Archiv – Seite 82 – Jazzclub Biberach e.V.

19.04.2013: Katharina Maschmeyer Quartett

Katharina Maschmeyer-Quartett im Biberacher Jazzkeller

Kraftvolle Rhetorik und ungekünstelte Natürlichkeit

BIBERACH – Erfrischend andersartig erwies sich der groovige Stilmix des Katharina Maschmeyer-Quartetts im Programm des Biberacher Jazzclubs. Vor einer stattlichen Publikumskulisse kam die offen-kreative Suche der Formation nach neuen Wegen im Jazz durchaus an. Ohne Scheu gestand die sympathische Frontfrau an Sopran- und Tenorsaxophon in ihren knappen An- oder Abmoderationen, welche Stücke im Biberacher Jazzkeller ihren ersten Bühnenauftritt hatten und damit noch nicht ganz so rund und geschliffen daherkamen, wie die bereits auf CD eingespielten. Dabei waren es gerade die neuen Stücke, die den Weg der musikalischen Sinnsuche nachvollziehbar machten.

Die etwas ungewöhnliche Besetzung der Formation aus Saxophon, Gitarre, Keyboard und Schlagzeug, mithin also das Fehlen von E- oder Kontrabass, verriet noch nicht unbedingt das Neue in Maschmeyers Quartett. Immerhin übernahm Philipp Rüttgers mit flinker linker Hand den fehlenden Basspart und erweiterte damit die Band de facto zum Quintett. Der variable Sound seines digitalen Nord Star E-Piano-, Orgel-, Synthesizer-Samplers und die multieffektgesteuerte E-Gitarre von Jens Pollheide ließen schon eher erkennen, wo es hingehen sollte. Zusammen mit dem klanglich transparent und differenziert aber dennoch unaufdringlich groovenden Drummer Jens Otto entstand eine nicht nur modern anmutende Klanglichkeit, die in den zupackenderen Passagen mitunter an „Kraftwerk“ erinnerte, sondern auch eine jeweils instrumententypische, vielseitige und hochvariable Patternstruktur, die von polyphonen Kollektivimprovisationen, rock-, funk- und fusiontypisch markanten Rhythmen und vom Neobebop inspirierten, rasenden Unisonopassagen sowie Blues-Anklängen im blitzschnellen Wechsel durchzogen war.

Der explizit nicht lyrische oder gar süßliche Wohlfühl-Saxophonsound von Katharina Maschmeyer bot hierbei eine willkommene Mittlerfunktion. Die kraftvolle Rhetorik ihrer Improvisationen, oft auch im engen Dialog mit der Gitarre, ließ an Deutlichkeit in der Aussage nichts zu wünschen übrig. Hier gab es kein vorsichtiges Herantasten an Stimmungen und Gefühle, kein hypersensibles „um den heißen Brei herum spielen“. Selbst die wenigen balladenhaften oder leiseren Stücke strahlten noch eine immense Kraft und ungekünstelte Natürlichkeit aus, die von der eher zurückhaltenden Körpersprache der Bandmitglieder allerdings nicht immer wiedergespiegelt wurden. Und auch in den teils hochvirtuosen Improvisationen, vor allem des Gitarristen, verschwand nie ganz der Eindruck absichtsvoll gebremster Expressivität. Selbst die heftigsten Eruptionen verliefen völlig kontrolliert, fest eingespannt in die vorgegebenen architektonischen Strukturen der innovativen Eigenkompositionen von Maschmeyer und Pollheide. Vielleicht war Rüttgers durch seine Doppelfunktion in konzentrierter Kontemplation versunken, vielleicht war Pollheide durch seine üppige Batterie an Fußschaltern und Effektgeräten etwas vom Spiel abgelenkt, vielleicht steckten dem Quartett aber auch nur die acht Stunden Autobahnfahrt, direkt vor Konzertbeginn in den Knochen. Jedenfalls hätte eine expressivere Bühnenpräsenz sicher noch mehr Feuer und Spannung unter das gleichwohl sichtlich begeisterte Publikum gebracht.

