Archiv – Seite 67 – Jazzclub Biberach e.V.

22.05.2015: Matthias Tschopp Quartet plays Miró

Miró-Bilder inspirieren Schweizer Jazz-Quartett

Musikalische Bildkompositionen der besonderen Art

 

BIBERACH – Seit Vivaldis „Vier Jahreszeiten“, ja seit den Anfängen der reinen Instrumentalmusik vor rund vierhundert Jahren, suchen die Komponisten nach Inspiration und Sujets auch außerhalb der reinen oder absoluten Musik. Immer wieder waren es dabei Bilder, Geschichten oder Programme, die den Genius der „musici“ entflammten. Wer kennt nicht Mussorgskys berühmte „Bilder einer Ausstellung“? Der Gang der Geschichte wird zeigen, ob Tschopps „Miró“ dereinst in einer Reihe mit den großen Vorbildern steht oder als einer von vielen „Subventionskünstlern“ nur noch von buchhalterischem Wert ist.

Gleichwohl dürfte das Biberacher Jazzclubpublikum beim letzten Freitagskonzert in den Genuss einer einmaligen Erfahrung gekommen sein. Die abstrakte Strenge und Symbolkraft der auf eine Leinwand neben der Bühne projizierten Bilder Mirós gaben der musikalischen Vorstellungskraft der Hörer eine Richtung, luden förmlich dazu ein, nach Parallelen in den Farben und in der Aussage zu suchen. Eine interessante, eine faszinierende aber keineswegs einfache Aufgabe, der sich die Konzertbesucher mit sichtlichem Genuss hingaben. Dabei war es nicht zwingend erforderlich, aber durchaus hilfreich, wenn man sich zuvor mit den Bildern beschäftigt hatte, die auch den Kompositionen ihre Namen gaben.

Eines der bekanntesten Miró-Bilder „The Gold of the Azure“ (1967) machte den Auftakt. Wer den wollknäuelartigen blauen Fleck als Symbol für das Mittelmeer und den leuchtend gelben Hintergrund als mediterranen Sonnenschein begriffen hatte, tat sich leichter, die von der Fläche in einen dynamischen Prozess verwandelte musikalische Reinkarnation des Gemäldes zu verstehen. Der Pianist Yves Theiler webte solistisch den Wollknäuel über den der Bassist Luca Sisera eine feine wellenförmige Linie legte, aus der sich eine kraftvolle Melodie entwickelte, die den Wollknäuel umkreisend schließlich in diesen zurückführte um daraus eine virtuos leuchtende Baritonsaxophon-Improvisation des Komponisten Matthias Tschopp hervor zu zaubern, azurfarben und vom leuchtenden Gold der mediterranen Sonne stimmungsvoll geprägt. Einen besonders farbenreichen Groove legte Alex Huber am Drumset darunter.

Weitere Gemälde, wie „Bird, Insect, Constellation“ (1974) oder noch eindringlicher das „Portrait of a Young Girl“ (1935) aus Mirós wilden Jahren, waren in ihrer Expressivität so eindeutig, dass die musikalische Imagination fast zwingend erschien. Tiefschwarze Flächen mit den tiefsten Tönen des Baritonsaxophons in hoher Lautstärke mit Bedrohung zu assoziieren ist unmittelbar sinnfällig. Andere Gemälde, wie „Woman“ (1976) in seiner gendertypischen Widersprüchlichkeit oder „Silence“ (1969) bildeten echte Herausforderungen. Wurde Tschopp ersterem mit einer bluesähnlichen Komposition gerecht, so konnte die Vertonung der Stille nur über Kontraste erfolgen. Ein weiterer Weg bestand darin, die Bilder als eine Art grafische Partitur aufzufassen und minutiös in Musik umzusetzen. Geradezu genial gelang dies in „The Skiing Lesson“ (1966), einer farbenprächtigen Komposition, in der jedem Objekt im Bild ein konkretes musikalisches Ereignis zugeordnet werden kann.

Mehrere Zugaben, darunter besonders eindrucksvoll und voller Leidenschaft „Landscape on the Banks of the River Amur“ (1927), rundeten einen inspirierenden und inspirierten Konzertabend ab.

 

Helmut Schönecker

 

Matthias Tschopp Quartet

Am 22.05.2015 um 20:30

Ort: Jazzclub Biberach
(c/o Bruno-Frey-Musikschule, Wielandstraße 27, 88400 Biberach an der Riß)

Beschreibung
Matthias Tschopp Quartet plays Miró

Am Freitag 22. Mai ab 20:30 Uhr ist das Matthias Tschopp Quartet aus Zürich mit seinem «Plays Miró» im Biberacher Jazzkeller zu Gast. Die Musiker bieten elegante Kompositionen und Arrangements, subtiles Zusammenspiel, hohes technisches Können sowie einen dynamischen Auftritt.

