages von Astor Piazzolla widmet sich Tango Sí! nun der Weiterentwicklung des neuen Tangos nach Piazzolla. Nachdem der Tango in Argentinien in den 90er-Jahren fast keine Rolle spielte, gibt es jetzt eine Gruppe junger Musiker, die sich neuen Kompositionen sowie deren Interpretation verschrieben hat. Das Anliegen von Tango Sí! ist es, diese weitgehend unbekannten Tangos einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Zugleich möchten sie in ihrem neuen Projekt die übliche Konzertform aufbrechen. Der Kontakt zum Publikum wird direkt in die Konzertgestaltung miteinbezogen. Durch ein Aufbrechen der frontalen Situation Bühne – Publikum oder die Einbeziehung der Zuhörer beim Programmablauf möchten sie dem Publikum ein neues gemeinsames Musikerlebnis ermöglichen. Für die professionelle Umsetzung haben sie die Konzertdesignerin Ilka Seifert engagiert.

Besetzung: Karin Eckstein (band), Christiane Holzenbecher (v), Sarah Umiger (p),Israel Vázques (guit), Florian Bony (b)

Gefördert im Impulsprogramm „Kultur nach Corona“ des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg.

Thomas Scheytt – Benefiz, Boogie & Blues

Am 30.06.2023 um 19:30 Uhr

Ort: Friedenskirche Biberach

Beschreibung
Benefizkonzert, Kooperation mit Bauhütte Simultaneum e.V.

Bitte beachten Sie die Anfangszeit: 19:30 Uhr und den Ort: Friedenskirche! Nur Abendkasse.

Thomas Scheytt gilt als einer der besten zeitgenössischen Boogie- und Blues-Pianisten. Er verbindet in seinem Spiel hohes pianistisches Können mit einer unglaublichen, tiefempfundenen Ausdrucksvielfalt.

Der 1960 geborene Schwabe und Pfarrersohn erhielt früh Klavier- und Orgelunterricht und liebäugelte zeitweise mit einer Ausbildung zum Kirchenmusiker. Sein Wunsch, Philosophie zu studieren, war allerdings stärker, was ihn „geradewegs“ in eine Karriere als Bluesmusiker führte.

Eintritt 20 Euro, ermäßigt 15 Euro – Abendkasse in der Friedenskirche

23.06.2023: Isolde Werner’s Free Folk

„Isolde Werner’s Free Folk“ – Quartett auf kreativer Sinnsuche

BIBERACH – Zum Nachholtermin des im März krankheitsbedingt ausgefallenen Konzertes fand sich eine durchaus überschaubare Besucherzahl im Jazzkeller der Bruno-Frey-Musikschule ein. Diese bestand zu einem überwiegenden Teil aus erklärten Fans der Musikerinnen und Musiker aus Stuttgart und Ulm. Zeitgenössisch unkonventionell und in kreativer Offenheit gingen Isolde Werner (nebst Stimme und Gitarre mit einem bunten Sammelsurium an mehr oder weniger gewohnten Instrumenten) und ihre Stuttgarter Mitstreiterin Karo Höfler am Kontrabass, Günter Weiss an der Gitarre sowie der Wahlulmer Amerikaner Bill Elgart am Schlagzeug die stilistisch vielseitigen Stücke an. Der im Bandnamen implizierte „Free Folk“ erwies sich dabei allerdings als Stecknadel im Heuhaufen und die anvisierte, spielerische Interaktion erwies sich zumindest anfänglich noch als etwas zäh.

Diverse Blech- und Metallteile, Klappern, Rasseln, Kerzenständer, Stäbchen, Röhrchen, Schüsselchen und Schachteln, zusammengeknülltes Papier aber auch die heute obligatorischen elektronischen Helferlein, Synthi, Sampler und Loopmaschinen zur meist assoziativen Klangentfaltung boten für deren Protagonistin eine enorme logistische Herausforderung. Bei den erstaunten Zuhörern sorgten sie hingegen für manche überraschenden und unterhaltsamen Effekte sowie verbreitetes Schmunzeln, gelegentlich auch bei den Mitmusikern.

Mit einer „Unterwassermusik“ begann das kreative Spiel der farbigen Klänge. Aus einem diffusen, frei improvisierten Intro unter Vermeidung jeglicher Strukturen entwickelten sich nach und nach konkrete Akkordstrukturen, Grooves und Melodiefloskeln, die sich schließlich in einer kurzen, gesungenen Melodie wiederfanden. Assoziationen an die musikalische Darstellung der „Genesis“, etwa aus Haydns „Schöpfung“, wo die sanft brodelnde Finsternis über den Flächen der Tiefe lag, bevor Gott, der Herr, endlich in strahlendem Dur für Licht und Ordnung sorgte, waren wohl gewollt. Es folgten eine Reihe „gegen den Strich gebürstete“ Arrangements älteren und neueren Datums aus Jazz, Rock und Pop sowie Eigenkompositionen von Isolde Werner, bevor der unter anderem von Frank Sinatra und Ella Fitzgerald gesungene Song „Like Someone in Love“ in frischer Neuauflage den ersten Teil beschloss.

Mit Beginn des zweiten Sets trat dann aber schließlich der „Free Folk“, zunächst in Gestalt der „Musikanten aus dem Schwabenland“ in Erscheinung, vom Publikum allerdings erst nach etwas Hilfestellung durch die Bandleaderin erkannt. Der stimmungsvollen Vertonung von Emily Dickinsons Gedicht vom „Sunset in a Cup“ durch Isolde Werner folgte ein beziehungsvolles „Deja Vu“ und schließlich eine freie Paraphrase über den uramerikanischen Folksong „Home on the Range“. Zumindest Bill Elgart dürfte dabei heimatliche Gefühle entwickelt haben. Im zweiten Teil immer freier und überzeugender aufspielend beschloss das Quartett mit Günter Weiss‘ zupackend und beherzt groovender Komposition „Synergy“ schließlich den offiziellen Teil. Mehrere Zugaben, darunter Bill Evans „Time remembered“ wurden gerne gegeben und trösten hoffentlich das Publikum über die konzertante Sommerpause im Jazzkeller hinweg.

Text und Fotos: Dr. H. Schönecker

Isolde Werner’s Free Folk – Nachholtermin

Am 23.06.2023 um 20:30 Uhr

Ort: Jazzclub Biberach
(c/o Bruno-Frey-Musikschule, Wielandstraße 27, 88400 Biberach an der Riß)

Beschreibung
Nachholtermin für das am 17. März krankheitsbedingt ausgefallene Konzert!

In ihrem im Herbst 2017 gegründeten Projekt vereint die mittlerweile in Ulm lebende Sängerin und Gitarristin aus der Region alles, was ihr thematisch als Musikerin wichtig ist: da ist zum einen die Lust an der freien Improvisation, dem „Creative Playing“, das zusätzliche Räume öffnet für spielerische Interaktion, zum anderen die Liebe und der besondere Bezug zu alten Folksongs und schönen Jazz-Tunes, die sie zeitgenössisch unkonventionell arrangiert und in Teilen auskomponiert hat. Beides wird mit einer starken Band bestehend aus dem amerikanischen Bill Elgart sowie den beiden Stuttgartern Karoline Höfler, Kontrabass und Günter Weiss, E-Gitarre, auf das Spannendste miteinander verwoben. Schon mehrfach im Biberacher Jazzclub mit Konzerten und Workshops vertreten, dürfte es besonders spannend sein, ihre stilistische Entwicklung seit den Anfängen im „Two Star Orchestra“ Ende der 1980er-Jahre zu verfolgen.