Am 21.04.2015 um 20:15
Ort: Jazzclub Biberach
(c/o Bruno-Frey-Musikschule, Wielandstraße 27, 88400 Biberach an der Riß)
Beschreibung
Am 21.04.2015 um 20:15
Ort: Jazzclub Biberach
(c/o Bruno-Frey-Musikschule, Wielandstraße 27, 88400 Biberach an der Riß)
Beschreibung
Neue alte Klänge mit Organ Explosion im Biberacher Jazzkeller
Musikalischer Cyberangriff auf alte und neue Hörgewohnheiten
BIBERACH – Zur Vorpremiere ihrer neuesten Vinylscheibe durfte das hell entflammte Publikum im Biberacher Jazzkeller teilhaben an der Euphorie der drei Musiker von „Organ Explosion“ über ein gelungenes Konzept, als AAA-Schallplatte unter dem Bandtitel aufgelegt beim renommierten Label „Neuklang“. Und um es vorweg zu nehmen, der analoge Sound war stimmig bis ins Detail und ging – zumindest denjenigen, die diese Jazz-Blues-Fusion-Funk-Ära mit einem Schuss Rock und Hip-Hop auch klanglich geschätzt haben – direkt in die Blut- und Nervenbahnen.
Ein gewisser Hang zum Fetischismus ist dabei dem Münchner Trio „Organ Explosion“ nicht abzusprechen. Im Mittelpunkt der psychedelisch angehauchten Inszenierung stand eindeutig das antiquierte Equipment aus den 70er Jahren, vor allem eine Hammond A100 mit originalem Leslie-Tonkabinett 147 und ein Fender Rhodes Mark II E-Piano ergänzt durch den legendären Moog-Synthesizer und einer ganzen Reihe altertümlicher Effektgeräte.
Der druckvolle Groove, an dem der quietschlebendige und verspielte Drummer Manfred Mildenberger sowie der temperamentvolle Bassist Ludwig Klöckner einen wesentlichen Anteil hatten, war so straff und dicht gefügt, dass kein Lufthauch mehr zwischen die Töne passte. Knackig, druckvoll und zwingend in der Aussage wurde hier in sattem Originalklang eine längst verschüttet geglaubte Musik zu neuem Leben erweckt und im leidenschaftlichen Spiel fortentwickelt.
Wer den großen Bogen zur Kunst raus hat und außerdem veritable Eigenkompositionen im Programm, braucht keine Angst vor Kitsch zu haben. Klang die vor der Pause von „Organ Explosion“ vorgestellte berühmte Duke-Ellington-Melodie „Creole Love Call“ zunächst noch etwas augenzwinkernd nach Adi Zehnpfennig auf seiner selbstgebauten Dr. Böhm-Orgel mit archaischer Begleitautomatik, entwickelte sich das Stück in der Version von Hansi Enzensperger auf seiner historischen Hammond A 100 über stimmungsvolle Blues-Improvisationen in einem großen Spannungsbogen zu einem fulminanten Virtuosenstück.
Andere Musiktitel verwandelten Computerspiel-Geräusche aus den Anfängen des Genres mit dem Charme alter Raumpatrouille-Filme in witzig-spritzige Novitäten. Amüsant aber beinahe überflüssig war dabei die Theatralik der Kombattanten, die hinter ihren „Cyberwaffen“ pittoresk in Deckung gingen und das virtuelle Shooting mit klanglichen Spezialeffekten auch szenisch verdeutlichten. Hier haben drei passionierte Computerspieler offenkundig einen fruchtbaren Weg in eine real existierende musikalische Ästhetik der Gegenwart gefunden.
Der Spaßfaktor bei den johlenden und aufmunternd pfeifenden Zuhörern war so groß, dass mehrere Zugaben erforderlich wurden, bevor sich das aufgeheizte Publikum schließlich auf die pressfrischen Vinylscheiben stürzen konnte um der alten Schallplattensammlung und vielleicht auch manchen überkommenen oder degenerierten Hörgewohnheiten eine Verjüngungskur zu verordnen.
