Archiv – Seite 99 – Jazzclub Biberach e.V.

25.09.2009: Rouzbeh Asgarian Band

Rouzbeh Asgarian Band im Jazzkeller

Lebendige musikalische Melange mit exotischem Touch

Eine gewisse Sorge der Musiker, ob sich die 7 Stunden Autofahrt von Köln nach Biberach gelohnt habe und ihre Musik bei den Schwaben überhaupt ankommt, war schon in den ersten Begrüßungsworten das Komponisten und Bandleaders, wie auch bei den ersten noch etwas vorsichtigen Tönen der Rouzbeh Asgarian Band vor einem sehr aufmerksamen Publikum im ordentlich besuchten Biberacher Jazzkeller herauszuhören. Ungewöhnlich lang anhaltender Beifall und Aufmunterungsrufe aus dem Publikum ließen dann aber schnell die Wogen der Begeisterung auf beiden Seiten höher schlagen.

Eine erfrischend lebendige Melange aus Jazz-, Rock-, Pop- und Funkelementen, kombiniert mit Anklängen orientalischer Musik und europäischer Avantgarde hat sich in durchaus komplexen Strukturen manifestiert, ohne auch nur den Hauch akademischer Abgehobenheit auszustrahlen. Der durchaus ungewöhnliche, wenn nicht gar exotische Musikstil, der so seltene Taktarten und Rhythmen wie etwa einen 19/4-Takt, so scheinbar unvereinbare Gegensätze wie heftig verzerrte Gitarren- und sogar Kontrabasssounds im Jazzidiom mit druckvollem Schlagzeug-Groove und fetzigen Trompetenimprovisationen verband, hatte sich in der Person des gebürtigen Iraners Rouzbeh Asgarian so stimmig zu einem Personalstil verbunden, dass auch für anspruchsvolle Zuhörer keine Wünsche offen blieben. Asgarian ragte nicht nur als Komponist aller Songtitel heraus, auch sein avanciertes Gitarrenspiel durchwirkte dynamisch alle musikalischen Strukturen. Dass er selbst in seinen virtuosesten Parts seine Mitspieler voll integrierte, lag sicher auch am künstlerischen Format derselben.

Besonders der in New York lebende Trompeter Ryan Carniaux erwies sich als vollwertiger melodischer Widerpart Asgarians. Mit kraftvoll kernigem Ton bis in höchste Lagen fetzte er mit der größten Selbstverständlichkeit auch über den vertracktesten Form- und Rhythmusstrukturen seine, bei allem Energieeinsatz sorgfältig modellierten Themen und Improvisationen, die auch ohne Elektronik klanglich gut integriert wirkten.

Entgegen der Ankündigung im Programmheft spielten Reza Askari am Kontrabass und der in Arnheim studierte Markus Berka an den Drums. Letzterer  ist in seinem Brotberuf bei diversen Musical- und Showproduktionen (Abba Mania, Tintenherz, Wicked) aktiv, konnte und wollte aber seine wahren musikalischen Vorlieben an diesem Abend nicht verbergen.  Auch Reza Askari, trotz seiner Jugend mit den „Mighty Vibez“ bereits Sieger im europäischen Reggae-Kontest und hessischer Landes-Preisträger in „Jugend Musiziert“, ging kompromisslos an die gemeinsame Sache heran. Mit sattem, gut differenziertem „Glockenklang-Sound“ war sein Bass von fundamentaler Bedeutung. Nach dem fulminanten Schlussstück „Never again“ erzwang lang anhaltender, stürmischer Applaus eine Zugabe und den Wunsch aus dem Publikum, bald mal wieder („Please again“) was von der Rouzbeh Asgarian Band hören zu dürfen.