 

[gez. H. Schönecker]

 

Katharina Maschmeyer Quartett

Am 19.04.2013 um 20:30

Ort: Jazzclub Biberach
(c/o Bruno-Frey-Musikschule, Wielandstraße 27, 88400 Biberach an der Riß)

Beschreibung
Die Saxophonistin Katharina Maschmeyer gilt als eines der hoffnungsvollsten Talente der deutschen Jazz-Szene. Ihr Quartett wartet mit einer selbst komponierten Musik auf – groovige, mit Rock- und Blueselementen angereicherte Modern-Jazz-Arrangements, die unbekümmert zwischen modernem Jazz, Funk und Rock vermitteln.

Schon mit ihrem Debütalbum hatte das Katharina Maschmeyer Quartett aufhorchen lassen. Mit frischer Musik, die auch mal mit wunderbar krummtaktigen Momenten verwöhnt. Daran knöpft die junge Saxofonistin bei der Nachfolger-CD „Circle of Elements“ an. Kongeniale Partner sind Gitarrist Nils Pollheide und Jens Otto am Schlagzeug, sowie Philipp Rüttgers, der mit seinem Fender Rhodes auch den Basspart übernimmt.

„Circle of Elements“ ist laut Jazz Podium ein überaus reifes und überzeugendes Tondokument, welches seine Wurzeln im groovigen Modern Jazz der Spätsechziger-Jahre haben mag, sich durch das originäre Finetuning der Musiker und die tonsetzerische Meisterschaft der beiden Komponisten Katharina Maschmeyer und Nils Pollheide aber eine Eigenständigkeit bewahrt, die in diesem Genre nicht immer selbstverständlich ist. Die Stücke beginnen manchmal freejazzig, um sich dann beinahe unmerklich zu eingängigen, mit faszinierenden komplexen Rhythmen unterlegten Themen zu entwickeln und zugleich viel Freiraum für die Interaktion zwischen den einzelnen Musikern zu lassen.

Besetzung:
Katharina Maschmeyer (Tenor- & Sopran Saxophon)
Nils Pollheide (Gitarre)
Philipp Rüttgers (Rhodes/Synth Bass)
Jens Otto (Schlagzeug)

www.katharina-maschmeyer.com

Eintritt: 12 EUR / 9 EUR
Karten und Platzreservierungen: kasse@jazzbiber.de

Jazzclub Biberach e.V. – Jahreshauptversammlung

Am 12.04.2013 um 19:30

Ort: Jazzclub Biberach
(c/o Bruno-Frey-Musikschule, Wielandstraße 27, 88400 Biberach an der Riß)

Beschreibung
Alle Jazzclub-Mitglieder sind herzlich eingeladen.

Wer noch keine Mitgliedschaft hat: Anmeldeformulare gibt’s auf www.jazzbiber.de sowie in unserem Halbjahres-Flyer.

Tagesordnung:
1. Begrüßung
2. Berichte der Mitglieder des Vorstands
3. Bericht der Kassenprüfer
4. Entlastung des Vorstands
5. Wahlen (Vorstand und Rechnungsprüfer)
6. Verschiedenes

Ort: Jazzkeller

01.03.2013: Trio ELF

Trio ELF im Jazzkeller Biberach

Neue Klangwelten in kraftvoller Andersartigkeit

BIBERACH – Jazztrios gibt es wie Sand am Meer. Die Besetzung Klavier, Bass, Schlagzeug gilt im Jazz schon fast als Standard. Umso schwerer ist es, in einer solchen Besetzung nicht nur musikalisch sondern auch klanglich neue Akzente zu setzen und sich originell von der Masse abzuheben. In seiner zehnjährigen Bandgeschichte ist das Trio ELF zu einer künstlerischen Einheit verwachsen, hat zu einem ausgereiften eigenen Stil gefunden und ist dabei dennoch offen für Neues geblieben. Und das Trio ELF um den Münchner Pianisten Walter Lang hat es, trotz der transparent-kammermusikalischen Besetzung, durch virtuosen Elektronik-Einsatz geschafft, den traditionellen Sound aufzubrechen und neue Klangwelten zu erschließen. Das Jazzclub-Publikum zeigte sich jedenfalls von dem Trio auf seiner Jubiläumstour begeistert, obwohl Jazz in der Bandkonzeption eher eine Randerscheinung blieb.

