Archiv – Seite 13 – Jazzclub Biberach e.V.

22.11.2024: Karoline Weidt Quartett

„Ladies in Jazz“-Reihe #6 – Karoline Weidt Quartett

„Die mit den Engeln singt“

BIBERACH – Nicht nur der rege CD-Verkauf, auch die glockenhelle Stimme der Brandenburger Jazz-Sängerin, Komponistin und Bandleaderin Karoline Weidt sowie die Schneelandschaft vor der Haustüre ließen den Verdacht aufkommen, das Fest der Feste sei nicht mehr weit. Machte schon das bestens aufgelegte Quartett aus dem Umfeld der Dresdener Musikhochschule mit seinem musikalischen Rundum-Wohlfühlpaket gute Laune, so taten die feinsinnigen Interpretationen ausgesuchter Texte und die wandelbare Stimme der jungen Sängerin ihr Übriges. Gelegentlich durften sogar die zahlreichen Gäste als Background-Chor in Aktion treten.

Lediglich bei den ersten Stücken mit noch etwas gebremstem Schaum, fanden Band und Publikum dann doch schnell und umso enger zusammen. Stimulierende Beifallsrufe und Szenenapplaus, vor allem bei den stupenden Solo-Improvisationen des Pianisten Mikolaj Suchanek aber auch der engelslockigen Kontrabassistin Liza Stadnitska motivierten sicht- und hörbar auch die Musiker. Weidts Stimme erfüllte selbst in den Passagen mit Scatsilben ihren solitären Part souverän, ohne deswegen dominant oder gar penetrant zu wirken. Am offenkundigsten offenbarte sich ihre Meisterschaft sowie die klassisch geschulte und dennoch jazztypische Stimme in der einzigen Fremdkomposition des Abends, in Kurt Weills „Speak low“.

Selten war das durchaus anspruchsvolle Stück des vor allem durch seine „Dreigroschenoper“ mit dem Libretto von Berthold Brecht bekannten Komponisten, im Original für Singstimme und Klavier, in solch lyrischer Empfindsamkeit und Ausdruckstiefe zu hören, die einfühlsame Begleitung mit eingeschlossen. Weidts Interpretation braucht sich selbst hinter der etwas überarrangierten Version eines Frank Sinatra nicht zu verstecken. Ihr persönliches Vorbild Sarah Vaughan schimmert zwar durch, deren waberndes Vibrato hat sie jedoch, dem Jazz und dem Zeitgeschmack geschuldet, auf ein Minimum reduziert ohne dadurch jedoch an Intensität einzubüßen.

Auch ihre eigenen, tiefsinnigen Kompositionen sind durch eingängige, weitgespannte und plastische Melodien gekennzeichnet. Das innige Verhältnis zwischen Text und Musik erschließt sich nur bei intensivem und am besten wiederholtem Hören, so dass ein CD-Kauf sicher kein Fehler war. Die Fülle musikalischer Einfälle besonders in den Klavierimprovisationen, die organischen Übergänge zwischen den einzelnen Formabschnitten und immer wieder die sensible und filigrane Begleitung für deren dezenten Groove neben dem Kontrabass besonders auch der Drummer Felix Demeyre verantwortlich zeichnete, sprechen ebenfalls für wiederholtes Hören. Und so wie wahre, geistvolle Kunst auch bei wiederholter Betrachtung und Kontemplation immer neue Schätze und Einsichten offenbart, verliert auch Weidts Œuvre durch Wiederholung nichts von seiner Faszination.

Text und Fotos: Helmut Schönecker

Karoline Weidt Quartett

Am 22.11.2024 um 20:30 Uhr

Ort: Jazzclub Biberach

Beschreibung

Die 1995 in Brandenburg geborene Sängerin studierte Jazz-Gesang und Pädagogik an der Hochschule für Musik in Dresden und ist seit ihren Jahren im BUJAZZO im Bereich von Jazz und zeitgenössischer Musik auch als Komponistin tätig. Mit ihrem 2020 gegründeten und bereits mehrfach preisgekrönten Quartett produzierte sie 2023 die Platte „Inviting“ in der Reihe „Jazzthing Next Generation Vol 98“. Bis auf „Speak Low“ von Kurt Weill enthält das Debüt-Album nur Eigenkompositionen, neben eigenen Texten teilweise auch mit Lyrics von Emily Dickinson. Die Stimme von Karoline Weidt ist äußerst facettenreich, lässt an große Vorbilder wie Ella Fitzgerald oder Sarah Vaughan oder auch Norma Winstone denken. Songs wie „Yellow Sky“, „The Birds“ oder „She’s The Dawn“ vereinen die Energie und Komplexität des Jazz mit der Eingängigkeit aus der Welt des Pop.

