Archiv – Seite 52 – Jazzclub Biberach e.V.

24.11.2017: Haberecht 4

Haberecht 4 zu Dritt im Jazzkeller

Kerstin Haberecht unter Volldampf

BIBERACH – Als der Vierte im Bunde, der Wahlberliner Drummer Mathis Grossmann, eine knappe Stunde vor Konzertbeginn von Frankfurt aus im Biberacher Jazzkeller anrief, dass die Deutsche Bahn ihm satte vier Stunden Verspätung beschert, war die Aufregung um Kerstin Haberecht zunächst groß. Immerhin hatte man die CD „Essence“ vergangenes Jahr im Quartett eingespielt und ein Auftritt ohne Schlagzeug, nur im Trio, schien zunächst undenkbar. Gutes Zureden vom veranstaltenden Jazzclub, der Mut der Verzweiflung und eine kurze aber intensive Vorbereitungsphase haben die Trio-Premiere aber dann doch zu einem ungeahnten Überraschungserfolg werden lassen.

Der unermüdlich im perfekten Timing und in federnder Leichtigkeit groovende Kontrabassist Bastian Weinig und mit Nicolas Hering ein glänzend aufgelegter Pianist mit einer breiten stilistischen Ausdruckspalette und stupender Spieltechnik konnten vieles von dem auffangen, was üblicherweise der Mann am Drumset übernimmt. Dennoch verblieb für die Komponistin und Bandleaderin Kerstin Haberecht am Alt- und Sopransaxophon eine Mammutaufgabe. In Sachen Kondition und Konzentration stand sie ständig unter Volldampf und musste oft an ihre Grenzen oder gar darüber hinausgehen. Im Rückblick darf jedoch nur Positives konstatiert werden, das erzwungene Experiment hat sich dank der Professionalität der Musiker durchaus gelohnt und das Publikum begeistert.

Nicht nur die eher verträumten oder balladesken Stücke wie der mit einer wunderschönen mit dem Bogen gespielten Bassmelodie über dem gleichförmig tickenden Klavier eingeleitete „Schlafloser Februar“, die „Schöne Stille, Stille Schöne“ oder der erste Teil von „Metamollphose“ sondern auch die lebhafteren Teile oder Nummern wie „Machine“ gewannen durch  die Reduktion an Transparenz und Intensität. Weit gespannte Saxophonkantilenen, ausgedehnte und hochexpressive, teils auch hochvirtuose Soloimprovisationen in einem sorgfältig austarierten kontrapunktischen Geflecht mit den beiden sensibel reagierenden Mitakteuren erzählten pittoreske Geschichten oder musikalische Erinnerungen an außergewöhnliche Emotionen aus Haberechts persönlicher Erfahrungswelt. Mit den Originalen im Ohr fehlten hier und da vielleicht doch etwas die häufig klangmalerischen Beiträge des Schlagzeuges oder auch dessen treibender Groove. Vor allem fehlten aber Erholungsphasen für die verbleibenden Akteure, die somit beständig unter Feuer standen und gerade in den kontemplativen Teilen vielleicht dann doch nicht die gewohnte kontemplative Versenkung vermitteln konnten.

Aufgelockert durch einige Standards wie etwa Wayne Shorters vor allem von Miles Davis bekannt gemachten „Footprints“ oder auch ganz neuen Kompositionen, die erst auf der nächsten CD von Haberecht erscheinen werden, verging der Konzertabend gleichwohl viel zu schnell und machte dabei Appetit auf mehr. Der ebenso unmittelbare wie feinsinnige Personalstil Haberechts, frischer Modern Jazz der kommenden Generation, atmet eine große Natürlichkeit und bezieht genau daraus auch seine künstlerische Überzeugungskraft. Haberecht hat Recht und tut das Richtige.

Text und Fotos: Helmut Schönecker

Haberecht 4

Am 24.11.2017 um 20:30 Uhr

Ort: Jazzclub Biberach
(c/o Bruno-Frey-Musikschule, Wielandstraße 27, 88400 Biberach an der Riß)

Beschreibung
Das in dieser Form seit 2013 bestehende Modern Jazz Quartett um Kerstin Haberecht mit Nicolas Hering (p), Bastian Weinig (b) und Mathis Grossmann (dr) widmet sich hauptsächlich den schnörkellosen Eigenkompositionen der Saxofonistin.