Eine schwarze Melodie zu gelben Akkorden, rote Klänge zu den Rhythmen von Pinselstrichen. Der schweizer Baritonsaxophonist Matthias Tschopp vertont mit seinem neusten Projekt Bilder des katalanischen Malers Joan Miró (1893-1983). So entstehen Sound Visuals – moderne Kunst gespielt als Jazz: kreativ, originell, farbig. Mirós Werke werden während dem Konzert gezeigt und deren musikalische Umsetzung erklärt. Dem Publikum erschließt sich so ein neuer Zugang zu zeitgenössischer Jazzmusik – durch Mirós Bilder können sie in eine Welt eintauchen, in der Farben, Figuren, Klänge und Imagination zusammenfinden.

Neben Bandleader Matthias Tschopp sind mit von der Partie Yves Theiler (piano & rhodes), Raffaele Bossard (bass) sowie Alex Huber (drums). Die Schweizer Jazz-Szene wird derzeit europaweit als eine der interessantesten und abenteuerlichsten gehandelt.

Kartenreservierungen: kasse@jazzbiber.de

08.05.2015: Nicole Johänntgen Quartett

Volles Haus zur musikalischen Sternstunde im Biberacher Jazzkeller

Nicole Johänntgen Quartett verabreicht musikalischen Zaubertrank

BIBERACH – Kaum zu toppen, was die Saxophonistin Nicole Johänntgen, Wahlschweizerin mit saarländischen Wurzeln, beim Freitagskonzert des Jazzclubs mit ihrer Quartettformation auf die Bretter der Jazzclubbühne gelegt hat. Vom begeisterten Publikum waren nur Superlative über das herausragende Event zu hören: „genial“, „Jazz vom Allerfeinsten“, „super“, „toll“, „überirdisch“, „…selber schuld, wer nicht dabei war“, „… und dann auch noch diese sinnliche, ja geradezu erotische Ausstrahlung“. Drei frenetisch herbei geklatschte, erjohlte und erpfiffene Zugaben ließen den Jazzkeller schließlich zum brodelnden Hexenkessel werden und was da von den höchst inspirierten Musikern zusammen gebraut wurde kann sich in den höchsten Kreisen hören und sehen lassen.

Zweifellos hat die Formation mit ihrer neuesten CD „Moncaup“, die mit Unterstützung des Schweizer Senders SRF 2 Kultur produziert und an einem der erlesensten Clubabende des Jahres im Biberacher Jazzkeller präsentiert wurde, nicht nur höchste Standards gesetzt sondern einen Kulminationspunkt im künstlerischen Schaffen der Formation eingefangen. Johänntgen hat wohl gerade einen „Lauf“! Ausgezeichnet mit dem „Japan Tobacco International Jazz Award“ 2015, ausgestattet mit einem sechsmonatigen USA-Stipendium der Stadt Zürich für 2016, im Team mit großartigen Musikern, die ihrerseits – wie der in Biberach als Träger des internationalen Biberacher Jazzpreises wohlbekannte Schlagzeuger Bodek Janke – mehrfache internationale Auszeichnungen bekommen haben – sorgte das Quartett für eine regelrechte Sternstunde des Jazz in Biberach.

Die meist von der brandneuen CD stammenden Titel wie „Donnerwetter“, „Cocaine“, „Flugmodus“ oder „The Owl“, allesamt aus der Feder von Nicole Johänntgen, umreißen ein kreisendes Suchen jenseits des Konventionellen. Die Johänntgen brennt regelrecht für ihre Musik und „die Freiheit alles spielen zu dürfen“. Da, wo das Neue lauert, dort, wo es am heißesten und auch am gefährlichsten ist, findet sich Nicole Johänntgen in ungebremster Leidenschaft und ungeschützter Expressivität voller Forscherdrang. Grenzen sind dazu da, überschritten zu werden und Ästhetik ist immer auch die Suche nach Wahrheit. Prickelnd, wie ein guter Champagner, erfüllt von praller Lebenslust, sympathisch, direkt und unmittelbar nimmt sie ihr Publikum mit auf ihre Entdeckungsreise und infiziert es mit der ihr eigenen Spielfreude, in der ihre Mitstreiter ihr allerdings kaum nachstehen. Vor allem Bodek Janke sprühte einmal mehr vor innovativen Ideen, agierte witzig und spritzig, gab immer wieder Impulse, führte das musikalische Geschehen auf formales Neuland, forderte die Mitspieler zum spielerischen Duell, brach gerade erst etablierte Strukturen wieder auf und lebte das Motto: Improvisation ist Leben, Leben ist Veränderung. Nirgendwo wurde dies deutlicher als in der letzten Zugabe, einer skurrilen Parodie über Glenn Millers „Chattanooga Choo Choo“, dem legendären Sonderzug, der ohne Bahnstreiks seit Jahrzehnten durch alle Höhen und Tiefen des Lebens fährt.

 

Nicole Johänntgen Quartett

Am 08.05.2015 um 20:30

Ort: Jazzclub Biberach
(c/o Bruno-Frey-Musikschule, Wielandstraße 27, 88400 Biberach an der Riß)

Beschreibung
Das Nicole Johänntgen Quartett gastiert am Freitag 8. Mai um 20:30 Uhr im Jazzkeller. Mit den Musikern Marc Mean (piano), Rafael Jerjen (bass) und Bodek Janke (drums, percussion) hat Nicole Johänntgen (saxes) eine Band gefunden, die das Feuer in sich trägt. Jazz and more!