 

Gez. Dr. Helmut Schönecker

26.06.2009: Etna

Fetziges Konzert im Jazzkeller

ETNA aus München packen kraftvoll zu

Die drei Jungs um Bandleader Vlado Grizelj aus München hatten am Freitagabend im Biberacher Jazzkeller buchstäblich den Tiger im Tank. Die im Programm angekündigte „Dompteuse“, Komponistin, Pianistin und Sängerin Andrea Hermenau war zwar wegen einer wichtigen Prüfung nicht mit nach Biberach gekommen und nur in Form ihrer Kompositionen präsent, der mehrfach preisgekrönte „Ersatzmann“ Jan Eschke am Steinwayflügel, „einer der großen Klaviervirtuosen Deutschlands“ (Süddt. Zeitung) hatte es jedoch ebenfalls so richtig in sich. Und alle vier Musiker der Multikultitruppe ETNA zusammen bildeten einen Ausbund an Energie, der es mit dem höchsten europäischen Vulkan, in italienischer Schreibeweise „Etna“, mühelos aufnehmen konnte.

Hin- und her gerissen zwischen stilistischen Affinitäten zu den Jazzikonen Pat Metheney bei Vlado Grizelj oder Keith Jarrett bei Jan Eschke fand sich, vermittelt durch den kernig groovenden Drummer Manuel da Coll und den aus Ruanda stammenden Kontra- und E-Bassisten Yvo Fischer in den Kompositionen des bosnischen Gitarristen Vlado Grizelj musikalische Vollwertkost, deren kalorienreiche Zutaten aus Modern Jazz, Rock und Funk, melodisch gewürzt durch balkanische Spezialitäten und freche Zitate für das begeisterte Publikum zu einer ebenso herzhaften wie erlesenen Delikatesse wurde. Eben noch satt und druckvoll unter federnder Hochspannung verloren in virtuos spielerischer Ekstase, etwa in „Jumping Bug“ („Springmücke“), fanden die vier Wahlbajuwaren bruchlos ihren Weg zurück in unverstellt romantische Balladen („Lullaby“) mit weltvergessener Klangsinnlichkeit und entrückter Transzendenz – ein kreislaufstimulierendes Wechselbad intensivster Emotionalität.

Seit ETNA beim Biberacher Jazzpreis 2006 den Publikumspreis erringen konnte, hat sich die Formation musikalisch noch mal beträchtlich steigern können. Die Komposition „Tauwetter“ aus der Feder von Andrea Hermenau, gleichzeitig auch Titel der neuesten ETNA-CD, widerspiegelt wie kaum ein anderer Titel des Abends einen frischen, bereits voll ausgereiften modernen Jazzstil, der bei allen Anklängen an große Vorbilder ein hohes Maß an musikalischer Eigenständigkeit aufweist, mit großer gestalterischer Kraft neue Klangräume öffnet und bestimmt noch viele Fans finden wird.

Trotz später Stunde – wegen „höherer Gewalt“ konnte das Konzert leider erst mit einer halben Stunde Verspätung beginnen – gewährten die Münchner Vollblutjazzer gerne noch zwei Zugaben für die enthusiastischen Fans.

 

Gez. H. Schönecker

 

12.06.2009: Max & More (Jazz für Kinder)

Workshop und Konzert
in der Projektreihe „Jazz für Kinder“ an der Grundschule Mettenberg

Rund 80 hell begeisterte Kinder der Klassen 1-4 der Grundschule Mettenberg kamen am Freitagvormittag in den Genuss zweier Workshops mit einem gemeinsamen Abschlusskonzert vor ihren Eltern in der Turnhalle. „Max & More“, zwei ungewöhnliche Perkussionisten aus Stuttgart, haben auf Einladung des Biberacher Jazzclubs im Rahmen der von der Landesstiftung Baden-Württemberg, der LBBW und dem Landesjazzverband unterstützten Projektreihe „Jazz für Kinder“ mit den Schülern altersgemäß jazztypische Rhythmen und kleine Stücke erarbeitet sowie ausgewählte eigene Werke vorgestellt.

Natürlich stießen Kompositionen wie ein „Rhythmusstück für zwei Fussbälle“, ein „Musikstück für Haushaltsgeräte“ (Kochlöffel, Topfdeckel, Schüttelbecher) oder auch ein „Musikstück für zwei Notenständer und Fahrradhupe“ auf flammende Begeisterung bei den hoch motivierten Kids. Auf witzige Weise wurde dabei ganz nebenbei auch mit dem weit verbreiteten Vorurteil, wonach Schlagzeuger keine Notenständer brauchen, aufgeräumt.