Beeinflusst durch zahlreiche musikalische Vorbilder übersetzt sie in ihren Kompositionen prägende Erlebnisse, außergewöhnliche Atmosphären oder kleine assoziative Details in ihre eigene musikalische Sprache. Dabei bereitet es ihr große Freude, sowohl die sanfte, sangliche als auch die energisch, perkussive Seite ihres Sounds zu präsentieren. Unterstützt wird sie hierbei von einer Rhythmusgruppe, die mit ihren verschieden Charakteren maßgeblich den Gesamtklang von HABERECHT 4
beeinflusst.

Im September 2016 erschien ihr erstes Album „Essence“ bei Jazz Thing Next Generation / Double Moon Records.

www.haberecht4.com

Eintritt 17€ (ermäßigt 13€)
Biberacher Schüler wie immer frei!

17.11.2017: South Quartet

South Quartet im neckischen Ideenwettstreit

Jazz zwischen Wehmut und Hoffnung

BIBERACH – Mit dem „South Quartet“ hatten sich am Freitagabend vier kantige Individualisten aus Deutschlands wildem Süden im Biberacher Jazzkeller eingefunden – lebenserfahren, souverän und stilistisch eigenständig. Im wechselseitigen künstlerischen Einvernehmen aber auch durchsetzt von gegenseitigen, spielerischen Provokationen und stimulierenden Kontrasten lieferten sich die vier auch persönlich befreundeten Musiker einen lebhaften Schlagabtausch an gestalterischen Ideen. Im fliegenden Wechsel drängten sie sich, mitunter sogar scheinbar brachial in den Vordergrund um gleich darauf wieder im Dienst der gemeinsamen Sache kleinlaut ins Glied zurückzutreten. Der gegenseitige Respekt war dabei immer spürbar und so übertrug sich das neckische Spiel durchaus auch auf das Publikum, das daran seine helle Freude hatte. So viel Freiheit und Offenheit, Spontaneität, Witz und Situationskomik findet sich in kaum einem anderen Musikstil: That’s Jazz!

Musikalische Kommunikation und Interaktion entzündeten sich an den paritätisch zum Programm beigesteuerten Einzelkompositionen der vier Künstler. Perfekt ausgearbeitetes Satzspiel stand dabei ebenso wenig im Vordergrund wie komplementäre Verzahnung vertrackter Rhythmen. Das hätte die markanten Individuen wohl zu sehr eingeschränkt. Sowohl Ull Möck, virtuos und einfühlsam am Flügel, als auch der eher introvertiert agierende Markus Bodenseh am Kontrabass oder der gebürtige Biberacher Matthias Daneck am quirlig groovenden Schlagzeug zeigten sich in ihren eher begleitenden Rollen höchst kreativ und abwechslungsreich unter konsequenter Vermeidung standardisierter Begleitmuster. Jederzeit bereit sich vom Diener zum Herrn aufzuschwingen, immer auf dem Sprung, immer für Überraschungen gut und dabei immer das große Ganze im Blick haltend, forderten sie die Aufmerksamkeit des Publikums beständig heraus.

Als „primus inter pares“ moderierte der Jazztrompeter und Kornettist Peer Baierlein als Frontmann auch die meisten Stücke des Abends. Nicht nur in der Matthias Daneck gewidmeten Komposition „Matthias“ setzte er mit seinem durchsetzungsfähigen und charakteristischen, mal weichen mal kernigem Sound die melodischen Strukturen und formalen Eckpfeiler. Ebenso wie in den launigen Worten seiner Ansagen fand er aber auch in seinen kurzweiligen Improvisationen zielsicher das etwas Andersartige und Besondere, das aufhorchen ließ und die Virtuosität seines Spiels in etwas Übergeordnetes einbettete, in etwas zwischen „Wehmut“ und „Hoffnung“ – so zwei seiner weiteren Kompositionen.

Seinen zahlreichen Biberacher Fans, darunter seinem früheren Schlagzeuglehrer Markus Merz, dem er bei dieser Gelegenheit mit einfühlsamen Dankesworten überschwänglich huldigte, gewährte Matthias Daneck mit seinen Kompositionen „Hymn of the lost reggae“ oder „One Four“ herausragende Kostproben seines Könnens und vermittelte einen tiefen Eindruck seiner umfassenden Begabungen als Komponist und Musiker. Zwei gern gegebene Zugaben rundeten ein weiteres Highlight im Herbstprogramm des Jazzclubs ab.