Eine der Inspirationsquellen bezog das Trio erklärtermaßen von der bekannten deutschen Gruppe „Kraftwerk“, deren ihrerseits von Karlheinz Stockhausen inspirierter Weg in die elektronische Rock- und Popmusik bereits in den 70er Jahren weltweit Beachtung fand und als Pionierleistung in Richtung Funk, Techno und HipHop gilt. Einer der wenigen Coversongs des kurzweiligen Abends, vielleicht sogar der faszinierendste überhaupt, war denn auch der Titel „Mensch-Maschine“ von „Kraftwerk“. Live, gespielt mit akustischen Instrumenten und geringfügig elektronischer Verfremdung der Natursounds wirkte die ELF-Version nicht nur menschlicher und ästhetisch differenzierter sondern überdies kraftvoller und spannender als das mittlerweile kultig verfestigte Original. Besonders der virtuose Schlagwerkpart von Gerwin Eisenhauer, nebenbei auch das rhythmische „Kraftwerk“ des Trios, konnte die opulenten Klangtürme der Originalversion locker kompensieren.

Sven Faller entlockte seinem Kontrabass mit elektronischer Hilfe überaus melodische Linien und lieferte somit dem Pianisten Walter Lang, immer wenn dieser in rhythmisch-harmonischen Patterns zu versinken drohte einen vortrefflichen Kontrapunkt. Umgekehrt bot er Lang bei dessen virtuosen Solopassagenen das harmonische Fundament aus dem dieser wiederum die Spannung für seine raumgreifenden Improvisationen bezog. Ein perfekt abgestimmtes Geben und Nehmen in einem eingespielten Team, fast wie bei einem alten Ehepaar, das sich ohne Worte versteht oder alte Geschichten in spontanem Wechsel erzählt.

Zu den herausragenden Stücken des Abends gehörte Sven Fallers „Adria“, im Gedenken an eine längst verflossene Freundin entstanden, hochkomplex, hypersensibel, launenhaft. Nach Fallers eigenem Bekunden nahezu unspielbar, gelang im Biberacher Jazzkeller eine beeindruckende Interpretation des Werkes über ein offenbar nicht ganz unproblematisches „Frauenzimmer“. Nach zwei Zugaben durften die Jubilare von der Bühne.

[gez. Dr. H. Schönecker]

Trio ELF

Am 01.03.2013 um 20:30

Ort: Jazzclub Biberach
(c/o Bruno-Frey-Musikschule, Wielandstraße 27, 88400 Biberach an der Riß)

Beschreibung
Elektronische Musik mit akustischem Trio

Trio Elf gehört zu einer neuen deutschen Jazzgeneration und zu den international am meisten beachteten Jazzformationen Deutschlands. Markenzeichen der Band ist die Erweiterung des warmen akustischen Sounds durch den kreativen Einsatz von Electronics und Elementen aus der Club Music. Das Trio bezieht seine musikalische Leichtigkeit aus Melodien, die geradezu hymnisch anmuten, flirrenden Rhythmen mit überraschenden dynamischen Brüchen und dem gemeinsamen Atmen dreier gleichberechtigter Stimmen. Die inspirierten Improvisationen wurden von der Kritik weltweit gefeiert.

Schlagzeuger Gerwin Eisenhauer spielt komplexe Beats wie ein mensch-gewordener Drum-Computer, der mit Drum ’n‘ Bass oder HipHop virtuos improvisiert. Walter Lang ist einer der herausragenden Pianisten Europas. Seine lyrisch-magischen Melodien und energetischen Akkorde zeugen von enormer Kreativität. Sven Faller machte sich mit seinem melodisch-virtuosen Stil auf dem Bass international einen Namen. Blitzschnell wechselt er von solistischem Kontrapunkt zu erdig-warmen Basslinien. Erweitert wird Trio Elf am Mixer durch Klangtüftler Mario Sütel, der spontan Loops aus dem Fluss der Improvisationen zaubert und so die Elf ihrem gesampelten Doppelgänger gegenüberstellt.