Karoline Weidt (voc)
Mikolaj Suchanek (piano)
Liza Stadnitska (bass)
Felix Demeyre (drums)

www.karolineweidt.de

Eintritt: 22 Euro, Jazzclub-Mitglieder 18 Euro, Studierende 10 Euro,
freier Eintritt für Biberacher Schülerinnen und Schüler

Foto: Marlene Rahmann

16.11.2024: Rebecca Trescher Tentett

Rebecca Trescher Tentett gibt fulminantes Gastspiel in der Stadthalle

Magische Klänge aus Rebeccas Zaubergarten

BIBERACH – Ein Tentett mit 10 Musikern an rund 20 Instrumenten unter Leitung von Rebecca Trescher, ein Jazzkonzert mit kammermusikalischem Einschlag, elaborierte Kompositionen mit überraschend vielen improvisatorischen Freiheiten und ein über viele Jahre hinweg bestens eingespieltes Team irgendwo zwischen Jazzcombo und Symphonie-Orchester angesiedelt, mit einer repräsentativen Auswahl an Holz- und Blechbläsern, Konzertharfe, tiefe Streicher, Vibrafon, Schlagzeug, Klavier und Kontrabass in immer neuen Klangkonstellationen verzauberte in der Stadthalle mit Charakterstücken aus dem Ideenpool der Musiker ein musik- und jazzaffines Publikum. Ein fulminanter Höhepunkt in der Konzertreihe „Ladies in Jazz“ des Jazzclubs.

Mal eher programmatisch angelegt, mal kontrapunktisch gewirkt, mal durch ostinate Motive oder Klangflächen geprägt, immer aber mit plastischen Melodielinien und impressionistisch schillernden Klangfarben versehen, von rasanten Improvisationen und expressiven Soli durchzogen, rhythmisch und metrisch mal mehr mal weniger komplex und dabei strukturell äußerst facettenreich, entfaltete sich ein kurzweiliges Programm, dessen durchaus überzeugender Individual-Stil schwer zu fassen ist. Die intensive Wirkung auf die begeistert applaudierenden Zuhörer, ob eher melancholisch, heiter, dramatisch oder optimistisch und aufmunternd, war jedenfalls mit Händen greifbar.

Die meisten Stücke entstammten der brandneuen CD „Character Pieces“, das Schlussstück „Where We Belong“ war gar eine Uraufführung. Das Konzept der Charakterstücke bestand darin, von jedem Musiker eine mehr oder weniger ausgearbeitete Idee für eine Komposition skizzieren zu lassen. Aus den disparaten Bausteinen komponierte, instrumentierte und arrangierte Rebecca Trescher schließlich die Kompositionen, die somit trotz ihrer Verschiedenartigkeit eine einheitliche Handschrift trugen.

Das Eröffnungsstück „Le Moutardier“ ließ einen manchen Zuhörer zunächst verwundert die Augenbrauen hochziehen, schien doch zunächst nichts so richtig zusammenzupassen. Als nachträglich der Titel des Stückes verkündet und mit „Der Senfmacher“ übersetzt wurde, ging aber schließlich dem einen oder anderen Zuhörer doch noch ein Licht auf. Zu einer ostinaten Begleitformel in Klavier und Kontrabass traten nach und nach eine Klarinetten- und Flötenmelodie, weitere Instrumente mischten sich ins Geschehen, pikante Ingredienzien, dissonante Kollisionen, teils in schriller Tonlage von Flöte und Klarinette, immer neue Drehfiguren umschlangen sich und rührten den Senf zusammen, dessen Würze schließlich förmlich am Gaumen zu spüren war.

Eine ganze Reihe von Kompositionen erschloss sich über ihre programmatischen Titel. Bezwingend das düstere Nachtstück nach einer Idee des Vibrafonisten Roland Neffe. Wunderschön und deutlich harmonischer das Stück „Aussichtsreich“, entstanden während einer Probephase in einer hoch über Bregenz gelegenen Jazzscheune mit Blick über den Bodensee. Silvio Morger am Schlagzeug und Andreas Feith am Klavier waren die Ideenlieferanten. Pittoresk auch der Titel „Höhenwind“, durchsetzt mit Blasgeräuschen durch tonloses Blasen ins Instrument sowie quirligen Figuren in der Klarinette aus der Tiefe in die höchste Lage aufsteigend. Gefolgt wurden diese von schnell auf- und absteigende Skalenmotiven und einer rasanten Improvisation vom Klavier durch Andreas Feith, von dem auch die Idee zum Stück stammte. Die wilde Improvisation zu „Wildwasser“ durfte deren Urheber, der Tübinger Markus Harm am Altsaxophon beisteuern.

