Archiv – Seite 117 – Jazzclub Biberach e.V.

11.10.2002: Manfred Junker Quartett

Konzertbericht „Manfred Junker Quartett“, 11.Oktober 2002, Jazzkeller Biberach

Deutsch-schweizerisches Jazz-Quartett in bester Spiellaune

Junker ist Junker ist Junker

Das Konzert im Jazzkeller der Bruno-Frey-Musikschule vergangenen Freitag war kurzweilig, unterhaltsam, abwechslungsreich. Das Publikum wirkte nicht gerade frenetisch begeistert aber doch sichtlich zufrieden, entspannt, happy und – es hätte etwas zahlreicher sein dürfen. Denn das Quartett um Manfred Junker war hochkarätig, gut disponiert, gut aufeinander eingespielt, routiniert und professionell. Und es verkörperte geradezu ein hochinteressantes Konzept, in dem das gesamte Repertoire des Konzertabends ausschließlich auf spezielle Arrangements von Kompositionen Cole Porters sowie Originalkompositionen des Bandleaders Manfred Junker beschränkt war. Genau darin lag auch das System begründet: In der Beschränkung erweist sich der wahre Meister.

Junker ist erklärter Cole-Porter-Fan, und er hat dem populären Schöpfer von „Kiss me Kate“  oder „Night and Day“, der zu den produktivsten Lieferanten von Jazz-Standards überhaupt zählt, vor allem in melodischer Hinsicht auch manches abgeschaut: weitgespannte Melodielinien, mit Chromatik durchsetzte Themen, zahlreiche Triolen und Synkopen etwa. Doch zuerst und vor allem ist der Konstanzer Gitarrist Manfred Junker er selbst. Auch wenn er Porter spielt ist er ganz Junker, seine eigene Handschrift ist immer deutlich erkennbar. Seine Eigenkompositionen haben eine einprägsame Melodik und emotionalen Tiefgang gleichermaßen, und sie haben in dem jungen Schweizer Saxophonisten Reto Suhner einen höchstkompetenten Sachwalter, der ihnen mit heißem Atem Leben einhaucht.  Suhner und Junker fanden sich, neben ihren solistischen Höhenflügen auch immer wieder zu erfrischenden, kreativen Dialog-Improvisationen voller Humor und Hingabe.

Inspirierte Balladen in schlichter und ergreifender Schönheit, ohne falsches Sentiment mit raumgreifenden Improvisationen durchsetzt sowie die in Latin-Rhythmen oder kernigen Rock-Grooves  mitreißenden Nummern wurden gleichermaßen souverän getragen von einer uneigennützigen Basis aus dem in der Szene bestens eingeführten German Kleiber am Kontrabass und dem hochbegabten BUJAZZO-Mitglied Martin Deufel am Schlagzeug. Besonders herausragend im Programm waren Porters relaxed swingendes„After you“ und fast noch überzeugender Junkers Eigenkomposition “Quietude”, eine Ballade, welche die Zuhörer in die tiefsten Traumwelten abtauchen ließ um sie geläutert wieder daraus zurück zu holen.

Junker „taugt nicht auf den Marktplatz“, um mit Hölderlin zu sprechen. Er liefert keine billigen Effekthaschereien, keine aufgesetzten Attitüden, er überzeugt durch natürliche Sympathie und erfrischende Offenheit, durch echte und tief empfundene Musikalität in einem integeren Gesamtkonzept. Eine Musikalität die sich durch seine Person „hindurchgearbeitet“ hat, die gerade dadurch aber auch ausgereift, mitunter sogar abgeklärt wirkt. Von diesem Junker bitte mehr!

07.06.2002: Michael Nessmann Quintett 

Michael Nessmann Quintett im Jazzkeller

Versunkene Schätze an verborgenen Orten

Oberflächlich gehört waren es vielleicht nur die introvertierten Fusion-Klänge einiger urbaner Individualisten. Wer aber beim jüngsten Konzert des Biberacher Jazzclubs am Freitagabend zum Ende einer arbeitsreichen Woche noch die Konzentration  zum aufmerksamen Zuhören aufbringen konnte, wurde reichlich dafür entlohnt. Unter der nervigen, rhythmisch groovenden Oberfläche einer kraftvollen Musik kamen faszinierende  musikalische Welten zum Vorschein.

Das Stuttgarter Michael Nessmann Quintett, überwiegend mit Eigenkompositionen des gitarrespielenden Bandleaders munitioniert, verschmolz in überzeugender  Weise die verschiedenen Stilrichtungen des ausgehenden 20. Jahrhunderts zu einem Konglomerat  eindringlicher Töne und Harmonien in deren Tiefen zahllose meist autonom-musikalische Ideen versteckt waren, gleich geheimnisvollen versunkenen Schätzen an verborgenen Orten – so der phantasievolle Titel einer der eher ruhig-sphärischen Titel des Abends.