Offene Münder, aufgerissene Augen, fröhliches Lachen und immer wieder heftiger Beifall zeigten, dass die beiden Musiker Uwe Kühner und Bernd Settelmeyer nicht nur hochrangige Künstler, sondern eigentlich geborene Lehrer sind. Pädagogisch durchdacht, kindgemäß, abwechslungs- und lehrreich mit hohem Spaßfaktor gelang es „Max & More“ so ganz nebenbei aufzuzeigen, dass Jazz tatsächlich kein Unwort ist, sondern für eine lebendige, spontane Musik steht, die völlig zu Unrecht unter den heutigen Musikstilen in eine Randstellung geraten ist.

Was für eine Gaudi, als in dem „Recycling-Song“ eine schlecht ausgefallene Klassenarbeit musikalisch recycelt wurde. Weit über 100 Blatt Papier – auch die Eltern und Verwandten durften bei dem Schlussstück mitmachen – wurden gewedelt, zu Röhren geformt, geschlagen, rhythmisch zerknüllt, zerrissen und die Fetzen zum Finale schließlich pittoresk in die Luft geschleudert. Lang anhaltender Beifall, zufriedene Gesichter bei den Eltern und leuchtende Augen bei den Kindern waren nicht nur für „Max & More“ sondern auch für die an der Organisation beteiligten Lehrerinnen der Grundschule Mettenberg unter ihrem Rektor Dr. Weinrebe sowie den Verantwortlichen vom Jazzclub Biberach verdienter Lohn für die aufgebrachten Mühen.

gez. Dr. Helmut Schönecker

12.06.2009: Max & More

Max & More – Percussion-Duo mit Herz

 

“Wer spielt heute Abend im Jazzkeller, zwei Trommler, wird das nicht schnell langweilig? Irgendwie fehlt da doch jede Melodie.“ Dass der Fragesteller neben vielen anderen dann doch zum Konzert mit dem Stuttgarter Perkussionistenduo „Max & More“ erschien, musste er nicht bereuen. Bereits mit dem ersten Titel „Glockenklang“ wurde offenkundig, auch Schlaginstrumente sind der Melodien mächtig. Darüber hinaus entlockten Uwe Kühner und Bernd Settelmeyer ihren unzähligen, darunter auch recht exotischen Instrumenten wie Balibells oder Quica eine  klangliche Mannigfaltigkeit in einem rhythmisch multidimensionalen Raum, in dem es an nichts mangelte.

Bereits am Vormittag hatte das Duo im Rahmen des von Landesstiftung Baden-Württemberg, der LBBW und dem Landesjazzverband geförderten Projektes „Jazz für Kinder“ zwei Workshops mit begeisterndem Abschlusskonzert an der Grundschule Mettenberg gegeben. Dass sie mit ihrer symphatisch-kommunikativen Art nicht nur Kinder begeistern können, war schnell klar. Eine wohlüberlegte Dramaturgie, bestens aufgelegte Musiker und ein Publikum, das mit seinem Enthusiasmus nicht hinterm Berg hielt, führten mit fortschreitendem Abend zu einer immer dichteren Atmosphäre, die in einer heiteren Gelassenheit das ästhetisch-spielerische Element  der Musik auf den berühmten – und dennoch so seltenen – Punkt brachten. Spaß und Spannung, Struktur und improvisatorische Freiheiten standen in perfekter Balance.

Besonders eindrucksvoll wurde dies deutlich in dem Stück xxx in dem zwei, eher aus der Filmmusik bekannten „water drums“, mit sphärischen Klängen und Raumwirkungen emphatische  Empfindungen oder gar tranceartige schwebende Zustände auslösten. Über die skurrilen Sounds aus einer Federtrommel wurden die anfangs amorph wabernden Klangschichten schließlich immer stärker rhythmisch gefasst und konkretisiert um über afrikanische Schlitztrommel und Djembe schließlich in präzise, zupackende Rhythmuspatterns mit viel Drive und Groove überzugehen.