Am 17.04.2015 um 20:30
Ort: Jazzclub Biberach
(c/o Bruno-Frey-Musikschule, Wielandstraße 27, 88400 Biberach an der Riß)
Beschreibung
„Organ Explosion“ mit Vintage Equipment
Am Freitag, 17. April um 20:30 Uhr kommt ein junges, unkonventionelles Trio aus München in den Jazzkeller, das seine Vorliebe für altes Vintage-Equipment entdeckt und das Instrumentarium der 70er Jahre aus Omas Keller gekramt hat.
Heraus kam „Organ Explosion“ – ein furioses Debütalbum, das die Klang-Ästhetik der 70er Jahre ins musikalische Hier und Jetzt katapultiert. Ein Album voller Spielfreude und verblüffender Hakenschläge. Ein Album voller Melodien mit dem Sexappeal des Funk, der Kreativität des Jazz, dem Dreck des Blues und der Krassheit des Punk.
Alle drei Bandmitglieder sind akademisch geprüfte Jazzer. Bei der Arbeit im Studio allerdings kam ihnen eine ganz andere Qualifikation Enzenspergers zugute: Er ist gelernter Automechaniker, der schrauben kann und löten. „Der Großteil unseres Equipments ist älter als wir selbst, und die alte Technik hat so einige Marotten“, sagt er. „Jedes einzelne dieser Instrumente, jedes einzelne Effektgerät hat eine Geschichte, eine Seele. Deshalb sind sie allen prozessorgesteuerten Instrumentenimitaten haushoch überlegen.“ Deshalb ist der Sound so warm, so satt und variantenreich.
„Dark Heaven“ ist eine Ballade, die an die Jungfernfahrt der Titanic erinnert, deren Posaunen, Chöre und orchestrale Klänge den Zuhörer auf eine Art ergreifen, welche man sonst von Strauss‘ „Also sprach Zarathustra“ kennt. „Käsehoch 3“ ist ein Lied, in dem die Orgel wie eine lästige Fliege der Rhythmusgruppe auf die Nerven geht, die ihrerseits das Ganze mit coolem Groove kontert. Dann ist da „Kung Fu Funk“, ein Stück, bei dem der Hörer den Eindruck bekommt, bei der Aufnahme sei eine ganze Horde kampfeswütiger japanischer Ninjas mit im Studio gewesen. „Herbie Hancock’s Headhunters“ treffen auf „Streetfighter II“.
„Organ Explosion“ ist Jazz, Blues, Funk und Hip-Hop gespielt von Hansi Enzensberger (Hammond B3 Orgel, Wurli, Moog), Manfred Mildenberger (Ludwig-Drumset) und Ludwig Klöckner (Fender-Jazzbass).
International besetzte „Stephan-Max Wirth Experience“ im Jazzkeller
Elliptische Dreier in Raum und Zeit
BIBERACH – Das Eröffnungsstück des interessanten Konzertabends vor vollem Hause trug noch keinen Titel, es war eine brandneue Komposition des in Berlin lebenden Saxophonisten Stephan-Max Wirth, der mit einem international besetzten Quartett angetreten war um seine neue CD vorzustellen. Wer die Vorankündigung und die Bandinfos gelesen hatte oder sich gar mit der vorzustellenden CD „Inner Draft“ vorab beschäftigt hatte, dürfte allerdings einigermaßen überrascht gewesen sein.
Feinsinnig umgesetzte Geschichten als Spiegel urbaner Lebensgefühle waren angekündigt. Was dann, auch im weiteren Verlauf des Abends, erklang, waren aber keine blutleeren, hochstilisierten oder bis zur Erschöpfung durch reflektierten und auf den Punkt gebrachten Kompositionen mit Ewigkeitswert. SMW-Experience brachten das pralle Leben selbst auf die Bühne und fesselten ihr begeistertes Publikum damit vom ersten Ton an.