Eines der eindrucksvollsten und faszinierendsten Stücke war der von brasilianischen Rhythmen durchzogene, klanglich entzückende „Zaubergarten“, der sich, wie das im 15/8 Takt über einem Vibrafon-Ostinato gehaltene „Verborgen im Wald“, wohl auf der nächsten CD wiederfinden dürfte. Nach zwei Stücken aus dem Paris Zyklus Rebecca Treschers als Zugabe fanden die mitgebrachten und signierten CDs reißenden Absatz.

Text und Fotos: Helmut Schönecker

Rebecca Trescher Tentett

Am 16.11.2024 um 20:00 Uhr

Ort: Biberach, Stadthalle

Beschreibung

Der Jazzclub Biberach e. V. präsentiert in seinem aktuellen Programmschwerpunkt „Ladies in Jazz“ das Tentett der Komponistin, Bandleaderin und Jurorin beim Biberacher Jazzpreis, Rebecca Trescher. Seit zehn Jahren leitet die Komponistin und Klarinettistin Rebecca Trescher ihr Tentett, mit dem sie sich einen hervorragenden Namen in der internationalen Jazz-Szene erspielt hat. So wurde die Musikerin etwa mit dem Deutschen Jazzpreis für Komposition des Jahres 2022 ausgezeichnet. Aktuell präsentiert sie ihr brandneues Album „Character Pieces“. Man spürt die außergewöhnliche freundschaftliche Energie dieses Ensembles, das einige der angesagtesten Musiker aus ganz Deutschland miteinander vereint und den Funken sofort aufs Publikum überspringen lässt. Die 35-jährige Bandleaderin präsentiert eines der innovativsten Projekte der gegenwärtigen Jazzszene.

Rebecca Trescher – Klarinette, Bassklarinette, Komposition
Julian Hesse – Trompete, Flügelhorn
Joachim Lenhardt – Tenorsaxophon, Klarinette, Flöte
Markus Harm – Altsaxophon, Klarinette, Flöte
Anton Mangold – Konzertharfe, Altsaxophon, Flöte
Juri Kannheiser – Cello
Andreas Feith – Klavier
Roland Neffe – Vibraphon
Christian Diener – Kontrabass
Silvio Morger – Schlagzeug
Friedrich Betz – Sound, Live-Abmischung

Weitere Infos und Tickets unter https://kulturkalender-biberach.reservix.de/…/group/470768

Eintritt: 29,50 Euro; Ermäßigung für Jazzclub-Mitglieder, Studenten und Inhaber der Kulturkarte

Foto: Sebastian Autenrieth

08.11.2024: Nicole Johänntgen Trio

Nicole Johänntgen geleitet durch das Labyrinth unserer Zeit

Experimenteller Jazz jenseits aller Plattitüden

BIBERACH – Die wahren Meister suchen stets die Herausforderung, die neuen Wege, das Risiko. So auch die vielfach ausgezeichnete Wahlschweizer Saxofonkoryphäe Nicole Johänntgen im vierten Konzert der erfolgreichen „Ladies in Jazz“-Konzertreihe des Jazzclubs. Die erste Herausforderung besteht bereits in der ungewöhnlichen Besetzung des Trios, ganz ohne Harmonieinstrument, nur mit Saxofon, Tuba und Perkussion. Die zweite Herausforderung liegt in dem künstlerischen Ansatz, allzu konventionelle Patterns konsequent zu vermeiden. Die dritte Herausforderung liegt darin, dem Publikum einen Weg durch das Labyrinth der Gegenwartskultur zu zeigen, einen Ariadnefaden für die Sinnsuche an die Hand zu geben. Dies auf experimentellem Weg, ohne Netz und doppelten Boden zu wagen, stellt dabei vielleicht die größte Herausforderung dar. Und zweifelsohne hat das internationale Trio all diese Herausforderungen gemeistert, ein rundum positives Lebensgefühl vermittelt, seine zahlreichen Biberacher Fans überzeugt, begeistert und mit gleich zwei Zugaben belohnt. Und auch der Verkauf der mitgebrachten CDs lief glänzend.