Der Name bedeutet übrigens nichts anderes als Eisenhauer, Lang und Faller, was wiederum – unschwer zu erraten – auf die Nachnamen der Akteure verweist. 2013 feiert die Band Jubiläumskonzerte in ihrem 10. Bühnenjahr.

Eintritt: 12 EUR / 9 EUR
Karten und Platzreservierungen: kasse@jazzbiber.de

22.02.2013: East Drive

„East Drive“ sorgt für den richtigen Drive im Jazzkeller

Folksongs voller Opulenz und Tiefe

BIBERACH – „Seelenverwandtschaft“, so einer der vorgestellten Titel von der neuen CD „Folksongs 2“, umschreibt am besten das künstlerische Erfolgsrezept von „East Drive“, dem als „Power-Quartett Ost“ angekündigten Trio des vielfach preisgekrönten Bodek Janke mit Berklee-Professor Vadim Neselovsky als Gast. Die angekündigte Pianistin und Sängerin Tamara Lukasheva war kurzfristig leider verhindert, so dass der mit Bodek Janke befreundete in New York lebende „Chopin unter den Jazzpianisten“ ihren Platz einnahm. Dass die spritzig unterhaltsame Interaktion so reibungslos funktionierte und dem überaus zahlreichen Publikum im Jazzkeller knapp drei musikalische Sternstunden bescherte, war unzweifelhaft der polnisch-ukrainisch-russischen Seelenverwandschaft der quirligen Musiker zu verdanken.

Bereits mit den ersten Tönen zündeten die vier ein kreatives Ideen-Feuerwerk, das vor Intelligenz und Vitalität sprühte und das enthusiastisch mitgehende Publikum permanent in Atem hielt. Als Vadim Neselovsky, der zuvor dem Steinway virtuos perlende Tonkaskaden und vollgriffige Harmonien entlockt hatte, schließlich seine im Jazz eher ungewöhnliche Melodica hervorholte und pure Emotionen in den Raum blies, waren die verblüfften Zuhörer vollends in den Bann der jugendlich frischen Weltmusik mit Jazzeinschlag geraten.

Die Definition „Jazz ist die Freiheit, alles weglassen zu dürfen, was einem nicht gefällt“ (W. Lackerschmidt) kam hier einmal mehr beispielhafter Form zur Ausprägung. Nahezu alle musikalischen Konventionen wurden suspendiert oder spielerisch verfremdet, teilweise fast atomisiert. Aus den Bruchstücken von Themen, Motiven oder rhythmischen Patterns wurden großartige neue Strukturen gebildet und in größtmöglicher Spontaneität auch gleich wieder zerschlagen und umgruppiert. Was eben noch ein harmloses Begleitmotiv schien, war im nächsten Moment konstituierender Baustein eines mächtigen Klanggebäudes. Sentimentale balkanisch-ukrainisch-russische Volksliedmelodien wurden verquirlt und eingeschmolzen um schließlich doch immer wieder aus dem „feinen Süppchen“ (so ein weiterer Titel aus der präsentierten CD) an die Oberfläche zu driften und als Ohrwürmer ein Eigenleben zu führen. Vitaliy Zolotov, der überaus feinsinnige ukrainische Komponist und Gitarrist der Formation, lieferte das Rezept für dieses leckere Süppchen, das durchaus Appetit auf mehr machte. Auch der mit leichter Hand souverän groovende Bassist Philipp Bardenberg steuerte mit „Ratka Mitrovi?a“ und „Sam“ zwei Kompositionen zum Geschehen bei. Herausragend war jedoch das Wiegenlied „Kolybel’naya“ seiner Moskauer Tante Tatjana Kamysheva und vor allem die Olivia Trummer gewidmete Komposition Bodek Jankes „Tangolivia“. Ein Meisterwerk der Parodie und Verfremdung und dennoch ein intimes Bekenntnis voller Anmut, Würde und tief empfundener Leidenschaft. Janke, der vom Schlagzeug aus die musikalische Regie führte, machte sich damit auch unzweifelhaft zum kreativen Kopf der Truppe, die in ihrer bewundernswerten Spielfreude natürlich auch mit Zugaben nicht geizte.

 

gez. Schönecker