Uwe Kühner und Bernd Settelmeyer spielen seit ihrem gemeinsamen Schlagzeugstudium bei Pierre Favre (der auch die einzigste Fremdkomposition zum Programm beisteuerte) an der Musikhochschule Stuttgart miteinander in diversen Bandprojekten. Offenkundig auch musikalisch auf der selben Wellenlänge gelangen den beiden komplementäre Verzahnungen auch der komplexesten Strukturen mit einer Selbstverständlichkeit, die nur telepathische Ursachen haben konnte. Mehrere Zugaben und eine kurze Lektion in Instrumentenkunde ließen einen erfrischend kurzweiligen Abend in heiterer Zufriedenheit ausklingen.

15.05.2009: Talking Horns

Nette Kölsche Jungs ohne Berührungsängste

 

Mit lockerem Mundwerk, erfrischendem Humor und entspannter Unkompliziertheit erfreuten die vier geistvollen „Blazzmusiker“ aus Köln ihr leider nicht gar so zahlreiches Publikum im Biberacher Jazzkeller. Fans der herausragenden Formation aus der „Champions League der Blasmusik“ hatten am Freitagabend bis zu 80km Anfahrt in Kauf genommen um eines der raren Konzerte in Deutschland zu besuchen und sie wurden nicht enttäuscht.

 

Mit Eleganz und Esprit atmete die wahlweise komponierte oder improvisierte Musik eine anmutige Leichtigkeit die zwischen beiläufiger Unbekümmertheit und druckvoll zupackendem Groove changierte. Trotz vollständigem Verzicht auf Schlagzeug oder harmonisches Begleitinstrumentarium kamen selbst stark rhythmisch geprägte Reggae- oder Funktitel („Ragapapa“, „Arme Leute Funk“) genretypisch rüber. Vom mittelalterlichen Choral (Vulpius) über eine Bach’sche Sarabande im Latino-Stil (Beitrag zum Bachfest in Leipzig) bis zu blasmusikalischen Leckereien, etwa in einer Stilparodie der süditalienischen Blaskapellen , den „Bandas“, zeigten die vier nach knapp 15jähriger Bandgeschichte bestens aufeinander eingespielten Ausnahmemusiker der „Talking Horns“ keinerlei Scheu vor den unterschiedlichsten Sujets. Musikalische Humoresken wie „Slivowitz“ oder „Autoput“ mit balkanischen Einflüssen standen neben Skurrilitäten wie „Eichhörnchenballett“ oder den „Talking Horses“. Gegrunze, Gequake, Gewieher oder Geschnaube, mit und ohne „richtige“ Instrumente, unter exponiertem Einsatz von Entenlockpfeifen, Spieldosen, umgebauten Kindertrompeten, „talking drums“ aus dem Backstage-Raum und ähnlichem zu Instrumenten umfunktioniertem „Gedöns“ hinterließen beim Publikum erst Kopfschütteln, dann Schmunzeln und Lachen, schließlich heftige Begeisterung. Die „Talking Horns“ waren unterhaltsam ohne trivial zu sein, konzertant-virtuos und dennoch nicht anstrengend, gefühlvoll ohne falsche Sentimentalität und trotz aller harmonischen Gebundenheit auch „schön schräg“ mit der nötigen klanglichen Würze.

Ob der in Innsbruck lebende Produzent der Musik zur „Sendung mit der Maus“ Andreas Gilgenberg an Flöte, Klarinetten und Saxophonen oder der im „Starlight Express“ und „Saturday Night“ – Ensemble bewährte musikwissenschaftlich studierte Publizist Stephan Schulze an Flügelhorn, Posaune, Tuba oder anderen „Spielzeugen“, der gefragte Theatermusiker und Bandleader Achim Fink „an allem, was klingt“ oder der fernseherprobte Kölner Kultmusiker Bernd Winterschladen an diversen Saxophonen, jeder Musiker der „Talking Horns“ hat nicht nur ein eigenes Charisma und eine eigene selbständige Karriere gemacht sondern im originellen künstlerischen Konzept der „sprechenden Hörner“ eine eigene überzeugende Rolle gefunden. Zum wiederholten Male dürfen die „Talking Horns“ daher auch als Botschafter deutscher Kultur über das Goetheinstitut auf eine weltumspannende Tournee.