Die Stücke der neuen CD wurden nicht etwa in perfektionierter Mechanik nachgespielt sondern immer wieder neu zum Leben erweckt, deren Sujet im offenen Feedback immer wieder aus dem Moment heraus neu erörtert. Der später erklingende eigentliche CD-Opener „Space In Time“ beschreibt dieses Verfahren beispielhaft. In den Worten von Wirth: „Wir nehmen uns den Raum in der Zeit und die dahingehende Zeit ist unser Raum. Wir machen Musik.“ Wer diese Aussage als bloßes philosophisches Wortspiel oder abstrakte Anspielung auf die Relativitätstheorie abtun wollte, wurde durch die unglaublich dichte und kraftvolle Musik schnell eines Besseren belehrt. Denn genau das macht guten Jazz aus: Wechselnde Improvisationen auf höchstem Niveau, ständige Interaktionen der Musiker, angetrieben durch ein dynamisch pulsierendes Kraftzentrum aus E-Bass (Bub Boelens) und Schlagzeug (Florian Hoefnagels) sowie einen spielerischen Umgang auch mit elektronisch erweiterten klanglichen Aspekten besonders der Gitarre (Jaap Berends), auch wenn diese mitunter bis auf die psychedelische Spielwiese führen. Der in der Zeit pulsierende Raum erstreckte sich von der kindlichen Zufriedenheit im Augenblick (Sleeping Child) bis zum rasenden Stillstand einer Zeit, die sich der atemlosen Jagd nach dem schnellen Geld verschrieben hat (Trash Cash).
Das elliptische Kreisen im „nicht ganz runden Dreiertakt“, so Wirth in einer der Anmoderation, vielleicht auch symbolisch verstanden als das Kreisen um eine „Blase“ in der Zeit, wurde nirgends „ohrenfälliger“ als in der Adaption des Titels „Die Moorsoldaten“. Geschrieben vom damaligen KZ-Häftling Rudi Goguel und in wechselvoller Geschichte bis heute zu einer „Volksweise“ geworden, unternahm es die SMW-Experience den historischen Wahrheitskern dieser Komposition herauszuarbeiten und damit auf die Gegenwart umzubrechen. Die SMW-Experience bot eine anspruchsvolle Musik für Geist und Bauch, die Ihresgleichen sucht. Das Biberacher Publikum ließ die vier Musiker denn auch erst nach der zweiten Zugabe von der Bühne.
gez. H. Schönecker
Am 13.03.2015 um 20:30
Ort: Jazzclub Biberach
(c/o Bruno-Frey-Musikschule, Wielandstraße 27, 88400 Biberach an der Riß)
Beschreibung
„Passion“ mit der Stephan-Max Wirth Experience
Die Stephan-Max Wirth Experience gastiert am Freitag, 13. März Juni um 20:30 Uhr im Biberacher Jazzkeller. Mit „Passion“ präsentiert die SMWE ihre neueste CD, ein musikalisches Feuerwerk aus Gefühl und Leidenschaft, Trance und Energie – ein Bekenntnis zur Zukunft des Jazz.
Stephan-Max Wirth wird in der internationalen Jazzszene als einer der besten Saxophonisten überhaupt gehandelt. Der gebürtige Schwabe und Wahlberliner tat gut daran, für Einspielung seines Albums „Passion“ seine legendäre holländische Rhythmusgruppe mit ins Boot zu holen. Mit von der Partie sind der Gitarrist Jaap Berends, der Bassist Bub Boelens sowie der Schlagzeuger Florian Hoefnagels.
Die SMWE setzt mit dem Flow und der Sphärenhaftigkeit von „Passion“ neue Maßstäbe. In einer Zeit, in der viele zu Bits and Bites greifen und mit elektronischen Klängen und DJs ihre Zuhörer zu halten versuchen, schafft es dieses Ensemble, sein Publikum im Saal und zu Hause akustisch mitzureißen. Dabei fesseln immer wieder die balladesken Themen, die unerwartet aufbrechen und die Virtuosität der Musiker unter Beweis stellen.
Diese Impulsivität wäre ohne eine lang erprobte Zusammenarbeit unmöglich. Stephan-Max Wirth stellt in seiner Linernote zu dieser CD heraus: „Die Kompositionen stammen von mir, doch was daraus im jeweiligen Moment entsteht, wird ohne Absprache spontan gemeinsam beim Spielen entschieden. Absolutes Vertrauen und Loyalität zwischen den Musikern sind die Voraussetzungen hierfür.“
Die SMWE ist seit vielen Jahren erfolgreich im Jazz vertreten. Das Album „Illumination“ erhielt den Berliner Förderpreis „Studioprojekt Jazz“. Das umfangreiche Bühnenprojekt „DADA Republic!“ wurde auf dem Berliner Jazzfest uraufgeführt, mit der CD „Multiple Pulse“ wurde das SMWE für den „JAZZ-ECHO deutscher Musikpreis“ in der Kategorie „Ensemble des Jahres“ nominiert. Und die aktuelle CD „Passion“ war 2012 CD der Woche beim NDR.
