27.02.2026: Jakob Bänsch Quartett – Jazzclub Biberach e.V.

27.02.2026: Jakob Bänsch Quartett

Zuhören, Eintauchen, Untertauchen, Wohlfühlen

Jakob Bänsch Quartett eröffnet neue Horizonte

BIBERACH – Der mit dem Deutschen Jazzpreis 2024 ausgezeichnete Komponist und Jazztrompeter Jakob Bänsch aus Pforzheim eröffnete mit seinem Quartett beim Freitagskonzert des Jazzclubs neue Horizonte. Eigenkompositionen fast aller Bandmitglieder, ausgesuchte und für Jakob Bänsch und sein Quartett wohl auch stilprägende Standards von Wayne Shorter („Fall“) oder Fred Coots („For All We Know“) sowie von dem brasilianischen Gitarristen und Sänger Toninho Horta („Pedra da Lua“ svw. „Mondstein) spannten einen weiten stilistischen Bogen, der sich zum Konglomerat eines modernen Jazzstils mit persönlicher Note verdichtete und  der nicht nur gut zum Anhören war, sondern zum Ein- und Untertauchen, zum plastischen Erleben und zu kurzweiliger Unterhaltung einlud.

Besonders Toninho Horta, einer der einflussreichsten Vertreter der Musica Popular Brasileira (MPB), der mit Herbie Hancock und Keith Jarrett zusammen auftrat und den Pat Metheny einst als „Herbie Hancock der Bossa-Nova-Gitarristen“ bezeichnete, scheint für Jakob Bänsch von tieferer Bedeutung zu sein. Den virtuellen „Mondstein“ des Songs trug Bänsch in realiter als Talisman am Finger und die Wahl dieses Titels war wohl auch eine Hommage an seine eigens angereisten Eltern und vor allem an die fürsorgliche Mutter, der im originalen Songtext eine zentrale Rolle als eine Art Schutzengel zukommt.

Der langsame, melancholische Bossa entwickelte, nach dem zum Auftakt gespielten und bereits mit langanhaltendem Applaus bedachten, mitreißenden Fusion-Titel „Blue Coats“ aus der Feder von Jakob Bänsch, eine emotionale Tiefe, die in starkem Kontrast zu dem krachenden und energiegeladenen Opener stand. „Blue Coats“ als subtile Anspielung und als Referenz an die US-amerikanische Fusion-Band „Yellowjackets“, die mit ihrem Stilmix aus Jazz, Rock, Pop und Latin seit den späten 1970ern eine wechselvolle Geschichte durchlaufen hatte, um schließlich mit der HR Bigband, der WDR Bigband und mit Bob Mintzer am Saxophon in den letzten Jahren auch in Deutschland Fuß zu fassen, verwies auf das kompositorische Anliegen von Bänsch: künstlerische Traditionen kraftvoll weiterentwickeln, diese um zeitgenössische Trends zu erweitern und ohne Berührungsängste mit dem eigenen, zunehmend stimmigen Personalstil zu verschmelzen.

Im Unterschied zu den früheren Fusion-Traditionen kommt bei Bänsch einem akustischen und transparenten Sound wieder größere Bedeutung zu. Die trockene Raumakustik im gut besetzten Jazzkeller und der weitgehende Verzicht auf elektronische Verstärkung – von dem dezent lautstärkemäßig angehobenen Kontrabass einmal abgesehen – ließ diesen Umstand deutlich werden. Und tatsächlich kam dies auch der, für eine Quartettbesetzung ungewöhnlich hohen, strukturellen Dichte der Kompositionen zupass. Dass der studierte Jazzpianist Niklas Roever, der neben seiner Konzerttätigkeit mittlerweile auch als Medizinstudent neue Meriten erwirbt, nicht nur kongenialer Partner von Bänsch ist, sondern auch als veritabler Komponist, etwa des Titels „Kiss and Run“ in Erscheinung tritt, öffnet weitere Horizonte, nicht nur für ihn selbst.

Über einer ostinaten Begleitfigur und einem gleichmäßig pulsierenden Schlagzeug-Rhythmus gliedert ein wiederholt auftretendes Unisono zwischen Klavier und Trompete das dreiteilige Stück und öffnet dazwischen weite Räume für abwechslungsreiche Improvisationen bevor ein überraschender Schluss das spielerische Wirken beendet. Steht das Unisono für den innigen Kuss, so dürften die dazwischen liegenden Improvisationen für den individuellen Lauf stehen.

Dass die Komposition „Jojoba-Öl“ des Kontrabassisten Jakob Obleser durch dessen bevorzugten Toilettenartikel inspiriert war, konnte wohl auch ein aufmerksamer Zuhörer ohne den dezenten Hinweis des Bandleaders nicht erahnen. Im Nachgang schien das kaltgepresste und hautfreundliche Zauberelixier jedoch durchaus seine segensreichen Wirkungen auch in künstlerischer Hinsicht entfaltet zu haben. Das Stück ging sozusagen „runter wie Öl“. Keine eigenen Kompositionen aber stets den richtigen Groove dargeboten zu haben, kennzeichnete das quirlige Spiel des mittlerweile in Madrid lebenden Ausnahme-Drummers Leo Asal, der demnächst mit dem „Jakob Manz Project“ beim Kurzkonzert des Biberacher Jazzpreises wieder in der „Jazzstadt Biberach“ gastieren wird.

Text und Fotos: Dr. Helmut Schönecker