Archiv – Seite 84 – Jazzclub Biberach e.V.

07.06.2002: Michael Nessmann Quintett 

Michael Nessmann Quintett im Jazzkeller

Versunkene Schätze an verborgenen Orten

Oberflächlich gehört waren es vielleicht nur die introvertierten Fusion-Klänge einiger urbaner Individualisten. Wer aber beim jüngsten Konzert des Biberacher Jazzclubs am Freitagabend zum Ende einer arbeitsreichen Woche noch die Konzentration  zum aufmerksamen Zuhören aufbringen konnte, wurde reichlich dafür entlohnt. Unter der nervigen, rhythmisch groovenden Oberfläche einer kraftvollen Musik kamen faszinierende  musikalische Welten zum Vorschein.

Das Stuttgarter Michael Nessmann Quintett, überwiegend mit Eigenkompositionen des gitarrespielenden Bandleaders munitioniert, verschmolz in überzeugender  Weise die verschiedenen Stilrichtungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts zu einem Konglomerat  eindringlicher Töne und Harmonien in deren Tiefen zahllose meist autonom-musikalische Ideen versteckt waren, gleich geheimnisvollen versunkenen Schätzen an verborgenen Orten – so der phantasievolle Titel einer der eher ruhig-sphärischen Titel des Abends.

Immer selbstlos im Hintergrund, selbst in den kurzweiligen, tadellosen Improvisationen eher schüchtern und verhalten, introvertiert aber dennoch ausdrucksvoll und ausdrucksstark agierte die Jazz Lady Maike Mohr an Keyboard und Flügel. Ein Genuss, der Genese ihrer sensiblen Improvisationen am Flügel zu lauschen. Die elektronischen Keyboard-Sounds klangen jedoch meist etwas dünn und harmlos. Weit dominanter und klangmächtiger, unterstützt durch ein üppig dimensioniertes Multieffektgerät, keinesfalls aber unsympathisch und penetrant erwies sich der Bandleader lediglich in seinen Ansagen als etwas unbeholfen. Seine Improvisationen gefielen, noch mehr jedoch die brillanten Unisonolinien, die er meist mit dem Saxophonisten Harald Schneider simultan zelebrierte und eben nicht, wie in der Szene oft gehört, nur „herunternudelte“.  Schneider gehörte mit seinen seelenvollen Saxophontönen zweifelsfrei zu den melodischen Aktivposten der Formation, sein rhythmisches Pendant Jörg Biefledt am Schlagzeug zeichnete für den subkutanen Groove verantwortlich. Sein satter Schlagzeugsound wurde nur noch übertroffen durch einen unglaublich sinnlichen, schmatzend-schlammigen E-Bass-Sound von Henrick Mumms 5-Saiter, der nicht nur für einen präzisen packenden Unterbau sondern eben auch für die vielzitierten „good vibrations“ sorgte. Was Wunder, dass nach dem fetzigen Schlusstitel, der seinerseits eines der Highlights des Abends war, vom begeisterten Publikum eine Zugabe eingefordert wurde.

Gez. Dr. Helmut Schönecker

19.04.2002: Salto Vocale 

Konzertkritik „Salto Vocale“ von Freitag, 19.04.2002 im Jazzkeller

Vokales „Entertainment“ auf hohem Niveau im Jazzkeller

Salto Vocale – ohne Netz und doppelten Boden

Vier echte Vokalsolisten, Stephanie Ruch (Sopran), Annette Riesterer (Alt), Florian Städtler (Tenor) und Thomas Reck (Bass), alle mit hochflexiblen Stimmen, großer Souveränität und solistischer Individualität gesegnet, stellten sich im Freitagskonzert des Biberacher Jazzclubs bedingungslos in den Dienst der gemeinsamen Idee, nahmen sich bewusst zurück zugunsten einer homogenen, bravourösen Ensembleleistung. Gelegentliche Solonummern konnten allesamt überzeugen, blieben aber letztlich nur Facetten einer eindrucksvollen Performance eines hervorragenden Satzgesanges etwa in der Tradition von „Manhattan Transfer“.
Die anfängliche Reserviertheit verlor sich rasch im gut besuchten Jazzkeller, wenn auch offene Begeisterung und spontane Anfeuerung sich erst im letzten Programmdrittel Bahn brechen konnten. Genau genommen ab dem Moment, ab dem so populäre Titel wie „Round Midnight“, „Just a Gigolo“ oder gar ein mitreißendes Broadway-Medley mit den entsprechenden Erfolgshits „Showbusiness“, „I got rhythm“, „Dont’t cry for me Argentina“, „New York, New York“ etc. den Korken aus der Flasche knallen ließen. Nun ehrt es die unter dem Sigel „Vocal-Entertainment“ angetretene Freiburger Formation, dass sie nicht auf vordergründige Effekthascherei abhob und abwechslungsreiche, anspruchsvolle, ja schwierige Arrangements einem schnellen und sicheren „Erfolg“ vorzog. Gerade dadurch entstand eben nicht der Beigeschmack vieler international bekannter „Stimmungskanonen“, billige Unterhaltungskonfektion in Hochglanzverpackung für teures Eintrittsgeld zu bieten sondern eine echte Verschmelzung der musikalischen Genres zu einem erbauenden Live-Erlebnis. Davon, wie auch von dem köstlichen Scat-Gesang besonders der beiden Herren, bitte mehr!
Die dreiköpfige Begleitband agierte zumeist zurückhaltend und funktional, trug die Sängerinnen und Sänger gewissermaßen „auf Händen“ zum Erfolg. Lediglich der technisch gleichwohl über alle Zweifel erhabene Arne Pfunder am Schlagzeug brachte die Vokalisten mitunter in Gefahr, nicht mehr gar so gut vernommen zu werden, half damit aber auch über anfängliche kleinere Unebenheiten hinweg. Thomas Pieper (Klavier) und Andreas Buchholz (Bass) steuerten, wie auch der Drummer, gelegentliche instrumentale Improvisationen bei, die sie weit über ihre ansonsten nur dienende Rolle hinauswachsen ließen.