Reservierungen unter: kasse@jazzbiber.de
(bis spätestens 15:00 Uhr am Tag des Konzerts)
Markus Harm Quartett macht Laune im Jazzkeller
Als Höhepunkt ein Lamento über einen Strafbefehl
BIBERACH – Eine regelrechte Frischzellenkur verpasste der junge Saxophonist Markus Harm mit seinem hochkarätig besetzten Quartett den begeisterten Besuchern im Jazzkeller. Sympathisch, natürlich, ungekünstelt und vor allem mit einer Fülle lyrisch inspirierter Ideen, voll rhetorischer Kraft und mit ausgeprägtem Gestaltungswillen konnten die Musiker von Anfang an überzeugen.
Etwas verspätet aber offenbar gut gestärkt zurück vom Abendessen generierten die vier Jungs aus dem Stand eine verblüffende Dynamik. Mit dem eher programmatischen Opener „Late Delivery“ aus der Feder von Markus Harm schob dieser dann auch gleich die Erklärung hinterher, warum es gerade mal wieder so pressierte. „Fünf vor Zwölf“ – einer der nächsten Titel des gerade dem BUJAZZO (Bundesjazzorchester) entwachsenen, energiegeladenen Ausnahmesaxophonisten machte diesen Charakterzug dann nochmals sinnfällig. Dennoch blieb auch immer wieder Platz für nachdenklich Kontemplatives. Eine Neukomposition von Harm, eine langsame Ballade, die bisher noch keinen Titel trägt, bot Raum für weite, meist rhetorische geprägte Melodielinien voll poetischer Kraft und Anmut. Hier verspricht, nach einigen Jahren der Reife, ein Musiker mit der Gestaltungskraft eines Charlie Mariano heranzureifen.
Auch Christoph Neuhaus an der Gitarre, ehemaliger Schüler von Frank Kuruc an der Musikhochschule Mannheim, Erasmus-Stipendiat in Amsterdam und mittlerweile auch Leiter eines eigenen Quintetts mit gefeierten CD-Einspielungen, steuerte eine ganze Reihe von Kompositionen zum Programm bei. Neben „Gezeitenwende“ und „View over Sibiria“ konnte vor allem sein Titel „505“ (die Anfangszahlen eines Überweisungsträgers für einen der, so Harm, nicht ganz seltenen Strafbefehle wegen Verstößen gegen die Straßenverkehrsordnung) überzeugen. Die künstlerische Umsetzung in ihrer pittoresken Anschaulichkeit, die auch in der leidvollen Mimik des Gitarristen zum Ausdruck kam war einfach köstlich. Überwogen zu Beginn Schock und Ärger in synkopierten, clusterartig dissonanten Akzenten über ostinaten Begleitfiguren, so löste sich schließlich der Frust in den langgezogenen, durch fallende Portamenti und Seufzerfiguren unterbrochenen Melodielinien eines elegischen Lamentos. Auf diese Weise lässt sich selbst einem Strafzettel noch Positives abgewinnen. Ob sich der kreativ geparkte Bandbus an diesem Abend ebenfalls ein „Knöllchen“ einfing, konnte noch nicht geklärt werden.
Jens Loh am Kontrabass, ehemaliger Stipendiat der Kunststiftung Baden-Württemberg und international gefragter Sideman groovte gemeinsam mit dem Drummer Dominik Raab, der seinerseits zusammen mit Markus Harm im letztjährigen Finale des jungen bayrischen Jazzpreises und in BR-Klassik zu hören war. Loh fand dabei in seinen temperamentvollen Improvisationen eine witzige Mischung zwischen Singstimme und Bass. Raab wirbelte in technischer Perfektion immer wieder den Bandsound auf, war ebenfalls vollwertiger Akteur im Quartett der Gleichwertigen.
gez. Dr. H. Schönecker