Weniger ist oft mehr. Eine ästhetische Einsicht, die in der Musikgeschichte immer mal wieder fruchtbar wurde. Vor rund hundert Jahren fanden die Komponisten einen künstlerischen Weg zurück von der überschäumenden Romantik und einem überbordenden Expressionismus. Die Reduktion auf das Wesentliche führte in der Dodekaphonie oder im kargen Neoklassizismus vor allem zu kleineren Ensembles. Schönbergs und Strawinskys Œuvre spiegeln diese Reduktion wieder und gipfeln gar im Minimalismus. Im Modern Jazz wurden die Ensembles als Reaktion auf die Swing- und Bigband-Ära ebenfalls wieder kleiner, kammermusikalisch transparent. Trotz gelegentlicher Anklänge an die Minimal Music geht Johänntgen nicht ganz so weit. Ihre eher rhetorisch und rhythmisch geprägte Motivik ist dazu viel zu expressiv, die kontrapunktische Verzahnung und Interaktion mit ihren Mitspielern viel zu intensiv, das spielerische Element viel zu ausgeprägt, die Improvisationen viel zu lebendig. Die klanglichen und rhythmischen Errungenschaften und Erweiterungen des Modern Jazz sowie dessen Multikulturalität hat sie dabei durchaus verinnerlicht. Skalen- und akkordbezogene Improvisationen werden weitgehend vermieden, Stimmung trefflich charakterisiert.

Rhythmisch geschärfte Unisonopassagen angereichert mit Multiphonics (gleichzeitiges Spielen und Singen in das Instrument) a la Albert Mangelsdorff auf Saxofon (Nicole Johänntgen) und Tuba (Jon Hansen) eröffnen den bunten Reigen, münden in dialogisierende, hochvirtuose Abschnitte, durchsetzt mit rhetorisch geprägten Phrasen und zusammengehalten durch sensibel groovende Rhythmuspatterns (David Staudacher). Das abwechslungsreiche Programm aus der letzten CD-Produktion „Labyrinth“ zieht das Publikum, beginnend mit dem Johänntgens Schweizer Wahlheimat gewidmeten „Lac Leman“, dem Genfer See, sofort in seinen Bann. Gelegentlich erklingende Kuhglocken aus dem Perkussions-Instrumentarium und vereinzelte „Muh-Rufe“ von der Tuba verstärken den helvetischen Eindruck. Eingestreute Songs, auch bereits vom demnächst erscheinenden neuen Album, ganz der Liebe gewidmet, lockern das Programm auf, führen durch das stilistische „Labyrinth“ unserer Tage, geben Einblicke in das, was die Komponistin derzeit vor allem beschäftigt: ihr vierjähriger Goldschatz Nenel. Ihm war nach „Pandeiro“, einem eindrucksvollen, hochdifferenzierten und heftig umjubelten Perkussion-Solo auf dem brasilianischen Tambourin, schließlich auch die zweite, ausdauernd herbeigeklatschte Zugabe gewidmet.

Text und Fotos: Helmut Schönecker

Nicole Johänntgen Trio

Am 08.11.2024 um 20:30 Uhr

Ort: Jazzclub Biberach

Beschreibung

Nicole Johänntgen ist in Biberach keine Unbekannte. Bereits zum vierten Mal gastiert die in der Schweiz lebende Saxophonistin und Komponistin im Jazzkeller und hat sich über die Jahre hier viele Fans erworben. Auf ihrem neuesten Album „Labyrinth“, Nummer 26 in ihrem umfassenden ?uvre, trifft die überaus rührige Saarländerin auf den Tubisten Jon Hansen und den Perkussionisten David Stauffacher. Live und vor Publikum für das Schweizer Radio SRF 2 eingespielt groovt das neue Album extrem frisch, experimentierfreudig und kraftvoll. Gefühlvoll, expressiv und virtuos führt Johänntgen das ungewöhnlich besetzte Trio an, entwickelt ungeahnte neue Möglichkeiten und löst scheinbare Widersprüche auf.

Nicole Johänntgen (Sax)
Jon Hansen (Tuba)
David Stauffacher (Percussion)

Eintritt: 22 Euro, Jazzclub-Mitglieder 18 Euro, Studierende 10 Euro,
freier Eintritt für Biberacher Schülerinnen und Schüler

Foto: Daniel Bernet