Immer selbstlos im Hintergrund, selbst in den kurzweiligen, tadellosen Improvisationen eher schüchtern und verhalten, introvertiert aber dennoch ausdrucksvoll und ausdrucksstark agierte die Jazz Lady Maike Mohr an Keyboard und Flügel. Ein Genuss, der Genese ihrer sensiblen Improvisationen am Flügel zu lauschen. Die elektronischen Keyboard-Sounds klangen jedoch meist etwas dünn und harmlos. Weit dominanter und klangmächtiger, unterstützt durch ein üppig dimensioniertes Multieffektgerät, keinesfalls aber unsympathisch und penetrant erwies sich der Bandleader lediglich in seinen Ansagen als etwas unbeholfen. Seine Improvisationen gefielen, noch mehr jedoch die brillanten Unisonolinien, die er meist mit dem Saxophonisten Harald Schneider simultan zelebrierte und eben nicht, wie in der Szene oft gehört, nur „herunternudelte“.  Schneider gehörte mit seinen seelenvollen Saxophontönen zweifelsfrei zu den melodischen Aktivposten der Formation, sein rhythmisches Pendant Jörg Biefledt am Schlagzeug zeichnete für den subkutanen Groove verantwortlich. Sein satter Schlagzeugsound wurde nur noch übertroffen durch einen unglaublich sinnlichen, schmatzend-schlammigen E-Bass-Sound von Henrick Mumms 5-Saiter, der nicht nur für einen präzisen packenden Unterbau sondern eben auch für die vielzitierten „good vibrations“ sorgte. Was Wunder, dass nach dem fetzigen Schlusstitel, der seinerseits eines der Highlights des Abends war, vom begeisterten Publikum eine Zugabe eingefordert wurde.

Gez. Dr. Helmut Schönecker

19.04.2002: Salto Vocale 

Konzertkritik „Salto Vocale“ von Freitag, 19.04.2002 im Jazzkeller

Vokales „Entertainment“ auf hohem Niveau im Jazzkeller

Salto Vocale – ohne Netz und doppelten Boden

Vier echte Vokalsolisten, Stephanie Ruch (Sopran), Annette Riesterer (Alt), Florian Städtler (Tenor) und Thomas Reck (Bass), alle mit hochflexiblen Stimmen, großer Souveränität und solistischer Individualität gesegnet, stellten sich im Freitagskonzert des Biberacher Jazzclubs bedingungslos in den Dienst der gemeinsamen Idee, nahmen sich bewusst zurück zugunsten einer homogenen, bravourösen Ensembleleistung. Gelegentliche Solonummern konnten allesamt überzeugen, blieben aber letztlich nur Facetten einer eindrucksvollen Performance eines hervorragenden Satzgesanges etwa in der Tradition von „Manhattan Transfer“.
Die anfängliche Reserviertheit verlor sich rasch im gut besuchten Jazzkeller, wenn auch offene Begeisterung und spontane Anfeuerung sich erst im letzten Programmdrittel Bahn brechen konnten. Genau genommen ab dem Moment, ab dem so populäre Titel wie „Round Midnight“, „Just a Gigolo“ oder gar ein mitreißendes Broadway-Medley mit den entsprechenden Erfolgshits „Showbusiness“, „I got rhythm“, „Dont’t cry for me Argentina“, „New York, New York“ etc. den Korken aus der Flasche knallen ließen. Nun ehrt es die unter dem Sigel „Vocal-Entertainment“ angetretene Freiburger Formation, dass sie nicht auf vordergründige Effekthascherei abhob und abwechslungsreiche, anspruchsvolle, ja schwierige Arrangements einem schnellen und sicheren „Erfolg“ vorzog. Gerade dadurch entstand eben nicht der Beigeschmack vieler international bekannter „Stimmungskanonen“, billige Unterhaltungskonfektion in Hochglanzverpackung für teures Eintrittsgeld zu bieten sondern eine echte Verschmelzung der musikalischen Genres zu einem erbauenden Live-Erlebnis. Davon, wie auch von dem köstlichen Scat-Gesang besonders der beiden Herren, bitte mehr!
Die dreiköpfige Begleitband agierte zumeist zurückhaltend und funktional, trug die Sängerinnen und Sänger gewissermaßen „auf Händen“ zum Erfolg. Lediglich der technisch gleichwohl über alle Zweifel erhabene Arne Pfunder am Schlagzeug brachte die Vokalisten mitunter in Gefahr, nicht mehr gar so gut vernommen zu werden, half damit aber auch über anfängliche kleinere Unebenheiten hinweg. Thomas Pieper (Klavier) und Andreas Buchholz (Bass) steuerten, wie auch der Drummer, gelegentliche instrumentale Improvisationen bei, die sie weit über ihre ansonsten nur dienende Rolle hinauswachsen ließen.

Gez. Helmut Schönecker