Gez. Helmut Schönecker

22.02.2002: Eva-Maria Ogrzewalla 

„Eva-Maria Ogrzewalla“ im Biberacher Jazzkeller

„Mit dem Eisbären auf dem fliegenden Teppich“

Wer Inspiration und Themen zur freien Improvisation so demonstrativ aus dem Publikum schöpft, wie dies die in Ulm lebende Pianistin Eva-Maria Ogrzewalla bei ihrem Konzert im gut besuchten Biberacher Jazzkeller am Freitagabend tat, muss natürlich auch auf weniger gut verwertbare Stichworte gefasst sein. Auf diese Art Kreativität schlägt außerdem die jeweilige Tagesform voll durch. Gleichwohl birgt das damit eingegangene Risiko auch die Chance zu Ungewöhnlichem, zu Überraschendem allemal. Ob sich jedoch die mit Plattheit gepaarte Ironie einer Aussage über das „schöne Wetter“ am Veranstaltungstag aus dem Stehgreif so ohne weiteres musikalisch umsetzen ließe, darf wohl bezweifelt werden. Das musikalische Resultat der Aussage war auf jeden Fall entsprechend. Der pädagogische Hinweis der Solistin auf die möglichst bildhafte Beschaffenheit der zu liefernden Stichworte brachte denn auch bald die erhofften Resultate, etwa den brillanten Spruch vom „Eisbären auf dem fliegenden Teppich“. Dessen musikalische Umsetzung mittels sphärisch-schwebender Klänge auf dem Synthesizer, die sich in der Simulation der Flugbewegungen durch auf- und abschwingende, in ganztonaler Schwebe gehaltenen Skalen und Läufen sowie etwas heftigeren tiefen Tönen für den Eisbären auf dem gleichzeitig bearbeiteten Flügel manifestierte, brachten dem Publikum ein erstes Erfolgserlebnis. Die musikalisch-künstlerische Verbindung von drei aus dem Auditorium gelieferten Akkorden geriet jedoch unversehens wieder zur aphoristischen Pflichtübung mit eher geringem musikalischen Aussagewert.

Die während der Pause vom kreativ entflammten Publikum ausgefüllten Spickzettel brachten im zweiten Set Exkurse in die Jahreszeiten Winter und Herbst. Die zufälligen Anklänge an das berühmte Vorbild mündeten – so ist das wohl mit spontanen Eingebungen – in durchaus an Vivaldi gemahnende stürmisch auf- und abwehende Skalen. Besonders stimmungsvoll äußerte sich der Herzenswunsch der Solistin nach „Wind und Wellen“. Witzig und skurril gerieten die Ausführungen über das Huhn, vielleicht mit leichten Anklängen an Mussorgskys „Ballett der Küchlein in ihren Eierschalen“, in der Synthesizer-Version von Tomita.

Eva-Maria Ogrzewallas Vorlieben für 3er-Metren, sizilianische Volksweisen und argentinische Tangos brachten zwischen den frei improvisierten Teilen zumeist eine melancholische Note ins Spiel. Ihr Gespür für schlichte aber intensive Melodien, für das Weglassen überflüssigen virtuosen Beiwerks und die Beschränkung auf das Essentielle gab dem Abend etwas nachdenklich Seriöses, das jedoch – frei nach Hölderlins „Menschenbeifall“ – nicht „auf den Marktplatz taugt.“ So gab es denn auch nur eine knappe Zugabe zu hören.

Gez. Helmut Schönecker