Text und Fotos: Helmut Schönecker

South Quartet

Am 17.11.2017 um 20:30 Uhr

Ort: Jazzclub Biberach
(c/o Bruno-Frey-Musikschule, Wielandstraße 27, 88400 Biberach an der Riß)

Beschreibung
Hinter dem South Quartet mit Ull Möck (p), Markus Bodenseh (b), Matthias Daneck (dr) und Peer Baierlein (tp) verbergen sich vier Musiker auf absolutem Top-Niveau. Die Liste der Bands und Musiker, mit denen jeder Einzelne bereits aufgetreten ist, liest sich wie das ‚who is who‘ der deutschen und internationalen Jazz-, Pop- und HipHop Szene: Reggie Washington, Clark Terry, Randy Brecker, Reggie Johnson, Peter Herbolzheimer, Arturo Sandoval, Pointer Sisters, Ute Lemper, Fanta 4 und und und …

Das South Quartet gehört zu einer neuen Generation von Jazzmusikern, die keine Vorurteile kennen, ausschließlich Eigenkompositionen spielen, aber doch an der Tradition anknüpfen und sich gleichzeitig mit Hilfe von neuen Mitteln auf noch unbekanntes Terrain begeben. Musik, die sich gerne als ‘Jazz’ bezeichnen lässt, die sich aber auch durch Toleranz gegenüber anderer Musik auszeichnet, wobei Authenzität und unbekümmerte Kreativität im Vordergrund stehen.

Eintritt 17€ (ermäßigt 13€)
Biberacher Schüler wie immer frei!

10.11.2017: Susan Weinert Rainbow Trio

Kompromisslose Soundfetischisten im Biberacher Jazzkeller

Susan Weinert Rainbow Trio – ein wahres Freudenfest für Feinsinnige

BIBERACH – Durchaus nicht zu viel versprochen hatte die vollmundige Ankündigung des international renommierten, aus dem Saarland stammenden Susan Weinert Rainbow Trios durch den veranstaltenden Jazzclub Biberach. Das nach über 30 auch musikalisch gemeinsamen Jahren perfekt aufeinander eingespielte Ehepaar Susan (Gitarre) und Martin Weinert (Kontrabass) sowie der ihnen seit vielen Jahren freundschaftlich verbundene Konzertpianist Sebastian Voltz bildeten ein „schlagkräftiges“ Team und erreichten mit ihrer genreübergreifenden, feinsinnigen „Musik für Seele und Geist“ unmittelbar das zahlreich erschienene Biberacher Publikum. Von Beginn an waren es nicht nur lang anhaltender Beifall sondern auch euphorische, verbale Beifallskundgebungen, die deutlich stimulierende Wirkungen auf die Musiker ausübten.

Die glitzernden, hochpräzise perlenden Läufe des klassisch geschulten Konzertpianisten Sebastian Voltz auf dem frischgestimmten Kawaiflügel gerieten zum Ohrenschmaus und fügten sich klanglich bestens in das Soundgefüge des blendend harmonierenden Susan Weinert Rainbow Trios. Besonders wenn Voltz sich zupfenderweise im Inneren des Flügels zu schaffen machte, waren die gezupften Klänge unter sich und völlig aus einem Guss.

Mit den Weinerts waren kompromisslose Soundfetischisten am Werk. Ein ebenso umfangreiches wie hochkarätiges elektronisches Equipment mit ganzen Batterien von Fußschaltern und Effektgeräten, gesteuert über gleich zwei Macbooks, erzeugte einen üppigen und dennoch transparenten natürlichen Sound, der sich mit dem akustisch spielenden Flügel bestens vertrug.

Die meisten Kompositionen des Abends stammten von der bei Richie Beirach, John Abercrombie und Mike Stern ausgebildeten Gitarristin Susan Weinert. Vom ersten Stück an, dem munter groovenden „Windrad“ aus der CD „Fjord“, zeigte sich, dass hier ebenso homogene wie flexible künstlerische Interaktionen in einen spannungsreichen und vielschichtigen Personalstil eingebettet waren. Vom nervös vibrierenden „Tanz der Schmetterlinge“ bis zum nächtlich-mystischen Flug der „Kraniche“ mit zugespielten Originaltonaufnahmen über Susan Weinerts heiteres Lieblingsstück „Ein Sommertag“ bis zu „Der Unverzagte“ aus der Feder Martin Weinerts war es vor allem die unbekümmerte stilistische Vielfalt und Offenheit, gepaart mit spontanen Improvisationen, die eine federleichte Melange zwischen subtilem Kammerjazz und zupackenden jazzigen oder rockigen Grooves entstehen ließ.

Nach einem kurzweiligen Programm gab es noch zwei freudig gewährte Zugaben und von den Musikern sogar Applaus für das besonders aufmerksame Biberacher Publikum. Während der Vorträge konnte man beinahe eine Stecknadel fallen hören, danach war es dafür umso turbulenter.

Text & Fotos: Helmut Schönecker