Abenteuerliche Exkursionen in die Grenzregionen zwischen zeitgenössischem Jazz, klassischer Klang-Ästhetik und asiatischen Ethno-Sounds prägen die Acoustic Band der saarländischen Züricher Saxofonistin Nicole Johänntgen. Das Aufeinandertreffen derart unterschiedlicher musikalischer Positionen ist erfüllt von funkensprühender elektrisierender Spannung und der Lust am kommunikativen Austausch. Nicole Johänntgen setzt dabei auf Alt- und Sopransaxofon gleißende Glanzlichter. John Coltrane und Cannonball Adderley schimmern als Impulsgeber nur noch von Ferne durch. Johänntgens Spiel besticht durch eine sprachnahe Diktion, mit der sie jeden Ton geradezu berstend vor Emotionskraft modelliert – es besitzt eine großartige humane Qualität, die sich auf jeden Zuhörer überträgt. Selten klingt Experimentierfreude so publikumsnah.

Im Konzert wird die neue CD „Moncaup“ präsentiert, die im April 2015 erschienen ist und seitdem beste Kritiken erhalten hat.

Karten- und Platzreservierungen bitte an kasse@jazzbiber.de (bis 8. Mai 15:00 Uhr).

17.04.2015: Organ Explosion

Neue alte Klänge mit Organ Explosion im Biberacher Jazzkeller

Musikalischer Cyberangriff auf alte und neue Hörgewohnheiten

BIBERACH – Zur Vorpremiere ihrer neuesten Vinylscheibe durfte das hell entflammte Publikum im Biberacher Jazzkeller teilhaben an der Euphorie der drei Musiker von „Organ Explosion“ über ein gelungenes Konzept, als AAA-Schallplatte unter dem Bandtitel aufgelegt beim renommierten Label „Neuklang“. Und um es vorweg zu nehmen, der analoge Sound war stimmig bis ins Detail und ging – zumindest denjenigen, die diese Jazz-Blues-Fusion-Funk-Ära mit einem Schuss Rock und Hip-Hop auch klanglich geschätzt haben – direkt in die Blut- und Nervenbahnen.

Ein gewisser Hang zum Fetischismus ist dabei dem Münchner Trio „Organ Explosion“ nicht abzusprechen. Im Mittelpunkt der psychedelisch angehauchten Inszenierung stand eindeutig das antiquierte Equipment aus den 70er Jahren, vor allem eine Hammond A100 mit originalem Leslie-Tonkabinett 147 und ein Fender Rhodes Mark II E-Piano ergänzt durch den legendären Moog-Synthesizer und einer ganzen Reihe altertümlicher Effektgeräte.

Der druckvolle Groove, an dem der quietschlebendige und verspielte Drummer Manfred Mildenberger sowie der temperamentvolle Bassist Ludwig Klöckner einen wesentlichen Anteil hatten, war so straff und dicht gefügt, dass kein Lufthauch mehr zwischen die Töne passte. Knackig, druckvoll und zwingend in der Aussage wurde hier in sattem Originalklang eine längst verschüttet geglaubte Musik zu neuem Leben erweckt und im leidenschaftlichen Spiel fortentwickelt.

Wer den großen Bogen zur Kunst raus hat und außerdem veritable Eigenkompositionen im Programm, braucht keine Angst vor Kitsch zu haben. Klang die vor der Pause von „Organ Explosion“ vorgestellte berühmte Duke-Ellington-Melodie „Creole Love Call“ zunächst noch etwas augenzwinkernd nach Adi Zehnpfennig auf seiner selbstgebauten Dr. Böhm-Orgel mit archaischer Begleitautomatik, entwickelte sich das Stück in der Version von Hansi Enzensperger auf seiner historischen Hammond A 100 über stimmungsvolle Blues-Improvisationen in einem großen Spannungsbogen zu einem fulminanten Virtuosenstück.

Andere Musiktitel verwandelten Computerspiel-Geräusche aus den Anfängen des Genres mit dem Charme alter Raumpatrouille-Filme in witzig-spritzige Novitäten. Amüsant aber beinahe überflüssig war dabei die Theatralik der Kombattanten, die hinter ihren „Cyberwaffen“ pittoresk in Deckung gingen und das virtuelle Shooting mit klanglichen Spezialeffekten auch szenisch verdeutlichten. Hier haben drei passionierte Computerspieler offenkundig einen fruchtbaren Weg in eine real existierende musikalische Ästhetik der Gegenwart gefunden.

Der Spaßfaktor bei den johlenden und aufmunternd pfeifenden Zuhörern war so groß, dass mehrere Zugaben erforderlich wurden, bevor sich das aufgeheizte Publikum schließlich auf die pressfrischen Vinylscheiben stürzen konnte um der alten Schallplattensammlung und vielleicht auch manchen überkommenen oder degenerierten Hörgewohnheiten eine Verjüngungskur zu verordnen.

  1. Schönecker